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Priester während einer Audienz von Papst Franzikus auf dem Petersplatz von Rom.

Bistum Essen

„Der Worte sind genug gewechselt ...“

Franz Josef Overbeck hat kürzlich eine Neubewertung von Homosexualität in  der Katholischen Kirche angemahnt.  Stefan Klöckner will ihm das glauben.

Mein Ausscheiden aus dem Dienstamt eines Ständigen Diakons im Bistum Essen lief geräuschlos und fast routiniert ab: ein von mir initiiertes Gespräch mit dem Bischof, ein offizieller Brief, eine Flasche Wein, überreicht im Treppenhaus ... das war’s! 1997 hatte ich die Diakonenweihe empfangen, und nach 18 Jahren geistlicher Tätigkeit war dann im Dezember 2015 Schluss.

Der Hintergrund: Ich bin mit meinem heutigen Lebensgefährten zusammengezogen; seit zwei Jahren sind wir verpartnert. „Damit musstest du doch rechnen – das kann dich doch nicht erstaunen!“, waren die Reaktionen aus dem Kreis der Mitbrüder (wenn denn überhaupt Reaktionen kamen). Schulterzucken – dann Business as usual, gefolgt von einer kultivierten damnatio memoriae, die dazu führte, dass alle Verbindungen sehr rasch gekappt waren.

Nirgends (auch nicht in künstlerischen Kreisen, denen man eine fast „naturgegebene“ Affinität zur Homosexualität nachsagt) bin ich im Laufe meines nunmehr 60-jährigen Lebens mehr homosexuell veranlagten Menschen begegnet als im Kontext meiner unterschiedlichen Tätigkeiten in der Kirche – darunter waren nachvollziehbarer Weise viele geistliche Amtsträger (Diakone, Priester und Bischöfe) und Ordensleute beiderlei Geschlechts, aber auch Laienmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Sehr viele von diesen Menschen haben übrigens sogar unter Berücksichtigung der einschlägigen katholischen Morallehre eine „ausgereifte Persönlichkeit“ und einen durchaus „gefestigten Charakter“. Sie leisten mit großer menschlicher Begabung und fachlicher Befähigung eine ausgezeichnete Arbeit, und sie machten aus ihrer Veranlagung nie ein großes Spektakel: Entweder lebten sie als Kleriker den Zölibat, oder sie waren in einer (freilich geheim gehaltenen) festen Beziehung, und das z. T. über Jahrzehnte hinweg.

Homosexualität wurde jahrzehntelang geübt dämonisiert

Dass es daneben auch andere, dunkle und erschreckende Erfahrungen gab, steht nicht in Abrede; jedoch hat dies weniger mit der Homosexualität an sich zu tun als mit ihrer jahrzehntelang geübten flächendeckenden Dämonisierung: Ich war mit mir eigentlich „im Frieden“ – bis ich das Theologiestudium begann und für einige Semester ins Konvikt für die Priesteramtskandidaten zog. Dort wurde ich zum ersten Mal mit jener zerstörerischen Kraft von Neurosen und schizophrenen Verhaltensweisen konfrontiert, die so manchen Seminaristen zwischen „Anmache“ und Verachtung, körperlicher Distanzlosigkeit und schroffer Abwehr schwanken ließ und die sich in geheimen Verhältnissen, aber auch in Flüsterparolen, Spitzelei und Denunzierung äußerte. Es hat lange gedauert, bis ich mich von diesen krankmachenden Verhältnissen befreit und bis ich die Angst besiegt hatte, die seitdem in mir herrschte: entdeckt zu werden, sich verteidigen zu müssen für etwas, für das man nichts kann – und das doch eigentlich eine grundgute Sache sein konnte, nämlich die Fähigkeit, einen anderen Menschen zu lieben ... selbst wenn er dasselbe Geschlecht hat!

Dämonisierung, Ausgrenzung und pauschale Verurteilung der Homosexualität sind der Kirche genauso schlecht bekommen wie die generelle Herabsetzung der homosexuell veranlagten Menschen als unreif, fehlgeleitet, nicht beziehungsfähig und krank. Dass sich im Laufe der Zeit die schroffe Ablehnung in einen Status der von seelsorgerlich mitleidender Barmherzigkeit gespeisten Duldung wandelte, machte es für Betroffene nicht leichter, denn ernst genommen wurden die derart zu pastoral besonders bedürftigen Objekten Degradierten letztlich nicht. Wozu übrigens die krampfhafte Unterscheidung zwischen der Homosexualität als Veranlagung (nicht zu verurteilen!) und der „Ausübung“ (also der auch körperlich gelebten Liebe zu einem Menschen des eigenen Geschlechts, die sehr wohl zu verurteilen sei) beigetragen hat.

„Die Lebensentscheidung, meinen Freund zu heiraten war richtig“

In den Jahren, in denen ich als Diakon arbeiten durfte, habe ich vielfach erfahren, dass in den Gemeinden und ihren Gemeinschaften eine ganz andere Sicht vorherrscht: Dort ist das Thema „Homosexualität“ so gut wie nie zur Sprache gekommen. Den Leuten war es schlicht egal, und die Relevanz (wie auch die des Zölibats) tendierte gegen Null. Beides nahm man kopfschüttelnd oder schulterzuckend als scheinbar notwendige Attitüden einer in der Vergangenheit steckengebliebenen Institution hin. Wichtig war nur, dass die seelsorgliche Arbeit vor Ort gut lief und dass es menschlich „stimmte“. Der Bedarf an Veränderung ist in den letzten Jahrzehnten exponentiell angewachsen. Das macht den konkreten Umgang damit nicht leichter, denn je höher der Berg wird, umso bedrohlicher wirkt er natürlich. Die Angst, nun von den Problemen überrollt zu werden und einem möglichen Dammbruch hilflos gegenüber zu stehen, ist riesig.

Umso neugieriger habe ich reagiert, als der Bischof von Essen, Franz Josef Overbeck, unlängst eine grundsätzliche Neubewertung der Homosexualität an-mahnte und dazu ermutigte, entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Ich habe das aufgegriffen und dem Ruhrbischof, in dessen Bistum ich als Diakon tätig war und nach wie vor lebe, vor einigen Wochen den folgenden Brief geschrieben:

„Sehr geehrter, lieber Herr Bischof Overbeck,

vor gut drei Jahren – am 1. Dezember 2015 – trat durch ein von Ihnen unterzeichnetes Dekret meine dauerhafte Suspendierung vom Amt des Diakons in Kraft, nachdem ich Ihnen in einem Gespräch von meiner Entscheidung berichtet hatte, meinen damaligen Freund und heutigen Ehemann zu heiraten.

Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht zwei Dinge deutlich gespürt hätte: Erstens war die Lebensentscheidung, meinen Freund zu heiraten, richtig!

Zweitens war die Lebensentscheidung, mich am 17. Mai 1997 zum Ständigen Diakon weihen zu lassen, ebenfalls richtig. Ich habe die Berufung zu diesem kirchlichen Dienstamt lange vorher schon intensiv gespürt – und die Kirche hat diese Berufung angenommen und ihr mit der Weihe entsprochen. An dem Gefühl, dass diese Berufung in mir beinahe drängend präsent ist, hat sich bis auf den heutigen Tag nichts verändert – eine Aporie, in der ich seit dem 1. Dezember 2015 leben muss und die sich bestenfalls oberflächlich durch das Kirchenrecht argumentieren, aber nicht aus tiefergehender theologischer Substanz heraus auflösen lässt.

Ihr neuester Artikel in der ,Herder Korrespondenz‘ (Februar 2019) lässt nicht nur mich aufhorchen. Sie stellen sich da als jemand vor, der eine ernstliche und tiefgreifende Neubewertung der Homosexualität im Kontext der kirchlichen Lehre und Praxis ins Spiel bringt, ja – sogar anmahnt. Das soll für homosexuell veranlagte Männer im geistlichen Dienstamt genauso gelten wie für homosexuelle Lebensgemeinschaften, die auf Liebe gründen und auf Dauer angelegt sind – und für alle homosexuell veranlagten gläubigen Katholikinnen und Katholiken, die durch dieses allzu lang vermisste Handeln auf Augenhöhe endlich aus der Erstickung befreit werden, welche die erniedrigende pseudopastorale Barmherzigkeits-Ummantelung in den letzten Jahren verursacht hat. Als jemand, der Ihren einschlägigen Fernsehauftritt bei Anne Will im April 2010 mit Entsetzen verfolgt hat, kann ich ermessen, welchen Weg Sie zurückgelegt haben, um eine solche Äußerung im Jahre 2019 (und neun Jahre sind in der Kirche Gottes keine lange Zeit!) tun zu können.

Ich unterstelle hierbei nicht (wie so manche, mit denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe), dass Sie das, was Sie da schreiben, nicht ernst meinen und dass Sie uns und sich täuschen. Denn ich habe Sie in unserem persönlichen Gespräch damals als ein achtungs- und respektvolles Gegenüber erfahren – was ich mit Blick auf schlimme Gegenbeispiele, die Mitbrüder und Freunde in vergleichbaren Situationen mit anderen Bischöfen erlebten, dankbar registriert habe. Insofern glaube ich Ihnen, dass es Ihnen ein Anliegen ist, den vorhandenen Leidensdruck bei homosexuellen Gläubigen (Gemeindemitgliedern, haupt- und nebenamtlich Tätigen, Diakonen, Priestern ...) nicht zu vertiefen, sondern abzubauen und zu heilen.

Stefan Klöckner fordert nun Taten

Aber dennoch kommt mir ein Satz aus Goethes ,Faust‘ in den Sinn: ,Der Worte sind genug gewechselt – lasst mich auch endlich Taten sehn!‘ Ob Sie mit der überraschenden Botschaft Ihres Artikels als glaubwürdig wahrgenommen werden, wird sich nach meiner Einschätzung aus den praktischen Konsequenzen ergeben, die nun gezogen werden müssten:

– Wird es auf der Basis Ihres Artikels einen Prozess mit Zielvorgaben geben, an dessen Ende konkrete Maßnahmen stehen, die Sie als Bischof im Bistum Essen in Kraft setzen werden? Mit anderen Worten: Treiben Sie die von Ihnen angemahnte Neubewertung der Homosexualität in Lehre und Praxis der Kirche für Ihren Verantwortungsbereich aktiv voran – oder warten Sie ab, bis irgendwo anders irgendetwas geschieht?

– Wird zur Erneuerung der kirchlichen Praxis im Bistum Essen auch gehören, dass homosexuelle Menschen, die sich zu einer auf Dauer ausgerichteten Lebensgemeinschaft zusammenfinden, kirchlich gesegnet werden können, wenn sie das wünschen? Oder bleiben sie bloße Objekte jener ,besonderen seelsorglichen Zuwendung‘, mit der man verirrte Schafe bedenkt?

– Werden Sie das bundesweit bereits erneuerte kirchliche Arbeitsrecht für das Bistum Essen dahingehend eindeutig gestalten, dass homosexuelle Arbeitnehmer/innen im Falle ihrer Verpartnerung oder Heirat geschützt sind und deswegen nicht gekündigt werden dürfen? Oder bleibt es nach wie vor ein ,Gnadenakt‘ des Pfarrers, wenn das nicht geschieht?

– Welche konkreten Schritte werden Sie für Ihren Verantwortungsbereich unternehmen, um Priesteramtskandidaten davor zu bewahren, sich mit ihrer homosexuellen Veranlagung jahrelang verstecken zu müssen – eine historisch fassbare Quelle tiefen menschlichen Elends bis hin zu schizophrenen und krankmachenden Zuständen?

– Was wird im Bistum Essen künftig mit Ständigen Diakonen geschehen, die ja verheiratet sein dürfen... und mit einem Mann verheiratet sind?

Sehr geehrter, lieber Herr Bischof Overbeck, Ihr Artikel hat Erwartungen geweckt, dass sich in unserer Kirche an entscheidender Stelle doch noch etwas ändern kann. Insofern unterscheidet er sich wohltuend von den Äußerungen eines Kardinal Müller, den die Amtshybris für derartige Probleme hat erblinden lassen und der seine Unfähigkeit und mangelnde Bereitschaft zu Reformen hinter Sätzen wie ,Dazu hat die Kirche nicht die Vollmacht!‘ oder ,Das kann man nur weltweit ändern!‘ einmauert.

Kommen jetzt aber nach Ihrer Initiative wieder nur Sätze wie diese und wird nicht konkret gehandelt, so wird der Exodus der Gläubigen an Tempo gewinnen – genau wie der galoppierende Verlust kirchlicher Glaubwürdigkeit in der modernen Welt.

Mir ist bewusst, dass Homosexualität nur eine Detailfrage der kirchlichen Sexuallehre ist und dass nicht das ganze Lehrgebäude davon abhängt. Aber am Umgang mit dieser Veranlagung wird man klar ablesen können, wie sich die Kirche zu den Weiterentwicklungen des Menschenbildes in der Moderne stellt. Der Erwartungsdruck in dieser Frage hat durch Ihren Artikel deutlich zugenommen. Mit herzlichem Gruß, 

Professor Dr. Stefan Klöckner“

In seinem Antwortbrief, den der Bischof mir einige Zeit später zukommen ließ, bestärkt Overbeck das in seinem Artikel vom Februar 2019 Geschriebene. Er versichert, dass er darauf dringen wird, die kirchliche Sicht auf die Homosexualität zu differenzieren und zu verändern – und er bestätigt, dass aus seiner Perspektive nach den Debatten konkrete Beschlüsse anstehen.

Es ist zu wünschen, dass dies bald, sehr bald geschieht – denn den Verantwortlichen bleibt fast keine Zeit mehr, um klar zu machen, dass sie wirklich handeln wollen. Die Einrichtung von langwierigen Arbeitskreisen, die Bestellung weiterer Gutachter und die Verlautbarungen gut gemeinter Statements reichen auf keinen Fall aus, denn sie führen nur die wortreiche Sprachlosigkeit weiter, mit der die deutschen Bischöfe sich, uns und die Öffentlichkeit nun lange genug gequält haben.

Stefan Klöckner, Jahrgang 1958, ist Professor für Musikwissenschaft an der Folkwang Universität der Künste Essen.

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