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Viele Geschichten, nicht alle entspannt.

Frankfurter Mousonturm

Ziellos, aber mit Kraft

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Neues von Tony Rizzi im Frankfurter Mousonturm: „a performance by nobody, going nowhere ...“

Alles ist entspannt. Zumindest am Anfang. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen Zimmerpalmen auf die Bühne, es ist eine minimalistische Musik von Ryuichi Sakamoto zu hören; hernach verschieben die Tänzer bäuchlings mit der Stirn die Pflanzkübel im hell erleuchteten schwarzen Raum. Ganz so knallig wie sonst oft ist das neue Stück von Tony Rizzi und seiner Company The Bad Habits nicht. Am Ende der Premiere von „a performance by nobody, going nowhere, for no one in particular“ aber verlässt man den Frankfurter Mousonturm mit einem Lächeln im Gesicht. Hellauf begeistert der Schlussapplaus.

Leichthändig werden philosophische Fragen berührt. Mögen die Stilmittel vertraut sein, Rizzi wiederholt sich nicht. Wohl unvermeidlich scheint momentweise das Tanzvokabular von William Forsythe auf, eher zitathaft als epigonal. Eine weitere Wurzel ist die Erzähltechnik von Penny Arcade; zusammen mit der New Yorker Pionierin der Performance hat Rizzi die japanische Stadt Kyoto besucht. Unter dem Eindruck von Kami, den Gottheiten und Naturgeistern im Shintoismus, hat er, so erfährt man aus dem Programmheft, sich für dieses Stück mit Naturphänomenen wie dem steten Wachstum, dem Entstehen und Vergehen beschäftigt.

Es schwingt ein leiser Jux mit in der Serie von obskuren eingefrorenen Bildern, die Rizzi und sein Mehrgenerationen-Ensemble – Irene Klein, Kristina Veit, Yoko Tani, Daniel Chait, Richie Oberscheven, Lars Schmidt, Yari Stilo – in rascher Folge stellen. Das Drumherum ist, charakteristisch für Rizzi, sehr handmade; er selbst richtet zwecks intermittierendem Lichtwechsel immer wieder einen Bodenscheinwerfer gegen ein reflektierendes Segel in der Höhe und wieder zurück auf die Szene.

Binnen gut anderthalb Stunden Dauer geschieht immens viel, ein großer kompositorischer Bogen ist gleichwohl offenbar. Der Abend ist ausgesprochen floral. In einer Szene bedeckt sich eine Tänzerin das blanke Geschlecht mit Blütenblättern, neben sich einen Mann mit einer Blumenkrone. Dann wieder gibt es Erinnerungssplitter aus der Kindheit, desgleichen episodische Erzählungen außergewöhnlicher Erlebnisse. Eine wichtige Rolle kommt dem Spiel mit der Musik zu. Da wird beispielsweise ein Text reihum rezitiert, der rasch als der des Talking-Heads-Klassikers „Once in a Lifetime“ in variierter Form zu erkennen ist. Von einem Technikpult an der Seite her steuern wechselnde Ensemblemitglieder einen pointiert assoziativ bestückten Soundtrack zwischen Bee Gees, Barbra Streisand im Duett mit Neil Diamond, Glenn Goulds Bach und Joan Baez. Auch diesmal wieder kommt das Element Fotografie ins Spiel, mit Eindrücken von der Kyotoreise.

Aus der Spannung von sorgsam formbewusstem Arrangement und anarchisch verspieltem Impetus erwächst die Kraft und der Charme dieses eher leisen Stücks. Die Parole „Let the party begin!“ wird gleichwohl nicht zu Unrecht am Ende des einführenden Textes ausgegeben.

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