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"Die tote Stadt" in Dresden: Burkhard Fritz, Manuela Uhl, Maries Bild (v. l. n. r.).

Semperoper

Sie wird ihn wirklich nicht gehen lassen

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David Bösch und Dmitri Jurowski lassen Korngolds "Die tote Stadt" in Dresden dunkel funkeln.

Die Wirkung von Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ ist 97 Jahre nach der Uraufführung so unmittelbar und enorm, dass sie sich mit David Böschs nicht sehr subtiler, aber hingebungsvoller Inszenierung in Dresden vorzüglich versteht. David Bösch ist auch dem Frankfurter Publikum wohlbekannt, momentan ist sein Londoner „Trovatore“ hier zu sehen, sehr überzeugte er aber 2012 mit der bedeutenden Humperdinck-Rarität „Die Königkinder“. Große und ein bisschen verquere Leidenschaften ins Bild zu setzen, interessiert ihn offenbar, und eine besonders große und verquere verbindet den jungen Paul mit seiner verstorbenen Frau Marie und mit der namenlos bleibenden, aber Brügge meinenden Stadt, in der er sich als rigoros Trauernder eingeigelt hat.

Bei aller Seltsamkeit der Vorgänge liegt die Unerträglichkeit des Todes so offen auf der Hand, dass es unmöglich ist, sich Pauls Gedankengängen zu verschließen. Die Unerträglichkeit des dennoch offensichtlich auf ganzer Linie siegreichen Todes ist es auch, die die nicht immer so scharfe Grenze zwischen Verlogenheit (Kitsch) und Notwendigkeit (Kunst) markiert und Korngolds Geniestreich und Böschs Inszenierung gleichermaßen auf die Seite der Notwendigkeit stellt. Daraus ergeben sich für beides doch einige opulente Möglichkeiten.

Der von Bösch sympathisch gezeichnete, arglose Paul macht sich also etwas vor, aber er ist kein verlogener Kitschbold. Jetzt ist eine Frau aufgetaucht, die Marie wahnsinnig ähnlich sieht, auch die Stimme ganz Marie. Bösch tut keinen Moment lang so, als sei das mehr als eine Äußerlichkeit. Wenn Manuela Uhl im modernen Kleidchen und Lederjacke (Kostüme: Falko Herold) hüpft, springt und kokettiert, nervt das zwar bereits, verdeutlicht aber, wie Paul sich verrennt in seinen ausweglosen Traum, oder sagen wir: seine ausweglose Lage. Die Gruft mit Matratze, die Böschs vertrauter Bühnenbildner Patrick Bannwart eingerichtet hat, wird in der Semperoper nie verlassen. Einfach und stark etwa in der nächtlichen Wasserszene im zweiten Akt umgesetzt, wenn die Masken mit Sessel, Sofa und Bett heranrudern. Maries überdimensionales Bild dominiert den Raum, und ihr Haar leuchtet, wenn es auch ein geisterhaftes Leuchten ist.

Den mystifizierten stumpfen Zopf der Toten, den Paul als Reliquie bewahrt, stellen Bösch und Bannwart in das Zentrum des heillosen Marien-Kultes, indem er sich im dritten Akt entsetzlich ausgebreitet hat und als schaurige Spinnweben die Bühne einnimmt (128 Kilometer unbrennbares Garn, meldete vorab die „Sächsische Zeitung“). Marie vervielfältigt sich auch im blonden Kinderchor, aber das sind ja Totenköpflein, die im Video gar nicht mehr klein sind. Das Ausmaß, in dem – auch im Text bleibt das nicht unerwähnt – Tote und Lebende nicht mehr zusammenkommen können, wird hier in einem besonders dunklen Alptraum ausgebreitet. Ein Glück mit dem neuen netten Mädchen Marietta ist keinen Augenblick lang denkbar.

Die Dresdner „Tote Stadt“ ist nicht nur ein melancholischer, sondern ein veritabel gruseliger Ort, an dem allerdings jenseits der pandämonischen Szenen bezaubernde Musik erklingt. Manuela Uhl ist eine wunderschöne, stimmlich in vielen Facetten funkelnde Marietta (und Geister-Marie). Das Hochdramatische steht ihr jederzeit zur Verfügung, im unwiderstehlichen Schlager „Glück, das mir verblieb“ hingegen reißt sie gerade mit einer unopernhaften Verhaltenheit mit.

Die anspruchsvolle Paul-Partie bewältigt Burkhard Fritz sehr überzeugend, lyrisch genug und als Wagner-Tenor ohnehin höhen- und ausdauergestählt, wenn auch nicht ganz so schillernd wie Uhl. Ein Luxus wie eine 1A-Brangäne ist die Brigitta von Christa Mayer. Nicht nur die Süffigkeit, auch die delikate und schließlich die krasse, beunruhigende Seite von Korngolds Musik bringt die nachher bejubelte Staatskapelle unter Dmitri Jurowski zur Geltung.

Für Paul gibt es kein Entrinnen. Marie und ihr Haar, das unterm Teppich wieder auftaucht, halten ihn gegen das Libretto fest. Bösch lässt uns durchaus glauben, dass Paul es mit einem echten Gespenst zu tun hat. Wir haben es singen gehört, wir zweifeln nicht wirklich. Das Parkett in der besuchten zweiten Vorstellung war nicht im mindesten voll. Die, die da waren, hielten mit ihrer Begeisterung nicht hinter dem Berg.

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