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In der Internetbestellphase: Single Steffi, Lena Hilsdorf, während des Lockdowns. Foto: Karl und Monika Forster
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In der Internetbestellphase: Single Steffi, Lena Hilsdorf, während des Lockdowns.

Theater

„Wuhan - Die Verwandlung“: ein Stück über Ängste, Waschmaschinen und Corona

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Clemens Bechtels und Jan Neumanns nagelneues und früh alterndes Corona-Stück „Wuhan – Die Verwandlung“ am Staatstheater Wiesbaden

Immer spannend die Frage, wie viel Nähe oder Abstand es braucht, um eine Situation zu überschauen. „Wuhan – Die Verwandlung“ von Clemens Bechtel und Jan Neumann, am Staatstheater Wiesabaden entwickelt und uraufgeführt, schafft nun das Kunststück, zugleich zu nah dran und zu weit weg zu sein.

Zu nah dran: Sie können nichts erzählen, was nicht praktisch jeder wüsste und schon empfunden oder beklagt oder genervt zur Kenntnis genommen hätte. Aber das machen sie möglichst kompliziert.

Zu weit weg: Andererseits, es ist verblüffend, wirkt das schon wieder antiquiert, die Lockdown-Erholung und das Lockdown-Gejammer, die anstrengende Panik und das noch penetrantere Heruntergespiele – letzteres womöglich mit beträchtlicher Schnittmenge zu denen, die jetzt glauben, die Pest der Neuzeit sei die Impfung. Denn selbst die Verschwörungstheorien haben sich weiterentwickelt. Darauf aber geht „Wuhan – Die Verwandlung“ nur ganz kurz noch ein.

Nichts Neues, aber mit Aplomb. Bechtel, der auch die vor Ort vielbelachte Wiesbadener Politkomödie „Casino“ inszenierte, hat auf der Bühne von Till Kuhnert viele Kästchen für viele Erzählelemente zur Verfügung, dazu noch Simon Fuchs und Taddeo Hanss an der Live-Kamera. Der großkariert tapezierte Setzkasten ist außerdem beweglich, Sinnbild einer buchstäblich aus den Fugen geratenen Welt und eines Theaterstücks, das, wie gesagt, kompliziert sein will. Auf sechs, vielleicht sieben Ebenen.

Ipek Özgen ist Gregor Samsa, der junge Mann in Franz Kafkas „Die Verwandlung“, der eines Morgens als Ungeziefer erwacht. Draußen krakeelen die aufgeregten Eltern, Christina Tzatzaraki und Gabriel Schneider, und der Prokurist, Paul Simon, alle ihrerseits versehrt, ohne dass das näher ausgeführt würde. Gregor im Plumeausack (Kostüme: Vesna Hiltmann) ist erbärmlich unbeweglich, in der Tat. Bald ist kein Wort mehr zu verstehen, was er stimmverfremdet sagt.

Michael Birnbaum ist der Mann, dessen Frau, Anne Lebinsky, an Covid erkrankt ist, es geht ihr nicht gut. Jetzt erklärt der Mann am Telefon seiner Schwägerin, dass die Frau im Krankenhaus ist, jetzt auf der Intensivstation, jetzt am Beatmungsgerät. Jetzt geht es um alles oder nichts, oder etwas dazwischen, das man sich nicht ausmalen will. Das Paar, lose Anknüpfung, hat gerade Kafkas „Die Verwandlung“ gelesen. Es ist so glücklich und unglücklich, wie Paare sein mögen, die schon länger zusammen sind und im Alltag nicht zu viel über sich nachdenken. An einem Abend in insgesamt aufgeregter Tonlage ist selbst noch der schreiende Birnbaum ein Ruhepol an Glaubhaftigkeit.

In der WG geht es hingegen hoch her. Der Hauptmieter, Schneider, laboriert am coronabedingten Waschzwang, die Mitbewohnerin, Tzatzaraki, fällt von einer Verschwörungstheorie in die nächste, der Mitbewohner, Simon, schimpft nur noch rum. Es gibt Kakerlaken im Haushalt.

Ist Simons Traum, in dem die verschwundene Forscherin aus Wuhan, Lebinsky, in der WG auftaucht und einen 1-a-Kakerlakensauger mitbringt, ebenfalls eine Ebene? Dann sind es sieben.

Denn nun kommt der Single, Lena Hilsdorf, die im Zeitraffer die Phasen des Lockdowns erlebt. Die Erleichterung, das Hamsterrad zu verlassen, die Hausmusik, das Filmeglotzen, die Internetbestellorgien, das Dickwerden, die Panik, nie mehr ins Hamsterrad zurückzukommen.

Krankenhauspersonal erzählt das, was wir seit Monaten in der Zeitung lesen (und schreiben).

Eine (die?) Forscherin erzählt zu Videobildern (Alex Halka), wie sie sich im Labor mit einer infizierten Nadel sticht.

Die Angst, das Ungeziefer und das Thema Waschmaschinen klammern die verschachtelten Erzählbrocken motivisch fein zusammen. Gerade im Aufwand tritt aber umso deutlicher hervor, wie unüberraschend die Erkenntnisse aus Überlegungen und Recherchen sind. Erst als sich ganz am Ende Knoten lösen, Menschen ins Freie treten scheint der Text in der Gegenwart angekommen zu sein. Sieh an, das Leben geht weiter. Gregor Samsa stirbt, aber die Frau braucht das Beatmungsgerät nicht mehr und spricht wieder (auch wenn man sie noch nicht versteht, ach doch, dann versteht man sie doch, hübsche Pointe). Man wird direkt neugierig, wie es nun weitergeht.

Staatstheater Wiesbaden: 29., 30. September, 1., 8., 9., 15., 29. Oktober. www.staatstheater-wiesbaden.de

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