+
Szene aus "Hunger" mit Patrycia Ziolkowska und Stephan Bissmeier.

Luk Perceval

Wozu Menschen aus Angst fähig sind

  • schließen

Luk Perceval schließt im Hamburger Thalia Theater seine Émile-Zola-Trilogie nach "Liebe" und "Geld" mit "Hunger" ab.

Revolution? Hatten wir schon. Und? Hoffnung auf einen Messias? Menschlicher Irrtum. Mord und Totschlag? Wird es geben, solange es Menschen gibt. Liebe? Ach. Gibt’s die?

Es ist schließlich rabenschwarze Ernüchterung, die Luk Perceval im dritten, dem düstersten Teil seiner Trilogie „Liebe-Geld-Hunger“ seinem Publikum mitgibt. Drei Jahre hat er mit zwölf Schauspielern an den drei Stücken gearbeitet. Sie sind ein Destillat aus Émile Zolas 20-bändigem Romanepos „Les Rougon-Macquart“. Der große Dichter des 19. Jahrhunderts beschreibt in diesem berühmten Epochenwerk den Untergang des Kaiserreichs und die Vorboten der industriellen Revolution anhand der Schicksale von mehreren Generationen einer Familie.

Er sucht darin nach inneren und äußeren Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher und menschlicher Entwicklung. Lassen sich soziale Prozesse auf biologische, sogar darwinistische zurückführen? Diese Frage verbindet Zola mit naturalistisch präziser Beobachtung von Gesellschaftsschichten, in der er journalistische Qualitäten an den Tag legte – der wichtigste literarische Zeitzeuge der Jahre 1871 bis 1893 wurde er dadurch allemal.

Auch Perceval schließt mit seiner Trilogie, die eine Koproduktion der Ruhrtriennale und des Thalia Theaters und dort in Einzelteilen und als Marathon gezeigt wird, einen Lebensabschnitt ab. Begonnen hat der Belgier 1999 seine Karriere in Deutschland mit dem Shakespeare-Marathon „Schlachten“ (übrigens auch in Hamburg, im Deutschen Schauspielhaus), zur nächsten Spielzeit übernimmt er in Gent mit Milo Rau als künstlerischem Leiter das NT Gent.

In „Hunger“ verschränkt Perceval die Romane „Bestie Mensch“ und „Germinal“ zu einer Erzählung über die Brüder Etienne und Jacques, Söhne der im Suff verendeten Wäscherin Gervaise aus Teil Eins. Diesmal sind sie es, die auf der hölzernen, ganz nach hinten gewanderten Welle schwimmen und mit den Seilen spielen, die Bühnenbildnerin Annette Kurz in den schwarzen Raum gebaut hat. Man sollte – und das ist vielleicht ein Manko – alle drei Teile gesehen haben, um die Zusammenhänge wirklich zu verstehen und sich am phänomenalen Schauspielertheater, das hier geboten wird, berauschen zu können. Abgesehen davon, dass man für die Familienbeziehungen der Protagonisten einen Stammbaum bräuchte.

Erzählt wird, in einer weiteren Facette, wozu Menschen aus Angst fähig sind. In Rafael Stachowiaks empfindsamem Jacques begegnen wir einem Frauenmörder und in Sebastian Rudolphs vorpreschendem und leicht erschütterbarem Etienne einem revolutionären Anführer, der die streikenden Bergarbeiter und sich selbst ins Verderben führt. Und man kapiert endlich, warum Stachowiak am Ende der anderen Teile insistiert: „Bin ich schuld? Ich muss es wissen.“ Mit dezentem Spiel gelingt es dem Ensemble als Ganzes zu brillieren: die explodierenden Handlungsstränge erzählen sie mit wilder Bewegung über Seile und Welle, oft stehen sie einfach da, kommentieren auch als Chor, sie gehen mit jedem Text körperlich in einen Dialog, im Vertrauen auf ihre Stimmen sind sie präsent bis zu den Haarwurzeln.

Was die Verwandlungskunst betrifft, die die drei Teile verbindet, seien die Schauspielerinnen genannt: Oda Thormeyer entwickelt aus der Depression der mausgrauen Haushälterin Martine die Wut in Mutter Maheu, dann eine Schlächterin antiken Ausmaßes in „Hunger“. Die Grande Dame des Thalias, Barbara Nüsse, verwandelt sich über das emotionale Scharnier der inneren Vereisung von der kleinbürgerlichen Großmutter über den endlos gedemütigten Grafen Muffat in den untergangslüsternen alten Bergarbeiter mit dem sprechenden Namen Bonnemort.

Die großartige Gabriela Schmeide zeigt die Wäscherin Gervaise als entschlossene Frohnatur. Ist dann Madame Caroline, die dem erfolglosen Buhlen ihres Gatten Muffat um die Edelprostituierte Nana zuschaut und selber ein hoffnungsloses Verhältnis mit dem Kaufhausbesitzer Saccard eingeht. In „Hunger“ schließlich gibt sie das behinderte Kind Alzire: Sie grient über beide Ohren und kommentiert mit bedächtiger Piepsstimme, wie die Welt um sie herum zugrunde geht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion