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„Winter in Schwetzingen“: In die Welt geworfen

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Von: Judith von Sternburg

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Katarina Morfa in Schwetzingen.
Katarina Morfa in Schwetzingen. © Susanne Reichardt

Eine hinreißende, pessimistische, freudige Barockrevue beim „Winter in Schwetzingen“.

In die Welt geworfen zu sein, welch ein Schreck, welch eine Merkwürdigkeit. Den deutschen Barock – es waren harte Zeiten – prägte diese Zumutung, jedenfalls da, wo ihr nicht mit eiserner Glaubensfestigkeit begegnet wurde. Die Titelzeile des Programms, „Was frag ich nach der Welt!“, meint nicht die Bach-Kantate (in der Jesus schon Trost spenden wird), sondern das beinharte Gedicht von Andreas Gryphius, in dem sich die Frage erübrigt. Alles wird eh in Flammen untergehen, das Leben ist der Tod. Trotzdem – es ist, wie gesagt, merkwürdig – existiert die Liebe, gibt es die Schönheit und die Musik.

„Was frag ich nach der Welt!“ ist ein „Barock-Musiktheater“, mit dem der „Winter in Schwetzingen“ sich gegen die Corona-Lage stemmt. Das Festival, organisiert vom Heidelberger Theater, will sich seit zwei Jahren eigentlich unbekannten deutschen Barockopern widmen, über den fulminanten Auftakt mit Georg Caspar Schürmanns „Getreuer Alceste“ 2019 ist es angesichts der Pandemie noch nicht hinausgekommen.

Minimalistisch, aber oho

Das Pasticcio bietet nun die Chance, dem Grundmotto mit erstaunlichsten Ausgrabungen treu zu bleiben, auf der Bühne aber lediglich vier Personen, die Orchesterbesetzung minimalistisch. Aber oho. Dirigent Clemens Flick hat Musiken von Heinrich Albert bis Johann Hermann Schein zusammengestellt, dazwischen als eine Art roter Faden Werke von Johann Christoph Bach. Ein kleines, köstliches Wunder, fernab barocker Routinen, stattdessen voller Experimentierfreude. Flick steuert dazu nicht nur eine fantastische, hausgemachte Geräuschkulisse bei – Wind und Getier –, er lotet auch die brutal modernen Harmonien und den Groove der häufig tanzbaren Nummern voll aus.

Szenisch bringt Claudia Isabel Martin das in Veronika Kalejas Ausstattung klug zum Laufen. Nicht als Pseudohandlung, aber auch nicht als blanke Abfolge allzu vertrauter Affektarien. Ausgehend von jenem In-die-Welt-geworfen-Sein bietet sich vielmehr packende kleine Szenen, die ihre Intensität ganz aus Musik und Text schöpfen. Rasende Liebe und Lebenslust, tiefer Pessimismus. Atemberaubende Einsamkeit.

Die Bühne, in ihrer (für das kleine Rokokotheater im Schloss von Schwetzingen völlig unerwarteten) Tiefe und Kargheit präsentiert, ist mit etlichen Türen bestückt, ein Türenlabyrinth. Aus weiter Ferne die erste Nummer des fein austarierten Quartetts. Dann schlängeln sich hinein: Tenor João Terleira, ein kecker Anführertyp, neugierig hinterher Sopranistin Dora Rubart-Pavlíková, mürrisch zunächst der Bassbariton Edward Grint, cool die Mezzosopranistin Katarina Morfa. Smarte Typen, eigenwillige Menschen, die sich immer wieder neu zusammentun und trennen werden, dazu Stimmen, die sich umeinander schlingen für die Ewigkeit einiger Minuten. Unwiderstehlich.

Rokokotheater Schwetzingen: 23., 26. November, 2., 5., 12., 13., 16., 17., 30. Dezember. www.theaterheidelberg.de

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