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Wolfgang-Herrndorf-Erzählung „Der Weg des Soldaten“ im Schauspiel Frankfurt: Zinnsoldat im Bauch

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Von: Andrea Pollmeier

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„Der Weg des Soldaten“ in Frankfurt, ein Klassenzimmerstück mit Miguel Klein Medina (l.) und Alicia Bischoff. Foto: Felix Grünschloß
„Der Weg des Soldaten“ in Frankfurt, ein Klassenzimmerstück mit Miguel Klein Medina (l.) und Alicia Bischoff. Foto: Felix Grünschloß © Felix Grünschloß

Eine Erzählung von Wolfgang Herrndorf überzeugt in der Schauspiel-Box.

Das Militär auf dem Weg zum Arsch.“ Der krasse Satz bezieht sich auf ein zum Kunstwerk gewandeltes Röntgenbild, das zeigt, wie ein Zinnsoldat – zuvor absichtlich heruntergeschluckt -, den Weg durch Magen und Darm gen Ausgang macht. Die Szene steht in Wolfgang Herrndorfs Erzählung „Der Weg des Soldaten“, die 2007 in seinem Band „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ veröffentlicht wurde – die Bühnenfassung, jetzt am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt, ist von Regisseur Martin Brüggemann und dem Dramaturgen Lukas Schmelmer.

Das Thema könnte nicht aktueller sein. Auch der für den 2013 im Alter von 48 Jahren gestorbenen Herrndorf charakteristische, direkte, jedoch nicht grobe Erzählton, dem die Inszenierung Brüggemanns folgt – und der ihn mit dem Roman „Tschick“ (2010) bis heute zum Kultautor macht –, wirkt stimmig. In der intimen Nähe der Box-Studiobühne übernehmen Alicia Bischoff und Miguel Klein Medina – beide sind Mitglieder des Studiojahres Schauspiel – die verschiedenen Figuren.

Klassisch nüchtern ist die Bühne (Devin Rebecca McDonough). Zwei wuchtige weiße Quader bilden eine Art Marmorblock, auf dem nicht nur eine kleine Büste Platz findet, sondern auch zum Publikum gesprochen wird. Wie Michelangelos Renaissance-Skulpturen stehen Bischoff und Klein Medina erhöht und blicken von oben herab in Richtung der Stuhlreihen. Es ist eine heute ungewöhnlich autoritär wirkende Position, die dem System, gegen das der Erzähler rebelliert, jedoch genau entspricht. Wie Herrndorf selbst sperrt sich auch der Ich-Erzähler, der sich an der Kunstakademie in Nürnberg für ein Kunststudium eingeschrieben hat, gegen den autoritären Gestus der Dozenten, die zwar „Emotionen“ einfordern, diese jedoch, wenn sie nicht systemkonform sind, systematisch unterdrücken.

Aus dieser „Von oben herab“-Starre lösen sich die beiden auf dem Marmorblock und folgen dem Ich-Erzähler in Herrndorfs Geschichte. Der benennt stets, wie beim Zinnsoldaten, unverblümt plastisch irritierende Zusammenhänge, bricht nahezu Non-Stop Konventionen und schafft es bis zum Ende, das Publikum aufmerksam zu halten.

Das Projekt der dezent in Jeans und weißem T-Shirt mit aufgedrucktem Künstlerporträt gekleideten Studierenden (Kostüm: Antonia Mahr) ist dennoch eine Herausforderung. Denn die narrative Erzählform ist nicht eigens in Dialoge umgearbeitet worden. Der Inszenierung gelingt es jedoch mit prägnanter Sprache, stimmigen Positions- und Lichtwechseln, fluiden Erzählfiguren und mitspielender Büste – sie fliegt einmal als Beifahrer aus einem imaginierten Auto -, den Spannungsbogen zu halten, ohne zu übersteuern.

Schauspiel Frankfurt, Box: 22. Oktober, 28. November. www.schauspielfrankfurt.de

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