Wie es euch gefällt
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Wie es euch gefällt

Theater

Zart und hart und fad

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Saisoneröffnung am Schauspiel Frankfurt mit William Shakespeare und Sarah Kane, inszeniert von David Bösch und Robert Borgmann.

Zart und hart erscheint William Shakespeares „Wie es euch gefällt“, indem menschliche Gemeinheit in diesem Fall besonders wunderliche Folgen zeitigt. Im Wald von Arden, einer wirklich zauberischen Stätte, findet die verfolgte und verbannte Unschuld nicht nur Zuflucht, sondern eine neue Existenz. Keine Feen treiben ihren Schabernack, der Wald selbst muss es sein, der Rosalindes Verwandlung in einen Jüngling, den sie Ganymed nennt, so erfolgreich vollzieht, dass alle Welt sie nun mindestens für ihren eigenen Bruder hält. In einer der schönsten und musikalischsten Liebesszenen des Sprechtheaters tut Ganymed nun wieder so, als wäre er Rosalinde, und Orlando, der sie unsterblich liebt, kommt ihr, kommt ihm dennoch nicht drauf.

Dabei spielt Sarah Grunert das in Frankfurt sehr fein und lässig, nicht als Hosenrolle – auch wenn sie jetzt Hosen anhat –, vielmehr inniglich androgyn. Gewitzt: Der üblichen (kritisch zu verstehenden) Variante, dass das Geschlecht allein durch Äußerlichkeiten bestimmt ist, stellt sie das Gegenteil gegenüber. Egal, was Rosalinde trägt, sie ist immer Rosalinde, ungeachtet der Frage, ob Rosalinde eine Frau oder ein Mann ist. Es ist nicht nur ein Späßchen, sondern ergreifend, dass Orlando, Isaak Dentler als sympathischer, bisschen verlegener Mann, im Begriff ist, sich gegen seinen Willen und sein Selbstverständnis in Ganymed zu verlieben. Ein Mensch liebt einen anderen Menschen.

Geglückte Momente in einer Inszenierung von Reiz und einer eigenartigen Flüchtigkeit, als würden Text und Personal in der Regie von David Bösch nur so eben über die Bühne geweht. Patrick Bannwart belässt sie in dämmriger, lose bestuhlter Kargheit, ein Riese hat bloß das Wort „Wald“ hinten an die Wand gekrakelt: gewiss kein Akt brechtischer Distanzierung, sondern der Genügsamkeit als Kontrast zum sorgfältig fadenscheinigen Vorhang als prächtigstem Element. Harte Zeiten fürs Theater, diese uralte, ramponierte, unzerstörbare Kunst.

Die Rückkehr ins seit dem 13. März nicht mehr für Aufführungen genutzte Schauspielhaus verläuft auf diese Weise melancholisch und ist ein bescheidenes, unglamouröses, aber fundamentales Spiel mit der Notlage einerseits, dem, was dem Theater nicht zu nehmen ist, andererseits. Menschen spielen, sie wären andere Menschen. Das ist auf einer Bühne so, das ist im Stück so, und hier draußen ist es auch oft so, und logischerweise wird der Monolog „Die ganze Welt ist eine Bühne“ dafür an den Anfang gezogen. Sebastian Reiß nimmt sich des Textes als müder Clown erst auf Knopfdruck an (der Knopfdruck für Schauspieler: das Scheinwerferlicht).

Kein komplizierter Abend, aber von Zärtlichkeit für die Figuren geprägt. Karsten Riedel als Amiens macht milde Musik dazu. Es geht auch da um die Liebe und die Sehnsucht. Die Straffung auf eindreiviertel Stunden, um ohne Pause auszukommen, trägt zum Eindruck des Improvisierten, des Angespielten bei, die Handlung bleibt fragmentarisch. Manchmal ist es trotzdem lustig, Orlandos Ringkampf mit Charles, André Meyer. Dann wieder entfallen vielsagende Akteure wie Oliver (Orlandos böser, im Wald aber ebenfalls verwandelter Bruder).

Nicht nur deshalb fehlt am Ende für manches Töpfchen das Deckelchen. Rosalindes Freundin Celia, die mit ihr gemeinsam die imposanten Reifröcke fallen lässt – ein kesser Akt der Befreiung –, bekommt bei Agnes Kammerer aber eine imposante Eigenständigkeit. Celia kocht ihr eigenes Süppchen, auch wenn man nicht genau begreift, was darinnen schwimmt. Peter Schröder ist der hochgeschlossene schurkische Herzog und nachher als von Oberteil und Haargummi befreiter Waldmensch sein vertriebener Bruder. Michael Schütz und Altine Emini bilden ein groteskes Schäferpärchen, und obwohl Bösch keinen Zweifel daran lässt, dass es die Liebe selbst ist, die grotesk und trotzdem grandios ist, bleibt auch dieses Happyend offen. Wie die Inszenierung hereingeweht kam, weht sie wieder davon.

Gier: Crave

Fad wird es am nächsten Abend mit einem zweiten, fast 400 Jahre jüngeren englischen Text: Sarah Kanes „Gier“, ein Jahr vor ihrem Suizid 1999 uraufgeführt. Auch hier geht es um Liebe und Sehnsucht, aber beide scheinen in diesem Leben nun völlig chancenlos. A, B, C und D kommen zu Wort, Handlung und Spiel haben sich aufgelöst in gefetzte, aber nicht sinnlose oder gleichgültige Sprache. Man kennt das von Krankheiten: Es ist sogar eher so, dass überhaupt nur noch das Gefühl übrig ist. Ein schlimmes Gefühl.

Im Bockenheimer Depot sitzt sich das Publikum zweireihig gegenüber, dazwischen eine lange Bühne mit vier Stationen, links und rechts Videoleinwände. Regisseur Robert Borgmann hat eine Kunstinstallation gebaut, in der Heiko Raulin als einsamer Schattenboxer auf einem kleinen Podest, Laura Sundermann als liegende Skulptur auf einem repräsentativen Grab, Marta Kizyma in einem verunfallten Auto und Samuel Simon auf einem Baumwurzelberg vorerst lebende Bilder zeigen. Die Gesichter hinter schwarzen Plastikmasken wie für Kämpfer oder wie im Horrorfilm.

Zur dauerdräuenden Wummermusikgrundlage von Tom Müller & Philipp Weber – in der Mitte des Bühnenstegs platziert – kommt der englische Text aus dem Off (Krzysztof Honowski). Raulin tänzelt ausdauernd, erst nach einer langen Weile kommt Bewegung auch in die anderen, die offenkundig keine Figuren sein sollen, dabei hätte man sich schon für sie interessiert. Man erahnt jetzt zwar einen Autounfall, sieht Liebende auf dem Wurzelberg, die Grabfigur wendet sich stumm und flehentlich an uns, aber daraus soll nichts erwachsen. Später balanciert Kizyma über ein Seil unterm Depotdach, gut gesichert, aber trotzdem spektakulär. Mit dem Grab und dem zerbeulten Auto hat man damit eine der Plattitüde sich nähernde Bebilderung für Lebensgefahren beisammen.

Der Rest ist Tändelei mit Kostümen (Bettina Werner), mit Abschweifungen. Und auch wenn es immer erfreut, Sarah-Kane-Text über weite Strecken auf Englisch zu hören (in Frankfurt heißt es darum: „Gier:Crave“), stellt sich die Frage, ob eine durchgängig deutsche Fassung die Dürftigkeit der Unternehmung womöglich zu deutlich herausgestellt hätte.

Ein starker Kane-Beitrag im Programmheft weist den Weg zu dem, was Borgmann offenbar vorhatte. Die Autorin erklärt, dass sie „Performance zunehmend interessanter finde als Schauspiel und Theater eindringlicher als Stücke“. „Gier“ halte sie eher für einen „Text zur Performance als für ein Stück“, so dass sie ihre Freunde ermutige, es „zu sehen, bevor sie es lesen“. Außerdem bekennt sie sich zu David Beckham und ManU und stellt fest, dass sie das Theater oft vorzeitig verlasse, ohne die Furcht etwas zu verpassen, nicht aber ein Fußballspiel, bei dem bis zum Schlusspfiff ein Wunder möglich sei.

„Warum kann Theater nicht so packend sein wie ein Fußballspiel?“, heißt der Text von 1998. Der performative Teil ist zu erahnen, auch wenn ein Kunsttableau nicht unbedingt eine Performance ist. Der Fußballvergleich fällt für Borgmanns „Gier:Crave“ auch nach einem mäßigen Pokalnachmittag katastrophal aus.

Die Abstandsregeln werden an beiden Abenden gewahrt, beide Inszenierungen spielen damit. Vielleicht geht dadurch etwas verloren, aber es ist erschreckend wenig, wenn man überlegt, wie sehr wir alle immer denken, wir müssten uns aneinanderkuscheln, und auf der Bühne erst recht.

Schauspiel Frankfurt: „Wie es euch gefällt“ am 17.-20., 24.-27. September. „Gier:Crave“ 18., 19., 25.-27. September. www.schauspielfrankfurt.de

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