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„Zukunft tanzt“ im Gallus-Theater: Die Jagd auf den bösen Zwilling

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Von: Marcus Hladek

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Auch eine Aufgabe für Tänzerinnen und Tänzer: sich abzuarbeiten am „Norm Manual“. Foto: Maciej Rusinek
Auch eine Aufgabe für Tänzerinnen und Tänzer: sich abzuarbeiten am „Norm Manual“. Foto: Maciej Rusinek © Maciej Rusinek

Das zutiefst abwechslungsreiche vierte „Zukunft tanzt“-Festival im Frankfurter Gallus-Theater

Manches ist anders am Festival der jungen Choreografie „Zukunft tanzt“. Dessen vierte Auflage im Frankfurter Gallus-Theater lief jetzt, nach zweiwöchigem Arbeitsprogramm, in zwei Tanzabende aus. Dem Leitungsduo Ida Kaufmann und Laurin Thomas Duos (Co-Op Dance Company) liegt daran, jungen aufstrebenden Choreografen und Choreografinnen Raum zu geben. Ihr Festival genießt die Unterstützung Frankfurter Tanz-Gewaltiger sowie regionaler Geldgeber. Die Auswahl der Einreichungen oblag einer Jury.

Vor der Pause waren „Self Portrait“, das Solo „Preservation“ und Paulina Bedkowskas „Twin Hunters Corporation“ zu sehen, danach: das Duo „Norm Manual“ sowie „Stay Hydrated“ für vier.

Eine Mahlzeit zubereiten

Die stärksten und findigsten Setzungen des Abends schienen zugleich weniger tänzerisch in konventionellem Sinn. Vergleichen wir etwa das sechsminütige Solo „Preservation“ und das Finale „Stay Hydrated“. Was die Kanadierin Amanda Donato (Berlin) zeigte, war ein Video von Frauenhänden beim Zubereiten einer Pasta-Mahlzeit und, im Bühnenhalblicht unter Ambient-Noise- und Pink-Floyd-Klängen: Donatos moderner Ausdruckstanz im überlangen Männerhemd, Bustier und Socken. Die Botschaft (eine liebevolle Widmung an unsere Älteren und ihre Erinnerungsverluste) erreichte uns wie durch Milchglas, denn, nun ja – Tanz erblüht vor mehrdeutigen Vagheiten.

Ganz anders „Stay Hydrated“ von Simon Chatelain: so körperlich das Stück für vier junge Tänzer in Sportkleidung an Stühlen und Tischen ist, meidet es Tanz im emphatischen Sinn. Alles dreht sich um ein endlos variiertes Narrativ. Eine Schüssel Wasser und vier Gläser veranlassen die vier zu immer neuen Arten, Wasser zu trinken und, da es erschöpft ist, einzusammeln, so etwa aus Schweiß und Spucke – in Bewegungen von maximaler Vielfalt.

Der Festival-Kontext erklärt das komisch-eklige Geschehen zum Tanzstück, doch ginge es auch als Pantomime, Farce oder Vaudeville durch. Es ist wie in der Komödie „Das Glas Wasser“: kleine Dinge – große Wirkung. Nur Wasser und vier Körper, und sieh was daraus wird.

Yuexuan Gui und Yen Lee arbeiten sich in Guis „Norm Manual“ in neutralen Kostümen an einem aufgeblähten Luftschlauch und einem riesigen Aufblaskissen ab, um über Normalität zu recherchieren, was, Überraschung! kalkuliert langweilt. Es lässt aber auch, wie „Preservation“, Raum für schönen Tanz. Ist Tanz etwa nur noch schön und eigengewichtig oder intellektuell stimulierend machbar?

Nicht, wenn es nach „Self Portrait“ und „Twin Hunters Corporation“ geht. In beiden Stücken findet Tanz statt, doch jeweils eingehegt in starken Bezugsrahmen: hier diskursiv als öffentliches Denken, da als Tanztheater-Narrativ. In „Self Portrait“ steht Islam Elnebishy aus der Gießener Choreografieschule in brauner Hose bevorzugt frontal zu uns und spricht uns aus dem Off direkt an, um über Tanz zu räsonieren. Zweimal liefert er uns Gründe für sein Wohlgefallen am Tanz: erst fünffach verbalisiert, dann in fünf Tanzszene-Fragmenten, darunter eine orientalisch-fröhliche von altem Kaffeehausflair. Was hilft weiter: Sprache oder Tanz?

Am gelungensten schien letztlich Paulina Bedkowskas Stück „Twin Hunters Corporation“, das tief in paranoide Gegenwartsrealitäten eintauchte. Ein Mann im Regenmantel sitzt im Fernsehsessel; weißes Rauschen auf dem Monitor. Als er uns adressiert, propagiert er die dunkel-romantische Idee vom perfiden Doppelgänger, der uns all das Gute wegstibitzt: Reichtum, Anerkennung, Glück. Schuld sind immer die anderen. Seine „Twin Hunters Corporation“ ist ein Geschäftsmodell aus dem Werbekanal, das seine Agenten medial-realitätsverlustigen Normalbürgern wie uns andient, um jene bösen Zwillinge zu jagen. Ob Paulina Bedkowska dabei Phänomene wie den US-Sender „Fox News“ im Kopf hatte?

Auf unsere Realität blicken

Am Ende entlarvt sie den Regenmantelträger als Versager-Zwilling seinerselbst. Tanz hat da Platz im Duo (sie selbst als Teil davon), das sich zur Illustration, oder wie Erinnyen aus dem Mythos, halbnackt im Lemuren-Kostüm aneinander reibt wie Zwillingsmonster. Starkes makabres Tanztheater, das viel aktuelle Realität einfängt.

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