Peter Brook, 2015.
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Peter Brook, 2015.

Nachruf Peter Brook

Zum Tod von Peter Brook – Durch die Welt zum Ich

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Jeder Raum kann eine Bühne sein: Zum Tod des englischen Theaterregisseurs Peter Brook, der 97 Jahre alt wurde.

In den ersten Nachrufen auf den 1925 in London geborenen, am Samstag 97-jährig gestorbenen Theaterregisseur Peter Brook heißt es, er habe ganze Generationen von Regisseuren und Regisseurinnen beeinflusst. Stimm das? Wer heute in Deutschland ins Theater geht, der wird vergeblich den Peter Brook suchen, der dem Publikum die Augen öffnete für das außereuropäische Theater. Seine Einrichtung eines der großen Epen der Menschheitsgeschichte, des indischen Mahabharata, war in den 80ern eine Sensation.

Wer eine Ahnung davon haben möchte von dem was Peter Brook tat, der hole sich die drei DVDs – ein altmodischer Tipp, ich weiß – und sehe sich die Verfilmung eines der bedeutendsten Theaterstücke des 20. Jahrhunderts an. Das erste, das man begreift: Zeit. Neun Stunden dauert das Ereignis. In diesen neun Stunden gibt es mitten im Wirbel des Geschehens auch die Entdeckung der Langeweile. Sie ist eben nicht langweilig, wenn man bereit ist, sich ihr auszusetzen.

Das zweite sind die Farben. Man meint Indien zu riechen, so intensiv sind sie.

Und damit ist man beim dritten: dem Exotischen. Die Verführung durchs Ungewohnte, immer wieder Überraschende. Je näher man aber ihm kommt, desto stärker wird der Eindruck, man sei dabei, sich selbst zu erkennen. Nicht weil einem das Fremde vertraut vorkommt, sondern weil man sich selbst fremd wird.

Dazu, das lernte das Brook-Publikum, ist Theater da. Davon aber ist fast nichts mehr auf den heutigen Bühnen zu sehen, es es meist darum geht, einem auch noch das Fernste in die eigenen vier Wände zu holen. Das Ich als der Zugang zur Welt. Aber so leben wir eh. Dazu brauchen wir nicht die Kunst und nicht das Theater. Für Peter Brook war die Welt der Zugang zum Ich. Zu dem in uns, was wir noch nicht kannten, was sedimentiert in uns lag, in tiefen Schichten unserer gesellschaftlichen, politischen, emotionalen Existenz. Er brach es auf.

Das erste, was ich von ihm sah, waren Szenenbilder aus seiner 1964 aufgeführten Inszenierung des großartigen Stückes von Peter Weiss, „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. Es war die Selbstverständlichkeit, mit der Brook – oder wer auch immer die Idee dazu hatte – ans japanische No-Theater erinnernde Masken darin einsetzte. Peter Brooks Theater war Welttheater. Davon sind wir heute Lichtjahre weit entfernt. Jedenfalls hier in Deutschland. Zahllose Theaterstücke und Opern hat Peter Brook inszeniert. Welches Shakespeare-Drama, welche Mozart-Oper hat er ausgelassen? Puccini und Bizet waren dabei, Amadou Hampâté Bâ und Fariduddin Attar, Seneca und Caryl Churchill, Dürrenmatt, Handke, Beckett.

1968 erschien „Der leere Raum“. Vier Vorlesungen. Der erste Satz hat tatsächlich das Bewusstsein vieler seiner Leser und Leserinnen geprägt: „Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen.“ Er rief die Bilder italienischer Plätze herauf, wie Giorgio de Chirico sie gemalt hatte. Aber den Demonstranten von 1968 konnte klar werden, dass sie dabei waren, in einem Stück aufzutreten, das sie sich selbst geschrieben hatten. Eine verführerische Illusion.

Wo alles offen ist

Allerdings konnte Peter Brook einen davor bewahren, das Theater, das man auf Straßen und Plätzen, in der Universität und in den Betrieben veranstaltete, schon für die Wirklichkeit zu halten. „Vom Protest zum Widerstand“ war damals eine beliebte Parole. So wichtig und richtig der Widerstand war, so sehr führte er gefährlich in die Irre, wenn man das Spielerische darin verschwinden ließ. Wer sich in eine gesamtgesellschaftliche Machtprobe locken ließ, war verloren. Aber jeder Raum konnte zur Bühne werden, auf der die Welt, wie sie war, in Frage gestellt wurde.

In dem aus dem 12. Jahrhundert stammenden persischen Versepos „Die Konferenz der Vögel“ von Fariduddin Attar durchsuchen die Vögel die Welt nach einem Herrscher, dem sie dienen wollen. Und stellen fest: Sie selbst, alle zusammen sind der einzige Herrscher, dem zu dienen sich lohnt. Diese Botschaft schickte Peter Brook 1979 von Ost nach West.

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