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„Wozzeck“ in Kassel: Ganzheitlicher manipuliert werden

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Von: Judith von Sternburg

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Blick ins „Wozzeck“-Pandämonium vom Zuschauersaal aus. Foto: Nils Klinger
Blick ins „Wozzeck“-Pandämonium vom Zuschauersaal aus. © Nils Klinger

Das Plakative ist Programm: Kassels neuer Intendant Florian Lutz inszeniert Alban Bergs „Wozzeck“ in seinem fabelhaften „Pandämonium“.

Obwohl ein Hauch von Rückkehr ins vertraute Gewimmel über den Theatern liegt, überzeugen Ideen wie das Kasseler Pandaemonium sehr. Der neue Staatstheater-Intendant Florian Lutz, der selbst von der Musiktheaterregie kommt, hat es im Opernhaus einrichten lassen, um Publikum und Orchester angesichts von Anticoronaregularien weiträumiger verteilen zu können. In den Bühnenraum, der dabei seine stadionhafte Größe zeigt, wurde ein Gerüst mit einem Wegesystem mit Durchschlupfen und Nischen gebaut, an dessen Rändern zur Bühnenmitte hin ausgerichtete Sitzplätze montiert sind. Auf den Wegen und in Nischen kann gespielt werden, viele Leinwände und Livekamera-Einsatz machen wett, dass immer nur für einen (kleinen) Teil des Publikums das Geschehen direkt sichtbar ist. Obwohl jeder für sich genommen in der ersten Reihe sitzt. Weitere Plätze gibt es im herkömmliche Saal, auch über dem abgedeckten Orchestergraben entsteht eine Spielfläche, die größte. Die Nutzung wirkt aber insgesamt demokratisch, jeder braucht einen Bildschirm, jeder ist zuweilen nah dran.

Dass das Pandaemonium ein „Musiktheaterparlament“ ist, klingt überkandidelt, ist aber ein ganz schönes Bild. Und das Orchester hat in der Mitte des Bühnenraums wirklich viel Platz, so dass Alban Bergs „Wozzeck“, von Lutz selbst inszeniert, musikalisch in voller Größe erblüht, das sichtbare Glücksempfinden des Dirigenten Francesco Angelico überträgt sich unschwer. Dass das Ensemble in den Winkeln und Kurven über Mikroports verstärkt werden muss, leuchtet zwar ein, stört aber in einer Oper sehr (ist eigentlich unmöglich) und macht klar, dass das eine Ausnahmesituation ist und sein muss. „Wozzeck“ ist aber selbst eine Ausnahmesituation und Lutz nutzt Reizüberflutung und Tohuwabohu der pandämonischen Lage, um gleich noch kräftig in den Fluss der Musik einzugreifen.

Unter der Fuchtel von Biofuel

Vom Betreten des Theaters an lässt er uns spüren, dass wir in die Fänge eines windigen Unternehmens namens Biofuel geraten sind. Biofuel, eine Lebensmittelersatznahrung in Getränkedosen, hat eine Schar adretter Hostessen in Blau-Weiß (einem himmelfarbenen AfD- oder CSU-Blauton, könnte man sagen) entsendet, die behilflich und eine Spur aufdringlich sind. Und klar machen, dass es nicht nur ums Essen, sondern um eine Lebenshaltung geht. Darum kommt es zwischen den Akten zu seltsamen Abstimmungen im Musiktheaterparlament, bei denen sich das Publikum der besuchten Vorstellung übrigens nicht ins Bockshorn jagen ließ.

Das Plakative ist Programm, Arnold Bezuyen aus dem Wagner-Charaktertenorfach ist nicht nur ein markanter Hauptmann, sondern auch ein Conférencier und Einpeitscher, dessen niederländischer Akzent das altvertraute Rudi-Carrell-Fidelsein sehr schön ins Unheimliche verschiebt. Nachher zeigt sich, dass auch Wozzeck, Filippo Bettoschi, und sein Freund Andres, Andrés Felipe Agudelo, als Biofuellieferanten ihren kärglichen Lohn verdienen. Marie, Margrethe Fredheim, ist unterdessen die überforderte Mutter eines videospielsüchtigen Kindes. Die Bühnennischen von Sebastian Hannak und die Kostüme von Mechthild Feuerstein sorgen für eine ausführliche Prekariatsausstattung. Es ist in der insgesamt kolossalen Umgebung sicher nicht möglich, psychologische Untiefen im „Wozzeck“ auszuloten – oft sind ja die Livekameras, nicht die Figuren Bezugspunkt für die Spielenden –, aber der Gesamteindruck ist groß und bitter.

Die Bevormundung, der Wozzeck stellvertretend ausgesetzt ist – gegängelt vom Doktor, Magnus Piontek, gedemütigt vom in der Tat enorm durchtrainierten Tambourmajor, Frederick Ballantine –, setzt sich in den Manipulationen von Biofuel logisch fort. Während wir noch tapfer unsere Stimmzettel heben, hat Biofuel, wie Bilder zeigen, draußen übernommen. Dass „Wozzeck“, auch als Oper doch vertrautes Gelände, einmal wieder so ungemütlich weitergedacht wird, hat trotzdem eine ermutigende Seite. So lästig die Lautsprecher, so brillant das Orchester und so erfrischend, wieder einen Opern- samt Kinderchor zu hören.

Staatstheater Kassel: 17., 22., 30. Oktober, 14., 26. November. www.staatstheater-kassel.de

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