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Kleingartenanlage am Berliner Plänterwald.

Maxim Gorki Theater

"Wir sind zuständig geworden"

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Shermin Langhoff, Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters, über Rückschritte und Fortschritte, über Gegenwehr und die Unmöglichkeit, die Zukunft vorauszusehen.

Frau Langhoff, im Jahre 2030 soll Berlin vier Millionen Einwohner haben.
Das erschüttert mich nicht so sehr. Zur Zeit sind es mehr als 3,7 Millionen. Also nicht ganz so viel wie 1920. Damals war Berlin mit 3,8 Millionen Einwohnern nach New York, London, Tokio und Paris die fünftgrößte Stadt der Welt. 1944 hatte Berlin 4,3 Millionen Einwohner. Im Jahr darauf waren es nur noch 2,8 Millionen.

Oh, Sie haben sich vorbereitet!
Das tue ich immer. Ich weiß zum Beispiel auch, dass wir uns über die Bevölkerungsgruppe der Kleingärtner keine Sorgen machen müssen. Der Senat hat denen schon zugesichert, dass ihre Parzellen bis 2030 nicht angerührt werden.

Sie wissen natürlich auch, wie viele Leute das sind.
Es geht um 6600 Parzellen auf Landesflächen. Der Senat kann für die 5000 weiteren Grundstücke auf Privatgelände natürlich keine Garantie abgeben.

Es ist schön, dass Sie die Entwicklung so positiv sehen. Aber die Deutschen sterben doch aus?
Was das demografische Wachstum angeht, setzen wir – trotz der Entwicklung in ein paar Straßen des Prenzlauer Berges – unsere Hoffnungen vor allem auf die zugewanderten Deutschen oder auch Nicht-Deutschen. 

2030 ist ja schon in zwölf Jahren. Wie lange reicht Ihr Arbeitsvertrag?
Im Sommer 2021 läuft er aus. Ich habe eine Option auf Verlängerung bis 2023, wenn ich mir nichts zuschulden kommen lasse. 

2030 ist für Sie dann doch weit weg. Glauben Sie, dass die Frauen Fortschritte machen werden in diesen Jahren?
Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht an Kaffeesatz und nicht an Horoskope. Ich glaube noch nicht einmal an Hochrechnungen. Täte ich das, dann müsste ich doch angesichts dessen, was in den letzten Jahren passiert ist, verzweifeln. Vor Sarrazin hätte ich es für ausgeschlossen gehalten, irgendjemand in Deutschland könnte rassistische Behauptungen aufstellen wie zum Beispiel, Muslime seien genetisch bedingt dümmer als Deutsche, ohne ordentlich einen auf den Deckel zu bekommen. Inzwischen ist die AfD im Bundestag und in jedem Landesparlament. Ich hätte auch das vor wenigen Jahren noch für ausgeschlossen gehalten.

Macht Ihnen das Angst?
Nein. Angst hilft nicht. Angst lähmt. Es gibt immer wieder Verrückte, die das Gorki-Theater oder auch mich bedrohen. Da mischen sich rassistische, soziale und sexuelle Motive. Wir leben in dem geopolitischen Dreieck Donald Trump, Xi Jinping und Wladimir Putin. In dem wird nach Pussies gegrabscht. Der soziale, politische und sexuelle Rückschlag gehören zusammen wie auch ihr Fortschritt zusammengehörte. Zur Zeit wird alles so sichtbar. Wie in einer Karikatur. Das ruft eine große Gegenwehr hervor. 

Was sehen Sie da?
Die 250 000 Demonstranten, die Mitte Oktober in Berlin für „Solidarität statt Ausgrenzung“ auf der Straße waren, sind mehr als ein Signal. Viele von uns befanden sich doch in einer Art Dornröschenschlaf. Die Bundesrepublik erschien vielen – trotz NSU und NSA – so saturiert, auch demokratisch so gefestigt, dass sie glaubten, mal Urlaub von der Politik machen zu können. 

An wen denken Sie da?
Nicht nur an den politischen Mainstream. Ich erinnere mich noch, wie ich von den Kollegen an den Theatern attackiert wurde, als ich erklärte: Natürlich mache ich politisches Theater. Ich kann mir nichts anderes vorstellen.

Wann war das?
Als wir am Gorki NSU-Stücke machten, zogen nur wenige Bühnen mit. Heute sind einige von ihnen aufgewacht. Die Berliner Erklärung der Vielen vom 9. November, die sich gegen rechtspopulistische und völkisch-nationale Strömungen wendet, wird von einer stattlichen Reihe von Theatern unterstützt. Da hat sich doch einiges geändert. Wir haben verstanden, dass Kunst und Kritik kämpfen müssen gegen die demokratiebedrohende Droge Vereinfachung. Das gehört zu ihrer Praxis, zu ihrem gesellschaftlichen Auftrag.

Aber wendet das Theater sich nicht an die, die es eh besser wissen?
Es laufen ja nicht nur die Armen und die Verzweifelten hinter den Populisten her. Das tun auch die berühmten Besserverdienenden, die Gutsituierten. Unter ihnen Bundestagsabgeordnete fast jeder Couleur, Ärzte, Rechtsanwälte. Die bürgerliche Mitte teilt offenbar das Gefühl, dass sie oder doch jedenfalls ihre Meinungsfreiheit unterdrückt wird. Die allgegenwärtige Parole unserer Tage lautet: „Man wird das doch wohl noch mal sagen dürfen!“

Und 2030?
Ich sagte Ihnen schon: Ich weiß es nicht. Ich halte nichts davon, Trends hochzurechnen. Im Augenblick scheint alles international katastrophal. Aber vor 12 Jahren gewannen in den USA die Demokraten die Mehrheit von Kongress und Senat der USA. In Italien siegte die Prodi-Koalition gegen Berlusconi. Kurt Beck wurde Vorsitzender der SPD. Ihm folgten bis heute sechs weitere! Was soll man da voraussagen. 

Die AfD wurde erst 2013 gegründet.
Und bis vor ein paar Wochen gab es einen Verfassungsschutzpräsidenten, Herrn Maaßen, der kaum verklausuliert zugibt, dass er die AfD geschützt hatte, damit die Bundesrepublik einmal von einer CDU/CSU-AfD-Koalition regiert werden würde. Das war und ist wahrscheinlich noch immer seine politische Agenda. Dieser Mann wurde über jedes erträgliche Maß hinaus vom immer noch regierenden Innenminister Horst Seehofer unterstützt. Die Gefahr geht weniger von der AfD, geht weniger von den Rechtsextremisten aus. Wichtiger ist, ob die Mitte der Gesellschaft, ob die Mitte des Parlaments, ob die Staatsorgane ihnen nachlaufen oder ihnen entgegentreten. Bei solchen Verfassungsschützern brauchen wir keine Verfassungsfeinde mehr

Keine schönen Aussichten für 2030.
Ich glaube nicht an Wunder. Gleichzeitig aber denke ich, dass der momentane Zustand, der derzeit offenbar überall auf der Welt diese autoritären, demonstrativ hypermaskulinären, hyperventilierenden Jungs produziert und reproduziert, nicht anhalten kann. Sie sind doch vor allem lächerlich.

Aber sie haben die Macht. Manche werden sogar gewählt und wieder gewählt.
Der Kampf gegen sie ist ein Marathon. Wir brauchen einen sehr langen Atem. Vielleicht stimmt das Bild vom Marathon nicht. Der hat ein Ziel, ein Ende. Der Kampf gegen Rassismus, für Gleichberechtigung, für Gerechtigkeit wird wohl immer geführt werden müssen. Manchmal gewinnt man den Eindruck, er müsse immer wieder neu geführt werden. Die Sklaverei wird in den USA heute in der Form einer Gefängnisindustrie weiter betrieben. Als die Afroamerikanerin Rosa Parks sich 1955 in einem Bus in Alabama weigerte, einem Weißen ihren Platz zu räumen, wurde sie verhaftet.

Das ist heute undenkbar in den USA.
Widerstand, so aussichtslos er zunächst erscheinen mag, kann eine Gesellschaft positiv verändern. Das zeigt uns die Geschichte. Sie zeigt uns allerdings auch, dass wir die Zukunft nicht kennen. Wir sind im Handgemenge. Wir haben nicht den Überblick. Selbst wenn wir ihn hätten, wüssten wir nicht, ob, was heute riesig ist, in zwölf Jahren winzig wäre und welche Winzlinge zu Riesen herangewachsen sein werden. 

Denken Sie, dass es in Deutschland zu ungarischen oder polnischen Verhältnissen kommen kann?
Ich kann mir das nicht vorstellen. Vielleicht ist das naiv. Daniel Kehlmann weist darauf hin, dass mit den neuen sozialen Medien eine neue Öffentlichkeit entstanden ist. Er vergleicht das mit dem Buchdruck, ohne den es keine Reformation gegeben hätte. Wir stecken also mitten in einem Epochenwechsel. Mir fehlt Kehlmanns Fantasie, aber ich sehe natürlich auch, dass jede Menge der herkömmlichen Filter weggefallen sind und wir noch nicht recht sehen, wo die neuen aufgestellt werden. 

Uns geht es ja recht gut...
Polens Partei „Recht und Gerechtigkeit“ kam nicht an die Regierung, weil Polen verarmte. Polen prosperierte. Der aggressive Nationalismus, der Wunsch nach antidemokratischen Strukturen steht auf der Agenda der Mittelschichten. Vierzig Prozent der Deutschen, so heißt es in Umfragen, kann sich eine autoritäre Führung vorstellen. 

Nicht nur in Deutschland.
Bleiben wir kurz hier. Wir haben ein Heimatministerium. Als 1952 die Bundeszentrale für politische Bildung gegründet wurde, hieß sie Bundeszentrale für Heimatdienst. Ziel war, aus Nazis Demokraten zu machen. Das wäre auch heute keine schlechte Aufgabe für ein Heimatministerium. 

Was ist die Aufgabe des Theaters?
Draußen wird uns ein bisschen die Show gestohlen. Es geht jetzt dort um die großen Emotionen. Umso wichtiger ist, dass wir im Theater nicht uns hinreißen lassen, sondern uns Zeit nehmen, nachdenken und zurückblicken. 

Zurückblicken?
Schon um der Schwarzmalerei unserer Gegenwart und Zukunft zu entgehen. Sie verdirbt uns den Blick auf die Realitäten. Wer etwa auf 1918 zurückblickt, auf die Millionen Toten des Ersten Weltkriegs, auf die Krüppel, die Barrikadenkämpfe, die Armut, dem wird schnell klar, wie gut es uns geht. Die Frauen waren nicht alleinerziehend, sondern Witwen. Die Zukunft ist offen. Wir müssen sie machen.

Wir sind nicht allein.
Das ist eine gute Botschaft. Und es ist ein Verhängnis. Es macht alles viel komplizierter. Alles, was wir tun, hat Folgen für fast die ganze Welt. Wer fliegt, hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck, den er mit noch so viel Biobewusstsein nicht ausgleichen kann. Das billige Hemd, das wir kaufen, unterstützt mörderische Arbeitsbedingungen in Bangladesch. Ein teures tut das womöglich ebenfalls. Wir sind zuständig geworden für den Planeten. Es liegt an uns, wie er 2030 aussehen wird. Sie lachen. Wie sind wir nur von den Berliner Kleingärten auf unseren blauen Planeten gekommen? Von vier Millionen Berlinern auf die 8,5 Milliarden Weltbevölkerung im Jahre 2030?

Interview: Arno Widmann 

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