Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Günther Rühle
+
Günther Rühle.

Nachruf

Zum Tod von Günther Rühle: Über allen Zauber Liebe

  • VonPeter Iden
    schließen

Es gibt in seinem Haus der zigtausend Bücher nahe Bad Soden, wie einst bei Goethe in Weimar, eine breite Treppe, auf der Günther Rühle, Doyen der deutschen Theaterkritiker seit eh und je, seinen Besuchern gerne entgegenkam. Jetzt, da er nicht mehr ist, gestorben im Alter von 97 Jahren, wird das Bild in Erinnerung bleiben – neben vielen anderen, denn Rühle hat viele Leben gelebt und hatte viel Rollen inne.

Er nannte sich glücklich und dankbar dafür, dass ihm das Theater von der Antike bis zur Neuzeit den Blick auf ferne Welten und das Schicksal von Menschen eröffnet habe, die ohne ihre Existenz auf der Theaterbühne die Realität nicht hätten gewinnen können, die sie doch immer wieder vermitteln. Im deutenden Erfassen des Vergangenen aber, das dramatisch nachwirken kann in die Gegenwart, war der Kritiker Rühle unerreicht. Es ging ihm um die unmittelbare Wirkung einer Aufführung, zugleich jedoch suchte er, es war ein Schlüsselbegriff seines Denkens, den „Bogen“, das heißt: den Zusammenhang von Form und Stoff einer einzelnen Inszenierung sowohl mit den aktuellen Stimmungslagen der Zeit als immer auch in Hinsicht auf die Möglichkeit zukünftiger Entwicklungen der theatralischen Darstellung wie der Gesellschaft selbst.

Viele der Rezensionen von g.r., wie er als zunächst für das Theater erwählter Redakteur, ab 1975 als Feuilletonchef der FAZ zeichnete, haben den Kritiker des Theaters als Mittäter ausgewiesen: Bestimmte Prozesse der Entstehung neuer Spielformen haben sich in Ulm, in Bremen, in Zürich, in Basel, in Frankfurt auch durchsetzen können, weil Rühle sie mit einlässlich genauen Analysen begleitete und stützte. Die Versammlung internationaler Versuche der in den sechziger Jahren von Erwin Piscator gegründeten Frankfurter „Experimenta“ etwa, dem Theater durch Autoren wie Peter Handke, Joseph Beuys, Bazon Brock, auch durch junge Regisseure wie Claus Peymann Impulse der Erneuerung zuzuführen, wäre ohne den Einsatz des Kritikers Rühle kaum denkbar gewesen.

Das gilt nicht weniger für die Bühne des Intendanten Kurt Hübner in Bremen und die Aufführungen der dort engagierten Theatermacher Peter Zadek, Peter Stein und Wilfried Minks, deren Arbeiten von Rühle – gegen den Missmut der Reaktionäre in der Stadt und manchen Redaktionen – die Bedeutung zuerkannt wurde, die sie für das deutsche Theater hatten.

Der Kritiker hat die Wirkung seiner Veröffentlichungen in der FAZ, die ihn zur führenden Stimme der deutschen Kulturkritik werden ließen, durch von ihm verfasste Bücher noch vertieft. Sie handeln von Fragestellungen im Kontext der Spannungsfelder realhistorischer Ereignisse, wie diese sich in Konstellationen der Geschichte des Dramas spiegeln. Seine Dokumentation „Theater für die Republik“, dann die Herausgabe von für die Jahre zwischen 1913 und 1945 durch ihren Zeitbezug markanten Dramen, „Zeit und Theater“, später die Edition der gesammelten Werke Marieluise Fleißers, der Erinnerungen Bernhard Minettis und der Werke des Kritikers Alfred Kerr, dessen frühe Berichte aus Berlin für eine Zeitung in Breslau Rühle entdeckt und ediert hat – Zeugnisse alles für unermüdliche Arbeit am Schreibtisch, Standardwerke für jeden, dem die Flüchtigkeit des Theater nicht dessen einzige Wahrheit ist.

Wobei es eine besondere Fähigkeit Rühles war, weit zurückliegende und von ihm nie selbst gesehene Aufführungen nach gründlichen Recherchen für den Leser so zu rekonstruieren, so lebhaft, plastisch, eindringlich davon zu erzählen, als habe er im Parkett gesessen und alles habe sich gestern Abend ereignet.

Für diese tatsächlich außerordentliche Begabung, Nähe herzustellen, wo sie eigentlich kaum mehr möglich ist, zeugt Günther Rühles Hauptstück als Autor: Die auf drei Bände von jeweils mehr als tausendfünfhundert Seiten angelegte Darstellung „Theater in Deutschland. Seine Ereignisse – seine Menschen“, Rühle nennt sie „Eine Biographie des Theaters“. Zwei Bände liegen vor, der erste reicht von den Anfängen des modernen Theaters in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, der zweite umfasst die Periode nach 1945 bis zur Mitte de sechziger Jahre. Der dritte Band, von Rühle selbst noch bis etwa zur Hälfte bewältigt, behandelt die Reaktionen des Dramas auf die deutsche Wiedervereinigung, und soll mit Heiner Müllers Tod abschließen. Die drei Bände dürfen mit allem Recht ein Jahrhundertprojekt genannt werden. Es liegen für die Vollendung des dritten Bandes Verlaufsskizzen und Notizen Rühles vor – der S.Fischer Verlag und die Betreuer des Nachlasses sind gehalten, Lösungen zu finden, durch die Rühles Großtat zu einem Abschluss geführt werden kann.

Die Courage des Autors, sich der enormen Aufgabe einer deutschen Gesamtdarstellung der flüchtigsten der Künste ausdauernd zu verpflichten, verdient die mutige Anstrengung, das große Vorhaben nicht unvollendet zu lassen. An Mut hat es Günther Rühle selbst nicht gefehlt. In einer prekären Situation des Frankfurter Theaters folgte er 1985 dem Vorschlag des Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, die Leitung des Schauspiels der Städtischen Bühnen zu übernehmen. Der namhafte Kritiker als Intendant: Rühle ist die Herausforderung mit Bravour angegangen, die Spielpläne, die er für fünf Jahre zu verantworten hatte, entsprachen seiner Überzeugung, dass ein Theater nur dann gesellschaftspolitisch Bedeutung gewinnen könne, wenn es sein Publikum auch mit provozierenden Fragestellungen und ungewohnten Ausdrucksmitteln konfrontiert. So ließ Rühle die jungen Dietrich Hilsdorf und Uwe Eric Laufenberg (inzwischen Intendant in Wiesbaden) inszenieren und Einar Schleef an die Gewehre. Viele der Zuschauer fanden die Ergebnisse mitunter überzogen. Von heute her gesehen, waren die Abende jedenfalls reich an Spannungen.

Die folgenreichste Entscheidung des Intendanten war es, Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ zur Aufführung zu bringen. Dem Autor Fassbinder, seinem Stück und der Uraufführung wurde – für manchen damals und heute noch schwer begreiflich – Antisemitismus vorgeworfen. Rühle traf das schwer. Für einen Moment spaltete die Inszenierung die Stadt. Der Intendant zog sie nach der Premiere zurück. Das Thema war die Immobilien-Misswirtschaft im Frankfurter Westend. Gescheitert war der berechtigte Versuch, von einem städtischen Problem auf der städtischen Bühne kritisch zu handeln.

Das deutsche Theater und sein Publikum haben Günther Rühle viel zu danken. Welches Stück, ist er in einem seiner letzten Interviews gefragt worden, hätte er gerne in einem Spielplan. Seine Idee: Calderons „Über allen Zauber Liebe“. Das von Schlegel übersetzte Liebesdrama in Versen aus dem 17. Jahrhundert bewegt einen antiken Stoff, offen zu uns hin. Am Frankfurter Theater könnte man sich damit beschäftigen. Wäre das nicht eine Rühle gemäße Ehrung?

Am gegenwärtigen Theaterbetrieb hat Rühle als wesentliches Defizit die Schwäche des Selbstbezüglichen gesehen: Regisseure, die vor allem zeigen wollen, was ihr Talent so hergibt. Es war sein Theater, das im Drama Auskunft suchte darüber, wie wir leben und vielleicht anders leben sollten, nicht mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare