+
"Sieben Jahre Interim sind auf keinen Fall künstlerisch wertvoll zu bewältigen", sagt Anselm Weber.

Anselm Weber über Frankfurt

"Wir sind angekommen"

  • schließen

Schauspiel-Intendant Anselm Weber über das Daheim-Sein in Frankfurt, vergangene Gefechte und seine beiden Zukunftswünsche für die Städtischen Bühnen.

Herr Weber, das ist Ihre zweite Spielzeit als Intendant des Schauspiels Frankfurt. Hat sich das erfüllt, was Sie sich vorgenommen hatten? Wie ist bisher Ihre künstlerische Bilanz?
Über das Künstlerische zu urteilen, ist wirklich Sache der Kritik. Ich persönlich bin da sehr vorsichtig. Für mich ist der Gradmesser: Bin ich angekommen oder nicht angekommen? Für mich als Theatermacher, der sich durch die Stadt definiert, ist das der entscheidende Punkt. Und da kann ich sagen: Wir sind angekommen, auf allen Ebenen, die wir uns vorgenommen hatten. Wir wollten das Ensemble-Theater, die Schauspieler in den Mittelpunkt stellen und damit die Arbeit meines Vorgängers Oliver Reese fortsetzen. Wir wollten das Vertrauen der Zuschauer in die Schauspieler, das da aufgebaut worden war, intensivieren. Wir haben uns vorgenommen, das mit sehr unterschiedlichen Ansätzen zu probieren. Wir wollten etwas wagen und das auch vermitteln. Das ist uns alles gelungen. Entscheidend für mich ist außerdem immer die Vernetzung in die Stadt. Da kann ich sagen: Wir sind daheim. 

Das lässt sich sicher mit Zahlen unterfüttern.   
In der ersten Spielzeit hatten wir eine Auslastung von mehr als 90 Prozent. Alle, die ein wenig über Stadttheater wissen, können ermessen, dass das eine außergewöhnlich gute Zahl ist. Die haben wir uns nicht selbst gebastelt, sondern es ist eine realistische Zahl. Das spricht für eine unglaubliche Neugier, für einen sehr schnellen Zuspruch. 

Was verstehen Sie unter sehr schnell?
Die Fokussierung. Wenn sich ein Thema, eine bestimmte Qualität herumspricht, wenn eine Stimmung entsteht nach dem Motto: Ich will das sehen, dann ist das wie ein Sog. Diesen Sog spüren wir. Das hat mit der Größe der Stadt zu tun. Es gibt eine Mund-zu-Mund-Propaganda. Dann wächst eine bestimmte Energie, die spürt wiederum das Haus. 

Gab es auch Erwartungen, die sich nicht erfüllt haben? 
Für mich ist die größte Überraschung: Dass wir mit einem so anspruchsvollen Programm einen solchen Zuspruch erfahren. Und gleichzeitig diese Offenheit im Dialog. Ich hätte gedacht, dass das viel länger dauert. In den Städten davor waren die Widerstände viel größer. Und ich kenne Frankfurt ja auch anders, aus meiner Zeit als Regisseur hier.

Sie haben damals schwierige Zeiten erlebt.
Das sagen Sie jetzt. Ich kenne das Theater ja noch unter dem Intendanten Peter Eschberg in den 90er Jahren. Da ging es mir ja immer gut. Aber den anderen um mich herum ging nicht so gut. Ich habe als junger Regisseur den Grabenkämpfen zugeschaut. Bei der Intendantin Elisabeth Schweeger später war es eben so, wie es war. Aber es war nicht von einem Sog geprägt. Ich will das nicht künstlerisch bewerten. 

Es gibt ja auch nicht mehr die patriarchalischen Intendanten-Figuren von früher.
Das mit dem Patriarchen ist so eine Sache. Ich erfahre heute eine Dreifach-Belastung, als Geschäftsführer, Intendant und Regisseur. Dann die ungewisse Zukunft der Bühnen hier insgesamt. Das verlangt im Moment ein großes Maß an Organisation und Logistik, das alles im Griff zu haben. 

Wie hat das Theater sich verändert in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Das hat sich massiv verändert, ganz sicher. Auch die Begleitung durch die Kritiker hat sich verändert. Ich habe die Stadt ja noch im Kreuzfeuer von Gerhard Stadelmaier von der FAZ und Peter Iden von der FR erlebt. Da waren sie als einer, der im Kreuzfeuer stand, schon schwer damit beschäftigt, heil herauszukommen. Das war eine Frage von Personen und Eitelkeiten. Es war klar, dass wenn der eine jemanden mochte, der andere denjenigen nicht mochte. Wenn beide einen nicht mochten, dann hatte man gar nichts mehr zu bestellen. Da gingen dann Formulierungen weit über das Ziel hinaus und waren sehr verletzend. Bei Eschberg gab es die Grabenkämpfe zwischen erfahrenen Regisseuren. Schweeger versuchte dann, das Theater zu intellektualisieren. Die Stadt ist aber sinnlicher geworden, als sie selbst glaubt. 

Wie geht es Ihnen selbst mit einer Inszenierung? Spüren Sie, ob sie beim Publikum funktioniert oder nicht? Oder sind Sie eher distanziert?
Nein, ich bin da ganz nah dran. Ein gutes Beispiel war unsere Eröffnungsinszenierung, Shakespeares „Richard III“ von Jan Bosse. Die hat in vieler Hinsicht das erfüllt, was ich mir wünsche. Nämlich eine Einladung. Wenn ich in der letzten Viertelstunde bemerke, wie ein vollkommen ausgepumptes Schauspieler-Team sich mit der Empathie der Zuschauer verbindet, dann passiert etwas, was nur im Theater passiert. Da eröffnet sich ein Resonanzraum, den gibt es nur im Theater. Ein anderes Beispiel ist „Aus Staub“, die Uraufführung von Jan Neumann in den Kammerspielen. Das Stück ist tatsächlich immer ausverkauft. Es erzählt vom Kampf um den Wohnraum in Frankfurt. Und die Leute nehmen so viel mit aus dieser Inszenierung, großartig. 

Wenn Sie bei den Proben merken, dass es nicht funktioniert, greifen Sie ein?
Natürlich. „Aus Staub“ ist ein gutes Beispiel. Ich habe da eine Probe gesehen, da habe ich wirklich gedacht, das gelingt nie. Dann hat Jan eine unglaubliche Anstrengung vollbracht mit den Schauspielern. Er hat binnen einer Woche aus Bruchstücken ein Ganzes geformt.

Sie haben bei unserem letzten Interview gezuckt bei der Formulierung, Sie setzten auf das klassische Stadttheater.
Und zwar deshalb, weil der Spielplan ja nicht nur aus den Stücken im Großen Haus besteht, sondern auch aus dem Depot, den Kammerspielen, der Box. Stadttheater ist ja für mich nichts Abwertendes...

...wird aber oft so verwendet...
...aber das ist ja Quatsch! Ich finde, wenn etwas wert ist, verteidigt zu werden, dann ist es der Begriff des Stadttheaters. Denn nur das Stadttheater beschreibt das, was wir tun. Stadttheater fängt an bei „Patentöchtern“ in der Box, einer Inszenierung, die sich bewusst an Jugendliche richtet und ein unglaublich wichtiger Text ist, und reicht über „Staub“ bis hin zu den „Persern“ in der Regie von Ulrich Rasche, die jetzt preisgekrönt wurden. Zwischendurch sind noch jeden Morgen 600 Kinder da und gucken den „Kleinen dicken Ritter“. Dann machen wir noch Theater mit 200 Jugendlichen aus den Stadtteilen oder geben Amnesty International eine Bühne. Das ist Theater für die ganze Stadt. Was ist daran negativ?

Vor einigen Tagen hat eine private Initiative angekündigt, sie wolle Frankfurt ein neues Opernhaus bauen. Das Schauspiel fand keine Erwähnung. Was haben Sie da empfunden? 
Der Vorteil an dieser Stadt ist ja, dass man nicht völlig überrascht wird von so etwas. Ich hatte davon schon gehört. Alle Beteiligten begrüßen ein Engagement aus der Stadtgesellschaft. Es geht aber nicht um die Zukunft der Oper alleine. Sondern es geht um die Städtischen Bühnen. Also auch um das Schauspiel. Es geht um insgesamt 1 100 Leute an den Bühnen und deren Zukunft. 

Wie ist eigentlich die Stimmung unter den Betroffenen im Haus angesichts der unklaren Situation? 
Man nimmt das alles sehr differenziert auf. Wir hatten gerade eine sehr ausgelassene Weihnachtsfeier im Bockenheimer Depot. Alle Beteiligten wissen, dass jetzt etwas passieren muss. Das Arbeitsumfeld in den Bühnen muss besser werden. Wenn man zum Beispiel sieht, unter welchen Umständen sich das Orchester einspielen muss, muss man nicht lange darüber diskutieren, dass das kein Zustand ist. 

Lässt sich die Politik dabei zu viel Zeit? 
Die Politik hat jetzt eine sehr kluge Entscheidung getroffen, indem sie Michael Guntersdorf zum Leiter der Stabsstelle Bühnen bestellt hat. Er bringt in meinen Augen alles mit, was es braucht: Unabhängigkeit und Sachkenntnis. Herr Guntersdorf macht gerade die Erfahrung, dass die vielgescholtene Machbarkeitsstudie von 2017 über die Bühnen eine absolute Top-Arbeit ist. Das ist viel zu wenig gewürdigt worden. 

Wie ist Ihre Vorstellung von einem Schauspielhaus der Zukunft? Was würden Sie unbedingt für nötig halten? 
Ich wünsche mir zwei Dinge. Dass wir in Frankfurt bleiben, im Herzen der Stadt. In der Mitte.

Also am Willy-Brandt-Platz?
Das haben Sie jetzt gesagt. Ich habe gesagt, in der Mitte. Natürlich ist der Willy-Brandt-Platz meine Priorität. Mein zweiter Wunsch wäre, dass wir keine lange Interimszeit bekommen. 

Wie kann das gelingen? 
Das Rätsel löse ich hier jetzt nicht auf. 

Stichwort Kammerspiele: Müsste da nicht dringend etwas geschehen? 
Natürlich. Das Theater bedeutet ja Räume, die leben. Ich habe gerade in einer aktuellen Inszenierung von Peter Handkes „Publikumsliebling“ am DT in Berlin eine Aufzeichnung des HR von der Uraufführung von 1966 gesehen. Es war sehr faszinierend zu sehen, was dieser Raum für eine Geschichte in sich trägt. Aber Sie haben vollkommen recht: Mit diesem Raum muss etwas geschehen. Er ist in jeder Hinsicht mangelhaft. Letztens fiel fast eine Aufführung aus, weil der Aufzug nicht funktionierte. 

Sie haben sich sehr lange zurückgehalten in der Diskussion. Warum? 
Ich habe von Anfang an eine Meinung gehabt. Ich wollte nicht nach wenigen Wochen hier in dieser Stadt schon ins Horn blasen. Aber ich habe immer schon die Machbarkeitsstudie gelobt. 

Sollte im neuen Jahr eine Entscheidung fallen über Neubau oder Sanierung der Bühnen?
Das muss geschehen. Das muss jetzt zügig geschehen. Ich plädiere entschieden gegen eine lange Interimslösung für die Bühnen. Das zeigt die Erfahrung anderer Städte. Wir haben in Köln zum Beispiel knapp 30 Ausweichstandorte. Wir müssen alles tun, damit Oper und Schauspiel auf ihrem hohen Niveau von heute weiterarbeiten können. Das schaffen sie länger als zwei Jahre an keinem Ausweichstandort. 

Interim ist also keine künstlerische Herausforderung? 
Ein zeitlich begrenztes Interim kann eine künstlerische Herausforderung sein. Aber sieben Jahre Interim sind auf keinen Fall künstlerisch wertvoll zu bewältigen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Judith von Sternburg

Das könnte Sie auch interessieren:

Ärger am Schauspiel Frankfurt: Anselm Weber spricht im Interview mit der FR.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion