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Stefanie Carp (l.), Norbert Lammert und Isabel Pfeiffer-Poensgen.

Ruhrtriennale

Zerrissenheit aushalten

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Boykott oder Kunstfreiheit: Die Ruhrtriennale thematisiert den umstrittenen Kurs der Intendantin Stefanie Carp.

Stefanie Carp hatte den ersten Satz noch nicht beendet, da schallte ihr bereits der empörte Aufschrei eines Teils des Publikums in der Bochumer Turbinenhalle entgegen: „Als ich die schottische Band Young Fathers eingeladen habe, das muss ich ehrlich zugeben, hatte ich das Wort BDS noch nie gehört.“ Als sich der Unmut in der vollbesetzten Halle fürs erste gelegt hatte, fuhr die Intendantin der Ruhrtriennale fort, dass sie selbst, die Band und das Festival als antisemitisch bezeichnet worden seien. Unter diesem Rechtfertigungsdruck habe sie sich entschlossen, die Musiker auszuladen. Dann aber habe sie am nächsten Tag in der Zeitung ihr Statement gelesen – „und fand das vollkommen falsch, nicht nur intellektuell falsch, sondern auch falsch für meinen Beruf.“ Also habe sie die „Young Fathers“ wieder eingeladen – die darauf jedoch ihrerseits nicht mehr zum größten Kulturfestival in Nordrhein-Westfalen reisen wollten. 

In der Turbinenhalle, wo die Band ursprünglich ihr Konzert geben sollte, fand nun die durchweg angespannte Diskussion zum Thema „Freedom of Speech / Freiheit der Künste“ statt. Diskussionsleiter Norbert Lammert, der ehemalige Bundestagspräsident und bekennende Bochumer, kündigte eingangs an, dass man an diesem Nachmittag wohl nicht alle Weltprobleme lösen und „vermutlich“ auch nicht den Nahen Osten werde befrieden können. 

 Ihren Schlingerkurs bezeichnete Carp selbst als Fehler. Tatsächlich hatte sie mit dem Hin und Her die Aufmerksamkeit weg von der Kunst und hin zur Politik gelenkt. Nicht zuletzt ist der Bekanntheitsgrad der BDS-Bewegung deutlich gestiegen. Die Buchstaben BDS stehen für „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen für Palästina“. Die Initiative richtet sich gegen den Staat Israel, dessen Wirken mit der einstigen Apartheid-Politik Südafrikas verglichen wird.

 Im Netz hatte die Bewegung ihre Sympathisanten vorab zu einer Reise nach Bochum aufgefordert, auch wenn man gemeinhin mit dem Kulturfestival nicht viel verbinde: „Am 18. August auf zur Ruhrtriennale und zionistischen Hetzern den Tag vermiesen“. Gemeint war damit wohl auch die Kölnerin Malca Goldstein-Wolf, die zu einer Pro-Israel-Kundgebung eingeladen hatte. Der Zulauf zu ihrer Demo war dann mit rund 250 Personen tatsächlich erheblich größer als bei den BDS-Sympathisanten. So waren es diesmal nicht die Israel-Gegner, wie am Donnerstag noch bei einer Diskussion auf dem Berliner Festival Pop-Kultur, sondern einige der Israel-Demonstranten, die auch während der Diskussion im Protest-Modus verharrten und des öfteren „Bullshit“ und „Blödsinn“ riefen.

 Trotzdem drangen einige zentrale Ansichten durch, wie es denn um die Freiheit der Künste bestellt ist. Stefanie Carp sieht einen Normenkonflikt, wenn sie als Kuratorin eines staatlich unterstützten Festivals nur noch solche Künstler einladen dürfte, die dem politischen Mainstream folgten. Es werde schwierig, wenn die Künstler konform sein müssten mit „dem offiziell genehmigten Wording“ der Bundesrepublik. 

 Selbstverständlich müsse eine Grenze gezogen werden, wenn es um Antisemitismus, Rassismus oder Rechtsradikalismus gehe. Doch all das sei bei den Young Fathers nicht der Fall. Auch nicht bei den anderen Künstlern des Festivals. Und sie selbst wolle klarstellen, dass sie das Existenzrecht Israels nicht in Frage stelle und beim BDS nicht unterschreiben würde – „schon als Deutsche nicht“. Carps Kuratoren-Credo angesichts einer komplexen Welt: „Wir müssen versuchen, die Diskussion, die Widersprüche und die Zerrissenheit auszuhalten. Dafür ist die Kunst da.“ Für diesen Satz gab es demonstrativen Beifall von einem Teil des Publikums.

Nordrhein-Westfalens Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen betonte, die Freiheit der Kunst stehe „in keiner Weise in Frage“. Das garantiere schon das Grundgesetz. Auch könne man sich kritisch mit dem Staat Israel auseinandersetzen – „aber wenn zum Boykott Israels aufgerufen wird, sind die Grenzen überschritten.“ Das möge in anderen Ländern nicht so gesehen werden, aber für Deutschland sei die Sicherheit Israels „ein historisches Gebot“. Der BDS sei eine Bewegung ohne feste Struktur, in der es auch radikale Positionen gebe. Klar sei: „BDS light gibt es eben nicht.“ Mit anderen Worten der Ministerin: „Kunstfreiheit – uneingeschränkt ja, Boykott – nein.“

Michael Vesper, der Vorsitzende der Freunde und Förderer der Ruhrtriennale und ehedem als Kulturminister in NRW Mitbegründer des Festivals im Jahre 2002, versicherte, dass man keine Mainstream-Triennale wolle – das sei doch eine Schimäre. Zugleich aber „wollen wir nicht von Kampagnen in die Zange genommen werden“. In einem Schreiben hatte der Verein schon am 12. Juli darauf hingewiesen, dass die Young Fathers nach der Ausladung zum Boykott der Triennale aufgerufen hätten – und dabei geblieben seien, obwohl sie wieder eingeladen worden seien. Jetzt sagte Vesper: „Boykott von Kunst und Freiheit von Kunst ist ein Begriffspaar, das nicht zusammenpasst.“ Kunst solle politisch sein, dürfe sich aber nicht missbrauchen lassen. Vesper kritisierte die Intendantin deutlich dafür, dass sie sich vorab nicht ausreichend über die Band informiert habe.

Nahezu fürsorglich wandte sich der Regisseur Schorsch Kamerun an Carp. Der BDS instrumentalisiere die Künstler, sagte er. Man müsse also wissen, dass man – „und da liegt vielleicht dein Fehler, Stefanie“ – „das im Gepäck“ habe, was der BDS propagiere. 

Auf dieses „Gepäck“ gingen die beiden Künstler auf dem Podium, die sich zum BDS bekennen, nur am Rande ein. Der US-Komponist Elliott Sharp, der auf der Ruhrtriennale Anfang September sein neues Stück „Filiseti Mekides“ zeigen wird, möchte mit seinem Engagement auf israelische Ungerechtigkeiten aufmerksam machen. Er teile aber nicht alles, was der BDS propagiere, sagte er. Und die belgische Dramaturgin Hildegard de Vuyst versicherte: Es gehe beim Boykott nicht darum, einzelnen Menschen Schaden zuzufügen, sondern Protest gegen eine Politik zu artikulieren. 

 Nach knapp 90 Minuten endete diese notwendige und mühevolle Diskussion. Für Stefanie Carp war sie nicht der große Befreiungsschlag. Ihre Verunsicherung brachte die Intendantin mehrfach zum Ausdruck. Die Gewissheit, dass sie auch in den folgenden zwei Jahren die Ruhrtriennale leiten wird, ist nach dieser Diskussion nicht größer geworden. 

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