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„Worschtmichels Traum“: Des mäscht die Sommernacht

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Von: Judith von Sternburg

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Worschtmichels Frau und ihr Beau: Ulrike Kinbach und Alexander J. Beck. Foto: Maik Reuß
Worschtmichels Frau und ihr Beau: Ulrike Kinbach und Alexander J. Beck. Foto: Maik Reuß © Maik Reuß

Das Festival „Barock am Main“ mit der losgelassenen Komödie „Worschtmichels Traum oder Der König von Frankfort“.

Calderóns „Das Leben ein Traum“ ist auch deshalb so sprichwörtlich geworden, weil Menschen nicht nur Tag- und Nachtträume haben, sondern selbst der scheinbar reale Anteil des Lebens auf einer merkwürdig unsicheren Grundlage steht. Bettler, die zu Millionären, Herrscher, die zu Dienern werden, solche Geschichten treiben bloß auf die Spitze, was gerade die Klarsichtigen immer spüren. Den Zufall, die Gratwanderung, die Instabilität. In „Worschtmichels Traum oder Der König von Frankfort“ von Rainer Dachselt, jetzt beim „Barock am Main“-Festival in Frankfurt-Höchst zu sehen, wird wieder einmal die Variation Größenwahnphantasie bedient.

Worschtmichel ist ein Nichtsnutz und Trunkenbold. Seine Frau verhaut ihn allenthalben. Während er im Schubkarren schnarcht, machen sich aber nun ein paar Lackaffen und Lackäffinnen aus der besseren Kreisen einen Spaß mit ihm. Sie entführen und verwandeln ihn in einen König, mit seidenen Hosen und freiem Zugang zu Alkoholika und Thron. Michael Quast spielt die existenzielle Seite der Verwandlung ausgezeichnet aus. Nicht mehr zu wissen, wer man ist, eine schreckliche Erfahrung.

Worschtmichel übersteht aber diese Phase und richtet sich ein. Während sich für ihn alles Vertraute aufgelöst hat – inklusive seiner rabiaten Frau –, zeigt Dachselt ein sicheres Gespür für Anpassungsfähigkeit. Die Lackaffen und Lackäffinnen glauben, vom Gefoppten profitieren zu können. Das klappt aber nicht gut. Wie der junge Wolodymyr Selenskyj in der TV-Serie „Diener des Volkes“ hat der Worschtmichel mehr Übersicht, als die Leute glauben. Dann wiederum hat er weniger Übersicht, als er selbst glaubt. Das macht der verdammte Wacholderschnaps.

In einer der schönsten Szenen dieses an schönen Szenen wahrlich nicht raren Abends tanzen Die Weisheit und Die Trunkenheit auf, Ulrike Kinbach und Alexander J. Beck, als sei das eine nicht ohne das andere zu haben. Das macht zwar Durst, ist aber Quatsch. Wie auch der arme Worschtmichel feststellen muss.

Quatsch ist das richtige Stichwort. Auch wenn dieser Typus von Geschichte immer interessiert, ist es vor allem lustig und situativ, ein Spaß gibt den nächsten, und die Souffleuse, Paula Schulenburg, spielt wie immer, wenn Quast groß auffährt, keine Nebenrolle. Auch das Imperfekte kann man perfekt machen.

Das Publikum: mitklatschtbereit in einem fast schon bedenklichen Ausmaß (das mäscht die Sommernacht, heißt es in einem der Songs). Denn es ist auch ein filigraner Abend, Sarah Groß inszeniert mit Sinn für Details, und nicht nur Maske und Kostüme (Katja Reich und Anna-Sophie Blersch) sind Kunstwerke und Transformatoren: Kinbach wird zur resoluten Worschtmichel-Gattin, die ein Techtelmechtel mit dem unqualifizierten Zunftvorstand der Frankfurter Metzger pflegt, Beck. Das Quartett der Snobs: Ulrich Sommer, Claudia Jacobacci, Pirkko Cremer und Pascal Thomas (als geschmeidiger Einspringer in vorletzter Minute). Der einbeinige Wirt, Eric Lenke, bringt eine erfrischende Prise sinnlose Melancholie ins Spiel.

Rhodri Britton kümmerte sich um die Musik, Pseudoopernnummern und Gassenhauer, bei fließenden Übergängen. Mit auf der Bühne ein barock ausgestattetes Quartett. Wenn der Quast andauernd seinen Text vergisst, muss um ihn herum erst recht alles wie am Schnürchen laufen. Dabei sind das immer große und postdramatische Momente. Würde er den Text nicht vergessen, müsste er heutzutage so tun, als ob.

„Barock am Main“ vor der Höchster Porzellanfabrik: bis 14. August. www.barock-am-main.com

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