Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Szene aus „Sonoma“.
+
Szene aus „Sonoma“.

Tanzfestival RM

„Sonoma“ von Marcos Morau und „La Veronal“ in Darmstadt

  • VonMarcus Hladek
    schließen

Marcos Moraus Abendfüller „Sonoma“, Gastspiel seiner Compagnie „La Veronal“ beim Tanzfestival RM im Staatstheater Darmstadt, ist überwältigend.

So zuallererst in der Partitur aus Musik, Stimmeinsatz Glockenklang und vielerlei Geräuschen (Sound: Juan Cristóbal Saavedra), die sich den neun Tänzerinnen als Bewegungsmatrix auferlegt. Auch in den lyrischen Texten, welche die Tänzerinnen meist singend vortragen, kommt „Sonoma“ gedankenreich und formal ausgeklügelt daher.

Überdies konstituiert es sich über die Kostüme (Silvia Delagneau nebst Schneiderin, Hutmacherin und Maske), aber auch mit dem Auftritt einer Tänzerin im kopflosen Riesen-Gehrock (von Martí Doy) und zweier Greisinnen-„Schwellköpfe“ sowie durch Text-Einsagen aus dem Off als veritables Tanztheater. Momente einer rein weiblichen Pietà gehören ebenso dazu wie hexenartige Assoziationen und spielende Mädchen mit Lichtbällen, Anflüge von Mobbing, zackig-jähe Bewegungen und im Finale große Trommeln.

So zeichenhaft und berückend versponnen „Sonoma“ all diese Elemente komponiert und arrangiert auf der nüchtern-geometrisch gestalteten Bühne im Großen Haus (David Pascual, Bernat Jansà) mit ihren aufgehängten Lichtflächen und rollbaren Tafeln (Lichtdesign: Bernat Jansà), zwischen denen auch schon mal eine Tänzerin zerquetscht wird, handelt es sich doch vor allem um ein opulentes Tanzstück. Seine 75 Minuten Dauer verkürzt es uns demgemäß höchst bildhaft und sehr narrativ.

Gleich die ersten Kostüme zeigen uns die Tänzerinnen in weißen Hauben, bodenlangen Faltenröcken mit grauschwarzem Ringmuster und kurzärmligen Blusen - eine Aufmachung, die an Margaret Atwoods „Report der Magd“ und religiöse Gruppen von wie in der Zeit eingefrorenen Kleiderregeln erinnert. Später erscheinen die Neun (L. Nogal, M. Rodriguez, Sau-Ching Wong, A. Montfort, N. Navarra, A. Boix, L. Duran, A. Hierro, A. Barral) mal in schwarzen Röcken, mal in weißen Kleidern, was den Blick auf „eingehegte“ Frauen in patriarchalen Kontexten nur bestätigt und auf Mädchenschulen oder Konvente weitet.

Gleich eingangs entkleiden die Tänzerinnen ein großes Kreuz auf dem Boden seiner Seile, um wie eine spinnenhafte Schar der Webergöttin Arachne oder Ariadnes, der Helferin im Labyrinth, zur Verkörperung webend-spinnender Weiblichkeit zu werden (Requisite: Mirko Zeni). Der religiöse Aspekt ist unübersehbar, die Mänadengruppe vorgezeichnet. Von „Report der Magd“ ist es nicht weit zu einer anderen zeitnahen Dystopie: Philip K. Dicks „Orakel vom Berge“. Der kalifornische SciFi-Autor lebte lang in der Bay Area in und nahe dem Sonoma County und dachte in gewissen Arbeiten zwischen Genie und Wahnsinn über die Gnosis und den griechischen Begriff „soma“ nach. Auf „soma“ und „Sonoma“ als Titelgeber berufen sich Marcos Morau und Roberto Fratini (Dramaturg) explizit, auch wenn ihnen Dicks Sprung von „soma“ (Körper) zum Sanskritwort „soma“ (ein Opfer- und Unsterblichkeitstrank) offenbar nichts sagt.

Was sie dagegen auf dem Schirm haben, sind die kalifornischen Ureinwohner, für die „Sonoma“ (Tal des Mondes) mit animistischen Kulten und dem Trance erzeugenden Stampfen von Trommeln nebst Schreien und Rufen verbunden war. „Sonoma“ setzt das zwar ästhetisiert, aber sehr wirksam ein.

Huschen die Neun zunächst wie ferngesteuerte Wesen wie fußlos über die flache Bühne, so steigern sie sich beim Kreuz-Dekonstruieren bald in „Seligpreisungen“ (später folgt noch ein „Du sollst nicht ...“-Abschnitt), die von der Bergpredigt zu lyrischen Neusetzungen finden: Gesegnet die Tiere der Sintflut – und die Dinosaurier auch. Unverkennbar die Spannung von Individualisierung und Konformismus, wenn auf einmal alle Köpfe verhüllt sind oder die Gesänge von lebensfrohen Vokalisen zum machtvollen Beat (orthodoxe Choräle, Klänge aus Sarajevo) wechseln. Chorisches unter wummernden Rhythmen zeigt uns den Menschen, die Menschin, auf der Reise in immer neue Irrwege, die zu Begegnungen mit Außergewöhnlichem führen. Kästen werden wie Särge gerollt, Hutmoden machen Blumenwesen und Flamenco- und Torera-Damen aus den Neun. Auch Luis Buñuel ist ein Haupteinfluss. Ein wuchtig-raffiniertes Stück.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare