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Es wird nicht besser 2018

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Von: Stefan Michalzik

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Halt! Das Programm heißt "Tilt!"
Halt! Das Programm heißt "Tilt!" © PA

Urban Priols kabarettistischer Jahresrückblick in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Politiker machen – zumindest mehr oder weniger – alles falsch, obendrein reden sie ziemlich lächerlich daher. Das ist die Grundaussage des politischen Kabaretts alter Schule. Politik-, oder vielmehr: Politikerverdrossenheit, lange vor den populistischen Strömungen unserer Tage, aus anderen Motiven, mit meist linker Ausrichtung. Erstaunlich doch, wie wenig Nachwirkung der große Matthias Beltz entfaltet hat, der mit seinem einst bahnbrechend neuen Entwurf vom Kabarett eine pointierte, dingfeste Welthaltigkeit in einem nachgerade philosophischen Sinne erreicht hat, nahezu ohne Nennung der Namen von Politikern oder Parodien ebensolcher.

Ununterbrochen hart am politischen Geschehen

Bei Urban Priol fallen dauernd Namen, und er parodiert gerne. Angela Merkel vor allem immer wieder, gar exhumiert er Franz Josef Strauß. Entschieden ist der 56-Jährige mit den charakteristisch zu Berge toupierten Haaren, den bunten Hemden und dem fränkisch-schnoddrigen Zungenschlag ein Mann der alten Schule des politischen Kabaretts. Doch nichts gegen Urban Priol. Die jüngste Ausgabe seines unter dem Titel „Tilt!“ lange eingeführten satirischen Jahresrückblicks in der annähernd ausverkauften Frankfurter Jahrhunderthalle hatte viel für sich. Priol bleibt hart am politischen Geschehen, er ist einer der Besten seiner Profession, die blanke Blödelei bleibt eher außen vor. Die Italiener können keinen Fußball mehr spielen und die Deutschen kriegen keine Regierung zustande – das Jahr 2017, so Priol, habe einige Dinge auf den Kopf gestellt. Im Parlament sitzt erstmals eine „dumpf-rechtsnationale Partei – ins Eintrachtstadion dürften die nicht rein“. Einige Aufmerksamkeit gilt dem selbstverschuldeten Niedergang der Sozialdemokratie. Die großen Umverteiler (nach oben), Trump und Macron, erwähnt Priol eher beiläufig, sein Hauptaugenmerk gilt der hiesigen Politik. Stichworte: Dieselaffäre, G-20-Gipfel, Ehe für alle – und Morbus Dobrindt: das Festhalten an einer Idee (Maut), auch wenn sie offenkundig unsinnig ist. Recht amüsant auch der Schlenker zum FC Bayern, der personelle Erneuerung durch die Reaktivierung von Jupp Heynckes betrieben hat: Rente mit siebzig – kein Thema, es geht viel länger. Und im Übrigen: Könnte nicht mal eine Frau den scheußlichen Till Schweiger... – auf dass man ihn aus allen Filmen, allen alten „Tatort“-Folgen rausschneidet... Der Frauenfeind Luther, „der Harvey Weinstein des Spätmittelalters“; Christian Lindner und der Bitcoin, „diese Währung, die es gar nicht gibt“; die gleich in welcher wirtschaftlichen Situation allweil vorgebrachte Lohndrückerthese „Das gefährdet die Arbeitsplätze!“: Am Ende, nach drei ohne Durchhänger stringent gearbeiteten Stunden am Stehpult mit Manuskript, hat man das Gefühl: Er hat nichts ausgelassen. Werbekärtchen mit den Terminen für „Tilt!“ im Januar kommenden Jahres sind auf den Plätzen ausgelegt gewesen. 2018, so der wenig prophetische Schluss, wird auch nicht besser gewesen sein. Das, immer wieder lässt Priol es spüren, ist ein Grund zur Empörung. Bei aller Spaßigkeit ganz im Ernst.

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