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Zwischen abstrusen Maschinen und im wallenden Nebel. Foto:C. Kaufhold
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Zwischen abstrusen Maschinen und im wallenden Nebel.

English Theatre

„Young Frankenstein“ im English Theatre Frankfurt: Monster und Master

  • VonMarcus Hladek
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Wenn schon Weltuntergang, dann wenigstens im feinen Zwirn. Von Marcus Hladek

Eigentlich war „Young Frankenstein“ am English Theatre, inszeniert von Derek Anderson nach Mel Brooks‘ Filmkomödie von 1974 (deutsch als „Frankenstein Junior“) und dem späteren Musical, als „erste Musical-Produktion nach dem Lockdown“ angekündigt. Zweieinhalb Premiere-Aufschübe wegen Technik und Krankheit später scheint es, als fehle Covid der Respekt für unser aller Wunsch, in die post-pandemische Ära einzutreten.

Als Mary Shelley 1816 die Idee zu „Frankenstein“ kam, lebte sie bekanntlich in einer Dichter-Kommune am Genfer See mit Percy, Lord Byron und Doktor Polidori. Sah Leben für sie damals aus wie ein mesmerisches Zucken in Froschbeinen, so ist es heute mehr wie eine Schrift aus der „CRISPR“-Schreibmaschine, die schneller Nukleinsäuren maßschneidert als die Savile Row Lord Byrons Anzüge. Weil wir abgebrühtere Frankensteins sind, als er je einer war, hört schon keiner mehr zu, wenn CNN mal eben die Erschaffung selbstreproduzierender Roboter aus Stammzellen vermeldet. Wie zeitgemäß kann ein Stoff noch sein, wenn unsere Gen- und Impf-Designer aus dem Stand ins Wettrennen mit Corona einsteigen und im Prinzip gewinnen können?

Uralt-Gothic als Zitat

Das ist im Prinzip eine schwere Frage, doch juchhe: „Young Frankenstein“ spielt auf der Bühne, nicht im Prinzip. Da funktioniert Uralt-Gothic als Zitat allerbestens, wie Derek Anderson und sein Team (Musik: Mal Hall, Choreografie: Lee Crowley, Bühne: Rachel Stone, Kostüme: Olivia Ward) beweisen. Was Stone im effektvoll-farbenfrohen Licht Robbie Butlers in den Raum zaubert, sind leichte Bühnenelemente, die sich in zwei Tiefenebenen flugs und fast wie Fotoverschlüsse mittig öffnen oder schließen. Als Vorlesungssaal, expressiv schräges Burgtor, gemauertes Kellerlabor und so fort gleichen sie gern dem „Frankenstein“-Set aus Boris-Karloff-Zeiten, in dem Mel Brooks vierzig Jahre später immer noch drehte.

Der Topos vom irren Wissenschaftler zwischen abstrusen Maschinen und im wallenden Nebel wird zögernd, dann (als die Neugier den Frankenstein-Enkel und Neurologen Frederick Frankenstein packt) lustvoll bedient. Los geht es mit Studenten, die in Fünfziger-Jahre-Kostümen entsprechende Kinowerbung auf der Leinwand gucken, bevor sie ihrem aufgeklärten, sehr Horror-fernen Professor lauschen. Keith Ramsey spielt Frankenstein unendlich agil und feingliedrig und wirkt trotz und mit dem Bärtchen wie ein Chaplin-Tramp in gutem Stoff.

Schon Mel Brooks hielt sich ans Motto: wenn schon Weltuntergang, dann wenigstens im feinen Zwirn. Für „Young Frankenstein“ grub er auch darum Irving Berlins genialen Schlager „Puttin‘ on the Ritz“ von 1929 aus, was dem Monster erlaubte, sich „in Schale zu werfen“. In aller Übergröße singt (wie ein Elchwal) und steppt „the Monster“ Nic Cain im Duo mit Master Frankensteen folglich zwar mit giftgrünem Gesicht, aber feingewandet wie ein Profi. Was sogar den Lynchmob aus Boris-Karloff-Zeiten zusehends überzeugt, dass das Monster ein Guter ist und nur spielen will. Toll choreografiert und als Schattenspiel abgestimmt ist, wie das „seelenlose“ Monster als Schlemihl mit dem eigenen, und eigenwilligen, Schatten tanzt. Happy End für alle? Bis dahin hat es seine Weile. Vorher zeigt Shaun Chambers als Igor, dass Buckelwitze auch ohne Marty Feldmans Glotzaugen passen. Leah Barbara West jodelt als Assistentin Inga so selbstironisch alle Klischees vom Rollen im Heu aus, dass man ihr auch in #MeToo-Zeiten das Mitspielen bei Brooks‘ „Knocker“-Witzen über Torklopfer und Körbchengrößen nachsieht. Mel Brooks regte ja gern das Lachen über Dinge an, die heute PC-widrig sind. Auch Leanne Pinders maximal bewegliche Rollator-Haushälterin Frau Blücher (Achtung, wieherndes Geisterpferd) ist dann so komisch, dass man ihr das lesbische Blind Date mit der Blinden (Mairi Barclay) gönnt. Dem Dorf-Chor, einem Berufe-Panorama im Stil der Village People mit Priester, Koch und Postbote, steht als Polizist Chris Draper vor: schnauzbärtig, weil irgendwie Balkan.

Wer so schlaue Reime auf „genitalia“ schmiedet wie Brooks, der lässt auch Frankensteins abgelegte Socialite-Verlobte aus New York (Corinne Priest) mit den okkulten Proportionen des Monsters glücklich werden. Das finale Brainswapping von Master und Monster macht dann obendrein das Monster schlau und seinen Master, nun, monströs genug für Inga. Ein immens tanz- und sangesfreudiges Stück, das der Pest glatt in die Fratze lacht.

English Theatre Frankfurt: Fast täglich bis zum 6. März. www-english-theatre.de

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