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Deutsches Theater in Berlin

Deutsches Theater Berlin

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Mit „Capitalista, Baby!“ adaptieren Jürgen Kuttner und Tom Kühnel Ayn Rands Roman "The Fountainhead" für die Bühne. Das Konzept: Kapitalismuskritik durch aggressive Affirmation.

Elfter September im Deutschen Theater Berlin: Während im großen Haus die Journalisteneheleute Anja Reich und Alexander Osang ihr Buch vorstellen („Wo warst du?“, Piper) und persönliche Erinnerungen an den Tag des Anschlags auf das World Trade Center schildern, genießt in den Kammerspielen eine Wasserstoffblondine mit konvulsivischen Zuckungen die Detonationen eines Dynamit-Anschlags in New York.

Diesen Anschlag hat Howard Roark verübt, der Held von „The Fountainhead“, Ayn Rands verfilmten Bestseller-Roman aus dem Jahr 1943. Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel „Der Ursprung“ oder „Der ewige Quell“ erschienen, hat hierzulande aber lange nicht so durchgeschlagen wie drüben. Die Schriftstellerin und Philosophin Rand wurde als Alissa Sinowjewna Rosenbaum 1905 in St. Petersburg geboren. Die Tochter eines deutschstämmigen, jüdischen Apothekers erlebte die Revolutionen von 1917 mit, in deren Folge ihre Familie enteignet wurde und verarmte. Nach der Schule ging sie nach Amerika. Im Februar 1926 erreicht sie Manhattan. Sie sollte eine der einflussreichsten Bestsellerautoren der USA werden, eine Verfechterin des Individualismus und des reinen, sozialstaatlich und wohlfahrtschaftlich unverbrämten Kapitalismus. Rands Helden sind unabhängige, schöne, kompromisslose (und noch humorlosere) Egoisten. Wir Bürgerliche würden Fanatiker zu solchen Leuten sagen und Rand, deren gehetzter und bohrender Blick an Klaus Kinski erinnert, dazuzählen.

Der Held gewann ihr Herz, indem er sie - nur zu ihrem besten - vergewaltigte

Der Rand-Held Howard Roark jagt ein staatlich unterstütztes Sozialwohnungsprojekt in die Luft. Immerhin waren die Wohnungen noch nicht bezogen, und Roark hatte dafür gesorgt, dass der Nachtwächter nicht zugegen war, als die Bombe hochging. Roark selbst hat die Wohnanlage entworfen, allerdings nicht unter eigenem Namen, sondern für den erfolgreichen Durchschnittsarchitekten Peter Keating ? mit der Bedingung, dass Roarks Entwurf ohne Kompromisse verwirklicht werde. Dann aber wurden Balkone hinzugefügt, die Türen der Einbauschränke eingespart und dergleichen mehr. Roark griff zum Dynamit. Ist er ein Terrorist? Das „absolut Böse“ gar, wie sein nicht weniger fanatischer Gegenspieler, der Architekturkritiker Ellsworth Toohey es formuliert?

Bevor die Geschworenen ihr Urteil verkünden, bricht der Abend ab. Im Buch lautet der Spruch auf „Nicht schuldig!“, Roark kriegt den Auftrag für die Wohnanlage (diesmal aus privater Hand), und er kriegt Dominique, jene zuckende Dynamit-Blondine und die einzig würdige Frau für Roark. Ihr Herz hatte er lang schon gewonnen, indem er sie ? nur zu ihrem besten ? vergewaltigte. Selbst auf diese perverse Spitze getrieben meint Rand es offenbar ernst mit ihrem Ultra-Egoismus.

Puh, Kuttner, was ist das denn jetzt wieder? Vor einem Jahr hat er mit Peter Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“ im Deutschen Theater einen Ideologen von gegenüber zurück auf die Bühne geholt und den kommunistischen Hacks mit der Konsensfreude und Handlungsstarre der spätbürgerlichen Gegenwart in Spannung gebracht. Jetzt gibt es also von rechts einen nicht weniger freudig-fiesen Angriff auf die haltungslose Kleingeistigkeit. Nichts ist der dialektischen Reflexionsmaschine Kuttner und seinem Regie-Kompagnon Tom Kühnel absurd genug, um die Absurditäten der Gegenwart und ihre postideologische politisch-ökologische Korrektheit als Ideologie zu entlarven, na, zumindest um argumentative Verwirrung zu stiften.

Rhetorische Meisterschaft

Die Idee ? Kapitalismuskritik durch aggressive Affirmation ? ist großartig, der Stoff und die Schöpferin sind bizarr, und auch das Datum sitzt. Die Inszenierung selber aber bleibt überraschend eindimensional. Abgesehen von ein paar tollen Auftritten von Kuttner als Ayn Rand wird an der melodramatischen Romanhandlung entlang ironisiert ? mit rhetorischer Meisterschaft, wie sie dem DT gebührt. Daniel Hoevels als Roark hält sie durch, die lässig-akkuraten Posen wasserabweisender Arroganz: Schritt, Wort, Blick ? alles sitzt perfekt. Nicht weniger passgerecht kontert der machtgeile Demagoge Toohey (Matthias Neukirch). Natali Seelig hat ihre distanzierte Freude an den Leidenschaftsausbrüchen von Dominique, und Michael Schweighöfer steht seinen moralisch werdenden Medienmogul Wynand mit graumelierter und leibesumfänglicher Weisheit. Aus Felix Goesers Gesicht grinst uns anfangs entwaffnend, später immer verdrossener und vergeblicher das ratlose Spiegelbild eines Angepassten an.

Das Ganze spielt auf und in einem goldenen, dreh- und aufklappbaren Dollar-Symbol, in dem sich die filmstudiorealistisch angedeuteten Orte der Handlung verbergen, das aber vor allem als apotheotischer Plädoyer-Steg fungiert beziehungsweise als Abrutsche. Das Bühnenbild von Jo Schramm bricht das Gedankengebäude runter auf den Geld-Nenner. Das ist ja nicht falsch, unterschlägt aber den Versuch, den Kapitalismus zur Abwechslung mal als ehrliche, moralisch überlegene Gesellschaftsordnung zu behaupten, die dem Menschen Glück und Selbstverwirklichung verheißt. Ein Ayn-Rand-Held ist nämlich finanziell gar nicht korrumpierbar. Geld interessiert ihn nur als Mittel zum Zweck seiner Ich-Entfaltung. Ein Ayn-Rand-Held ist eine ideale Konstruktion und kein verzagter, real existierender Konsum-Sklave.

Man wäre gern tiefer in die moralischen Dimensionen des Randschen Individualismus eingestiegen, aber die ironisch imprägnierte Inszenierung lässt einen nicht. Dennoch verdient der Abend für seine Abseitigkeit und Konsensfeindlichkeit den wohlgelaunten Applaus, den er einheimste.

Deutsches Theater Berlin 17., 19., 24. Sept., www.deutschestheater.de

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