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Wutrede auf der Theaterbühne

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Von: Sylvia Staude

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Constanze Becker in ihrer Rolle als schwarzer Storch Trixi.
Constanze Becker in ihrer Rolle als schwarzer Storch Trixi. © Birgit Hupfeld

Was die Menschen, vor allem die deutschen, derzeit so umtreibt: „Safe Places“ von Falk Richter und Anouk van Dijk feiert Premiere im Frankfurter Schauspiel.

Gegen Ende des Abends, der dann doch nur gut anderthalb statt die angekündigten zwei Stunden dauert, scherzt der Theatermacher über sich selbst, attestiert sich eine Besessenheit von „Trixi“ und lässt „Trixi“ in Gestalt Constanze Beckers sich schmollend beschweren: „Er kennt mich ja gar nicht.“ Im Saal vereinzeltes, dafür umso lauteres Lachen von jenen, die sich als Insider und Falk-Richter-Kenner ausmachen lassen. Bei den anderen dauert es etwas, bis der Beatrix-von-Storch-Groschen fällt. Ungefähr bis zur Erwähnung des Großvaters, der Hitlers Finanzminister war. Davon hat man gelesen.

An der Berliner Schaubühne hatte vor genau einem Jahr Falk Richters „Fear“ Uraufführung, eine Art Nummernrevue und Wutrede zum aktuellen Thema AfD, Pegida, Fremdenfeindlichkeit. Schauspieler trugen Pappmasken von rechten Frauen wie Eva Herman und Beatrix von Storch, im Hintergrund drohten untote Filmmonster in Anspielung auf „Fear of the Walking Dead“. Die „Fear“-Fortsetzung nun trägt den Titel „Safe Places“, ist eine Art Nummernrevue und Wutrede zum immer noch aktuellen Thema AfD und Fremdenfeindlichkeit, aber auch zu Europa. Am Wochenende war Uraufführung im Frankfurter Schauspielhaus.

Hier hat Bühnenbildnerin Katrin Hoffmann eine leicht herbstliche (Park-)Landschaft mit Birken aufgebaut. Die ersten Blätter sind schon gefallen auf grüne Hügelchen, die stellenweise abgetreten sind von, vielleicht, den Füßen spielender Kinder. Im Vordergrund Seminarraum-Tische und -Stühle, dort werden sich gleich die vier Schauspieler Constanze Becker, Paula Hans, Nico Holonics und Marc Oliver Schulze zum WG-Stammtisch-Diskurs gruppieren. Zuerst aber dient die Tischreihe den sieben Tänzern des Abends (plus den immer wieder nach Kräften mitspringenden Schauspielern) als kippelnde Schollenlandschaft.

In „Fear“ hatte Falk Richter mit drei Tänzern die Choreografie selbst besorgt. Für „Safe Places“ hat die Niederländerin Anouk van Dijk so umfangreiche Tanzstrecken choreografiert, dass man den Abend fast als Tanztheater bezeichnen möchte. Die Verzahnung gelingt nicht immer, doch wenn die unter anderem aus Ungarn, Israel, Taiwan, Australien, Wales kommenden Tänzerinnen und Tänzer darüber sprechen, wo und wann sie sich sicher oder nicht sicher fühlen, ergänzen sie Richters satirisch-bittere Textcollage um das, was man unter den leider abgedroschenen Begriff „persönliche Betroffenheit“ fassen muss.

Bewegungssprache charakterisiert sie als Zerrissene

Da erzählt der Israeli, er gebe sich auf die Frage „Where do you come from?“ gern als Italiener aus, um politischen Diskussionen zu entgehen. Da erklärt die Ungarin: „Ich bin nicht Orban.“ Da hat es der Waliser gründlich satt, als erstes nach dem Brexit gefragt zu werden. Und der strohblonde Australier ärgert sich über das ungläubige Staunen darüber, dass er von Aborigines abstammt: Mit Gewalt, Vergewaltigung hätten schließlich die Europäer einst ihre Gene und ihre „Kultur“ verbreitet.

Lichtflackern und Donnergrollen, elektronisches Wummern (Musik: Malte Beckenbach) portionieren den Abend, dann strömen jeweils die Tänzer hinter den grünen Hügeln hervor. Die Bewegungssprache charakterisiert sie als Zerrissene, Getriebene, Verunsicherte, es zieht ihnen die Füße weg, sie schlingern, taumeln, stürzen und schlagen sich ins Gesicht oder an die Brust. Sie werfen die Arme wie Ertrinkende. Sie klammern sich aneinander, bilden Körper-Netze. Aber schon wieder zerrt es an ihnen, zerrt sie auseinander.

Europa und sein wegen nationalistischer Fliehkräfte drohender Zerfall: Auf eine Warnung und einen Appell steuert der Abend zu. Zunächst aber collagiert und verspottet Falk Richter die Argumentationen rund um Flüchtlinge. „Aber du kannst sie nicht einfach wieder rausschmeißen“ versus „Die haben uns angegriffen, Silvester“. Willkommenskultur mit Teddybären und Therapeuten versus „die“ wissen sich nicht zu benehmen und treten westliche Werte mit Füßen. „Wir sind doch diesmal wirklich die Guten“, sagt Constanze Becker. Das Publikum lacht.

Gleich wird sie auch die stolze „Festung Europa“ sein in einem Monolog der (Richter’schen) Bitterkeit, der von Auschwitz bis zur geschlossenen Balkan-Route, vom Kommunismus bis zur teuren Hochzeit des Prince of Wales reicht. Später kommt sie auf die „Brotkultur“, Szenenapplaus gibt es für ihre furiose Aufzählung deutscher Brotsorten, die sie kokett beschließt: „Um nur die wichtigsten zu nennen.“ Mal begibt sich „Safe Places“ recht unterkomplex in die Tagesdiskussion – „Aber wie kriegen wir diesen Hass aus dem Internet?“ (Szenenüberschrift „Firewall“) –, mal möchte es dann doch wieder vor allem Theater sein und die Rampensau-Fähigkeiten seiner Darsteller ins Licht rücken. Becker ist auch eine Hölderlin („Der Tod fürs Vaterland“) rezitierende Walküre mit Goldharnisch und riesigen schwarzen Schwingen. Paula Hans und Nico Holonics sind auch das Volksmusikduo Frauke und Björn, das zum doppeldeutigen Refrain kommt „Deutschland braucht Grenzen“.

Mit zahlreichen Projekten bemüht sich das deutsche Stadttheater derzeit darum, auf der Höhe der Zeit und des politischen Diskurses zu sein. (Das Schauspiel Frankfurt bringt bald auch das kleine „Festival Fluchtpunkt“.) Falk Richters Beiträge sind dabei sicher nicht die schlechtesten, sie haben ihre scherz- wie schmerzhaften Momente. „Safe Places“ steigert sich außerdem, legt die lehrerhafte Attitüde ab, findet zu auch szenischem Biss. Man nimmt dem Theatermacher die Sorge ab. Aber wer hier Publikum ist, braucht sich eher selten persönlich angesprochen fühlen.

Schauspiel Frankfurt: 10., 12., 13. Oktober. www.schauspielfrankfurt.de

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