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Katharina Hacker.

Frankfurter Theaterdebatte

„Wozu ein Wahrzeichen?“

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Die Schriftstellerin und Theaterenthusiastin Katharina Hacker plädiert für den Erhalt der vom Abriss bedrohten Frankfurter Theaterdoppelanlage.

Katharina Hacker, geboren 1967 in Frankfurt, lebt als freie Autorin in Berlin. Für ihren Roman „Die Habenichtse‘“ erhielt sie 2006 den Deutschen Buchpreis. Frankfurts Theaterdoppelanlage soll abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Gegen den Beschluss des Stadtparlaments haben über 4000 Menschen protestiert.

Frau Hacker, Sie leben als Schriftstellerin in Berlin. Was hat Sie veranlasst, den Aufruf zum Erhalt der Theaterdoppelanlage in Frankfurt zu unterzeichnen?

Ich bin in Frankfurt aufgewachsen und durch meine Eltern, die in Frankfurt leben und die Städtischen Bühnen besuchen, und durch Freunde gut über die Diskussion zur Zukunft des Theaters informiert. Ich habe schon als Kind gemeinsam mit meinen Eltern Vorstellungen dort besucht. Meine erste Aufführung war der „Zauberer von Oz“. Das ist mir auch gut in Erinnerung, weil es auf dem Rückweg einen kleinen Unfall gab, von dem mir eine Narbe zurückgeblieben ist. Aber die Bühnen sind für mich emotional natürlich sehr positiv besetzt.

Wie äußert sich das?

Schon wenn ich am Willy-Brandt-Platz vorbeikomme und das große Gebäude sehe, so hell und licht mit seinem Foyer, finde ich es einfach ganz großartig und freue mich über die Wolken-skulptur.

Welche Aufführungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Zum Beispiel „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann mit Michael Gielen als Dirigent. Damals habe ich einige Inszenierungen von Gielen und von Ruth Berghaus gesehen. Und ich habe im Kinderchor der Oper Frankfurt gesungen, in den Jahren 1979 und 1980.

Bei welchen Aufführungen waren Sie beteiligt?

Bei „Carmen“ gehörte ich zu den Straßenjungs. Auch bei „Hänsel und Gretel“ habe ich mitgesungen und bei „Tosca“ war ich einer der Chorknaben. Für mich als Mädchen war das einfach toll. Man wurde geschminkt! Allerdings konnten wir als Chormitglieder die Opern nie bis zum Ende erleben. Das hätte die Arbeitszeiten überschritten, die für uns erlaubt waren. Für uns Schülerinnen bedeuteten die Städtischen Bühnen in Frankfurt auch die Möglichkeit, preiswert Kultur zu erleben. Diese Erfahrungen gehören bis heute zu meiner inneren Geografie. Und meine Eltern sind mit Anfang 90 noch bei jeder Opernpremiere dabei.

Wie denken Sie über das Gebäude der Theaterdoppelanlage, das aus dem Jahr 1963 stammt?

Ich empfinde es als gut strukturiert. Es ist klar, lebendig und schlicht, aber dennoch fortschrittlich. Es ist ein Ort, den ich gerne aufsuche. Mein Urteil über die Alte Oper fiel dagegen ganz anders aus. Ich kann mich noch erinnern, dass wir 1981, als das Konzerthaus eröffnet wurde, das Gebäude einfach als verkehrt und verfehlt empfanden. In unseren Augen tat es so, als sei die Geschichte dieses Ortes am Opernplatz eine andere gewesen, als sie es tatsächlich war. Die Städtischen Bühnen dagegen, das war und ist meine Geschichte, das war und ist mein Gebäude. Und das soll jetzt abgerissen werden. Ich finde, man sollte auf die Geschichte dieses Hauses mehr Rücksicht nehmen.

Frankfurt geht mit seinem architektonischen Erbe sehr rücksichtslos um. Andere, noch jüngere und prägende Bauten in Frankfurt sind bereits abgebrochen worden. Zum Beispiel das Technische Rathaus an der Braubachstraße, an dessen Stelle die neue Altstadt entstand.

Beim Technischen Rathaus sind meine Empfindungen in der Tat ganz andere. Da weine ich nicht. Aber um das Historische Museum habe ich doch getrauert.

Ein wichtiger Punkt der öffentlichen Debatte über die Zukunft der Städtischen Bühnen sind die Kosten. Sowohl für einen Neubau wie für eine Sanierung werden nahezu 900 Millionen Euro veranschlagt.

Das ist etwas, das ich nicht beurteilen kann. Aber ich finde, man muss es hinterfragen: Muss das so teuer sein? Was ist der Anspruch, der dahintersteht und der zu diesen Kosten führt? Ich denke, es braucht jetzt intelligente Sparsamkeit beim Sanieren. Und fast alle großen Neubauten der jüngsten Zeit sind bedeutend teurer geworden als ursprünglich veranschlagt.

Andere Kritiker argumentieren auch mit den Investitionen, die in Frankfurt für Schulen und Kindergärten notwendig sind.

Da würde ich grundsätzlich immer sagen: Eine Stadt braucht eine funktionierende Oper und ein funktionierendes Theater. Die Bühnen sind kein bürgerlicher Firlefanz oder Luxus. Als ich 14 Jahre alt war, bin ich da hingegangen aus antibürgerlichem Effekt heraus, barfuß und in Latzhosen. Es gibt unterschiedliche Weisen, in die Oper und ins Theater zu gehen. Und wahrscheinlich sind die Städtischen Bühnen dann oft so essentiell wie Schulen und Kindergärten. Da ist die Hauptsache, dass es auch günstige Karten gibt, so dass alle hingehen können.

Wird die Corona-Krise bei der Zukunft der Städtischen Bühnen zu einer neuen Nachdenklichkeit bei den Politikern führen?

Ich hoffe, dass sie zu Neugierde und vielleicht auch Neubewertung führt. Wir müssen uns gerade jetzt in der gesamten Gesellschaft fragen: Was halten wir für unabdingbar? Was stellt sich als entbehrlich heraus?

Die Politik in Frankfurt träumt erkennbar davon, bei einem Neubau der Bühnen ein architektonisches Wahrzeichen zu gewinnen, dessen Bedeutung über die Stadt hinausweist. Das Stichwort Elbphilharmonie fällt immer wieder.

Bei dem Stichwort Wahrzeichen werde ich sofort traurig. Für Frankfurt als eine traditionsreiche Bürgerstadt ist diese Denkweise ganz und gar unangemessen. Die Bühnen sind zunächst einmal für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt da. Sie sollten doch eine Weise sein, sich über sich selbst zu verständigen, darüber, wie die Gesellschaft sich sieht und was sie hofft, und manchmal sollten sie einfach festlich sein. Wozu, um Gottes Willen, braucht es ein Wahrzeichen?

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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