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Duo mit Flamingo und Schwan.

Tanz

„Winterreise“: Manche Trän’ aus meinen Augen ist gefallen

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Eine getanzte, verzaubernde „Winterreise“ zum ersten Schnee im Theater Landungsbrücken in Frankfurt.

Eineinviertel Stunden dauert die im Choreografen-Duo getanzte Reise in die Depression, als welche Katerina Vlasova und Amadeus Pawlica ihre „Winterreise“ im Frankfurter Theater Landungsbrücken vorstellen. Schuberts Liederzyklus auf Gedichte Wilhelm Müllers ist ja ein beliebter Anlass tänzerischer Ideenfindung, und davon haben die Anfangs-Dreißiger reichlich. Seit sie am Theater Lüneburg eine erste gemeinsame Arbeit angingen, hat das Duo vieles ausprobiert. So brachten sie in „Jahreszeiten“ die vom Komponisten Haydn noch eigens ausgeklammerte Industrialisierung tanzenderweise zurück. In „Clowns“ und „Romeo Ø Julia“ philosophierten sie clownesk und halfen in mathematischer Symbolik junger Liebe auf die Sprünge.

Wer ihre Arbeiten überblickt, bemerkt ein reflektiert dramaturgisches Herangehen an Themen und Werke, das „Winterreise“ nicht ausnimmt und geradezu ein Tanz-Stück aus diesem Tanzstück macht. Da ihnen am jungen Publikum liegt, überrascht nicht, wie sie das Thema Depression mit den einzigen Requisiten aufhellen: Schwimmringen mit den Köpfen eines Schwans und eines pinken Flamingos. Die humorigen Passagen, die sie dazu tanzen, kommen keineswegs platt an.

Wege in die Emotionalität

Tanz heißt hier Ballett, was der Präzision des tänzerischen Werkzeugkastens zugutekam und Wege in die Emotionalität öffnete. Das Depressive trieb Pawlica bereits 2016 um, als er in „Anna K“, wie Karenina, die letzten zehn Minuten eines Lebens mit suizidalem Schlusspunkt solo-tanzte. Da wären wir also wieder: rechtschaffen selbstmörderisch, diesmal aber in langen Hosen für beide (er grau, sie: Bluejeans, später auch Jacketts), mit Kreide-angegrautem Haar, sonst barfüßig bis zum Oberkörper, den Vlasova im hautfarbenen BH verhüllte. Während drei zahlende und vier andere Zuschauer, die dem unheimeligen Abend mit seinem nassen Schnee trotzten, sich von Schuberts Musik und Müllers Worten verzaubern ließen, denn ach, es stimmt ja: „Manche Trän’ aus meinen Augen ist gefallen in den Schnee“, aktualisierten die Tänzer die „Winterreise“-Depri nach einer Weile um alltagssprachliche Prosa an Mikrofonen: mal solo, mal im Dialog aneinander vorbei.

Der Tanz war ernst, langsam, balanciert, synchron. Und machte, selbst im Trockeneis-Nebel, Eindruck bis hin zu wohlgesetzten Pausen. Manch symbolhafte Geste, so das Klammern der Hände, das chiffrenhafte Hintereinander der Körper mit der eigenen und überkreuz der fremden Hand an Stirn oder Hüfte, beschäftigte unsere Neugier und kommentierte den Gesang. Eine alles andere als ins Schneewasser gefallene Premiere.

Theater Landungsbrücken, Frankfurt:29. Februar. www.landungsbruecken.org

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