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Die Prozessbeteiligten schauen sich die Rückblende an, links Eve und Adam, Lena Hilsdorf und Michael Birnbaum.

Staatstheater Wiesbaden

„Der zerbrochne Krug“: Eves Alptraum

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Kleists „Zerbrochner Krug“ überzeugt in Wiesbaden auf ganzer, ausführlicher Linie.

Der Text von Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ entfaltet sich im Staatstheater Wiesbaden jetzt auf unerwartet intensive Weise. Das Projekt, das Stück einmal ohne die geringste Streichung (so jedenfalls versichern die Wiesbadener) zu spielen, klingt zunächst gar nicht so plausibel. Es klingt ehrlich gesagt sogar so, als hätte man es sich einfach machen wollen.

Dann aber ist erstens die Kraft der Kleist-Sprache enorm, diese gewandte, noch im Stockrigen treffliche, völlig natürliche Sprache, die so dicht an den menschlichen Seelen entlanggeht, dass sekündlich etwas Interessantes vorfällt, nämlich empfunden oder gedacht, zugegeben oder gelogen oder gescherzt wird. Und nichts erscheint überflüssig.

Zweitens verschieben sich die Akzente anregend. Der Wiesbadener „Krug“ ist kein Solo für Adam mit dazwischengeschaltetem Marthe-Rull-Solo, stattdessen ein psychologisches Geflecht, in dem es emotional wabert und werkelt, auf unterschiedlichem intellektuellen Niveau und mit unterschiedlichsten Interessen, es flirrt geradezu vor Aufregungen und Nebenaufregungen, und selbst Vater und Sohn Tümpel verlassen die Sphäre des Genrebildes und werden zu Menschen, die zwar nicht genau verstehen, was los ist, aber doch mit Leib und Seele betroffen sind. Wenn Eve ihren Ruprecht schließlich – greifbar der Druck, der von ihr weicht in diesem Moment – auf Adam hetzt wie einen Hund auf den Einbrecher, ist das von einer Wucht und Energie, die eben in Ruhe vorbereitet werden musste, um diese Explosivität herzustellen. Die Echtzeit der Handlung beträgt nun einleuchtende zwei Stunden und zwanzig Minuten, die pausenlos durchgespielt werden.

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus: 2., 15., 17., 24. November. 

Drittens wissen Regie und vortreffliches Ensemble die Lebendigkeit des Textes auf der Bühne – einem grauen, aber lichten, nach hinten sich verengenden Saal von Rolf Glittenberg, der zudem für klassische, aber staubfreie Kostüme gesorgt hat – auch zu beglaubigen. Dabei ist der „Krug“ in der Inszenierung von Intendant Uwe Eric Laufenberg kein Fall für Erzkomödiantentum. Es sind schlitzohrigere und lustigere Adams denkbar – und tausendmal auf deutschen Bühnen vorgekommen – als Michael Birnbaum, dessen aber ebenfalls erheblicher Witz im knochentrockenen Raushauen seiner Zeilen besteht. Auch sein verhältnismäßig junger Adam muss ständig improvisieren, um sich den Strick vom Hals zu halten, Birnbaum macht das wunderbar beiläufig, dabei auf Draht, ständig sieht man ihn auch als Beobachter der nächsten Wendung. Aber sein Schlingeln und Schlängeln nimmt den anderen Figuren nicht den Platz weg.

Marthe Rull ist ebenfalls aus dem Korsett der „Paraderolle“ befreit und gewinnt gerade dadurch Format und Schwung: Evelyn M. Faber ist eine agile, aber nicht zu theatralische Anklägerin, ihre Empörung ist klug nach innen verlagert – zum Unausgesprochenen, dass es hier um mehr geht als um den Krug. Gleichwohl ist es eine in der Ausführlichkeit bezaubernde (und sehr Kleistische) Szene, in der Faber hundert Jahre lang den Krug beschreibt und die anderen nicht umhin können, ebenfalls genauer hinzuschauen: Selbst die Tümpels treten allmählich näher, Benjamin Krämer-Jenster und Christoph Kohlbacher. Der hier spannend undurchschaubare Gerichtsrat Walter, Uwe Kraus, guckt und staunt, bevor er wieder (vergeblich) versucht voranzukommen. Neben Lüge und Wahrheit gehören ein ständiges Auf-die-Tube-Drücken und zugleich Verzögern zum Stück und können sich diesmal geruhsam verteilen.

Als gewandter, nicht besonders schleimiger Licht ist noch Paul Simon zu sehen, den man den ganzen Abend über nicht unaufmerksam erwischen wird. Allen, die meisten ständig im Bühnenvordergrund, wird hohe Konzentration abverlangt.

Mit dem Auftritt der hier sanft spinnerten Frau Brigitte, Mira Benser, dem ersten exaltierten Ereignis, leitet sich ein Bruch ein. Schon zuvor ist auch die Figur der Eve, Lena Hilsdorf, markanter als sonst. Jetzt aber wird sie zur tragischen Figur und das Stück zur Tragödie. Der von Kleist selbst nach dem Debakel der Uraufführung gestrichene Auftritt, in dem Eve (scheinbar wiederholend) schildert, was am bewussten Abend passiert ist, wird nicht nur komplett verwendet. Der inzwischen entsprungene Adam taucht auch wie in einer Rückblende wieder auf. In die Mitte der Szene lässt Laufenberg eine Vergewaltigung Eves setzen, hier also (im Nachhinein) von allen gesehen, Schrecken, Ekel, Fassungslosigkeit in den Gesichtern. Das ist ein krasser Moment, der der Figur Adam den Garaus macht, denn Adam ist selbst in Birnbaums ungemütlicher Darstellung gewiss kein Vergewaltiger (schreibt man und denkt sich, woher man das wissen will). Andererseits wird es durch das Unaussprechliche auch ein Schlag, der sitzt. Kleist hat keine Worte dafür: Weil es nicht passiert, aber auch, weil keiner es sagen könnte, wenn es doch passiert wäre, Worte hat er aber für Eves Beklemmung, als sie sich fragt, wieso sie Adam hereingelassen hat. Das ist nicht weniger modern, als eine entsprechende Szene in Siri Hustvedts Roman „Damals“, um ein aktuelles Beispiel zu nennen.

Die Aussicht auf einen guten Ausgang ist so freilich versperrt. Diese Variante bietet Kleist durch eine Volte auch selbst: Dass Ruprecht als Rekrut nach Batavia verschifft werden könnte, bleibt in der Schwebe, und bei Laufenberg scheint es gewiss. Das ist die andere Seite der Komödie, wie überzeugend vorgeführt wurde.

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