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„Momentum“ mit Lars Vogt am Klavier und der Sängerin Louise Alder. 

Alte Oper

Auf Zuruf und mit Begeisterung

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„Mozart Momentum“ und „Unboxing Mozart“ sollen in der Alten Oper ein neues Publikum gewinnen.

Anti-Aging-Euphorie befällt ab und an Konzertveranstalter, die mit unüblichen Formaten und Publikumsbeteiligung belehrender sowie spielerischer Pädagogik befürchtete sklerotische Prozesse ihrer Klassik-Abteilung stoppen wollen. Das Mahler Chamber Orchestra sowie ein digital versierter Stab gaben am Wochenende in Frankfurts Alter Oper den Startschuss für die Gewinnung neuer Hörer, die in den nächsten Jahren europaweit angelockt werden sollen. Spiritus Rector ist der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes, den allerdings eine Lungenentzündung kurzfristig außer Gefecht setzte.

Für ihn sprang der 1970 in Düren geborene Lars Vogt ein, um die zentralen Werke des als besonders produktiv eingeschätzten Mozart-Jahres 1785 zu spielen. Am Anfang stand das g-Moll-Klavierquartett KV 478, wobei sich der Mozart-Saal der Alten Oper seines Namenspatrons würdig erwies und drei als Trio solistisch agierende Streicher des MCO im Verein mit Vogts Klavierstimme bestens repräsentierte. Man war auf angenehme Weise überrascht, weniger die artikulatorische Überfeinerung von solistisch getrimmten Experten als vielmehr eine griffigere, kernigere und figürlich direktere Klangfolie zu erleben. Zweifellos der Zeit Mozarts, die vor der gattungs-speziellen Überzüchtung lag, angemessen.

Mit Vogts klarem, lebhaft bewegtem und formidabel gefasstem Spiel befand man sich so in einer Solo-Tutti-Korrespondenz, die das Klavierquartett als mikrologisches Konzert für Klavier und Orchester erscheinen lassen konnte. Louise Alder steuerte aus dem Jahr 1785 fünf Lieder bei: bescheidene, nur in „Der Zauberer“ gestisch-ariose Qualität entfaltende Artikulationen, die die Sängerin der Frankfurter Oper denn auch gut zu nutzen wusste.

Aufgedröselte Stimmen

Ein Hauch Happy-New-Ears-Werkstatt streifte das Publikum, als Moderator Cliff Eisen Stimmen des „Dissonanzen“-Quartetts KV 465 sowie des c-Moll-Klavierkonzerts KV 466 aufzudröseln begann. Letzteres erklang dann in kammermusikalischer Besetzung (zwei Pulte hohe Streicher und Bratschen, ein Cello und Kontrabass sowie Holzbläser und Pauken): eine Sensation an Attacke, Volumen und Gestaltungsplastizität, die durch die modernen und stimmstarken Instrumente nur immer zu schnell sich im Lautstärkemaximum abspielte. Im Zwischenfoyer, wo als „Nach(t)konzert“ die Violinsonate KV 481 von Matthew Truscott und Steven Devine auf Instrumenten der Mozart-Zeit geboten wurde, wirkte das übermächtige Rauschen der Klimaanlage zerstörerisch.

„Mozart Momentum“ und „Unboxing Mozart“: Die beiden Begriffe des Wochenendes, der eine der physikalischen Impulstheorie, der andere der zeitgenössischen Netzkultur entlehnt, sollten die Bandbreite dieser Mozart-Erfahrung charakterisieren. Wobei „unboxing“ eigentlich das Filmchen meint, das User im Netz hochladen, um sich mit dem Ausdruck der Begeisterung beim Auspacken von bestellter Ware zu zeigen.

In Frankfurt durfte man aufs Podium des Großen Saals, wo die Orchestermusiker samt Lars Vogt auf Zuruf Stellen des c-Moll-Konzerts spielten. Man erlebte die Direktheit der Klangphysik, die Dichte der Schallemission, das Beben des Konzertbodens, die Härte und Haptik der Musik. Dann ging es hinaus, ausgestattet mit Boxen, in denen via audio-visueller Befehle und Auswahlmöglichkeiten man sich seine eigene Instrumentalstimme des Konzerts einsetzen konnte. Ein Betätigungsfeld für tatendurstige Konzertbesucher, denen das Beifallklatschen nicht reicht, und die zudem ihre Reaktionsschnelligkeit üben wollen, denn die Vorgaben des Displays für den eigenen Einsatz wurden mit erfüllt oder verpasst registriert.

Die Profis des MCO und Lars Vogt hatten damit natürlich beim Abendkonzert keine Probleme (zum c-Moll- kam das nachfolgende d-Moll-Konzert, die „Maurerische Trauermusik“ und Joseph Haydns 83. Sinfonie). Man spielte im Großen Saal das c-Moll-Konzert jetzt in großer Besetzung, die kleiner und spannungsloser als die kammermusikalische Aufführung des Abends zuvor im Mozart-Saal klang. Raumgröße und Klanggröße stehen nicht nur physikalisch offensichtlich in keiner positiven Korrespondenz.

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