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Und dann bereut er es: Huy Tien Tran und Jura Wanga.

Tanz

Er will ihr alles geben

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Eine scharf geschnittene Tanzversion von Shakespeares „Othello“ in Kaiserslautern.

Shakespeares berühmtes Eifersuchts-, aber auch Diskriminierungsdrama „Othello“ ist vielfach schon zum Tanzstück gemacht worden; sicherlich auch, weil seine Handlungslinien und Schlüsselszenen sich ganz ohne Worte erzählen lassen: Verachtung dem „Mohren“ gegenüber, Neid auf den dennoch Erfolgreichen/Geliebten, ein verlorenes Taschentuch, das scheinbar ein Indiz für Untreue ist. Alles lässt sich ohne umständliche Pantomime tänzerisch darstellen.

Der Schotte James Sutherland, lange Jahre Tänzer in Basel bei Heinz Spoerli, bis 2015 Ballettdirektor in Pforzheim, seit 2016 in Kaiserslautern, hat nun für die Sparte Tanz am Pfalztheater einen „Othello“ choreografiert, in den der der Schauspieler Luca Zahn als Narr und Sprecher integriert ist – jedoch keineswegs als Nacherzähler. Ganz wenig Original- bzw. übersetzter Text, dafür teilweise wiederholt, zeichnet gleichsam die Motivationslinien kräftiger. Zum Beispiel ein Satz, den Othello zu Desdemona sagt: „I will deny thee nothing“, ich will dir nichts verweigern. Bei Sutherland treibt er Jago um, der sich wohl eine ähnliche Gunstbezeugung wünscht – und damit eifersüchtig ist auf Desdemona, die also, könnte man sagen, einer doppelten Eifersucht zum Opfer fällt.

Es handelt sich auf Claus Stumps Bühne um ein bedrohlich spitziges Gefühl, aus den Wänden ragen unterschiedlich große schwarze Dreiecke wie Monsterdornen. Ein Mensch könnte daran aufgespießt werden. Ebenfalls überwiegend schwarz sind Rosa Ana Chanzás Kostüme. Goldbrokat kommt hinzu bei den langen Röcken der Festgesellschaft, die auch von den Männern getragen werden. Wie überhaupt die Hauptfiguren zur schwarzen Hose meist noch einen kurzen Wickelrock tragen. Das Licht schließlich (Harald Zidek) ist von Anfang bis Ende eher trübe: eine dunkle Geschichte wird hier verhandelt.

Selbst die anfangs ja noch toll Verliebten sind bei Sutherland ein herbes, kantiges, stolzes Paar (Jura Wanga und der als Gast engagierte Huy Tien Tran). Zwar zeigen sie sich leidenschaftlich, aber Sanftheit und Zärtlichkeit zeichnen sich wenig ab. Desdemona ist hier kein Mädchen, man könnte sie sich an Othellos Seite als ihm ebenbürtige und später einmal klug Regierende vorstellen.

Überhaupt hat James Sutherland die üblichen Charakterzeichnungen ins weniger Abgenutzte, weniger Übliche verschoben. Jago, Ermanno Sbezzo, erscheint weniger hinterlistig und von Grund auf schlecht, als von seinen Gefühlen getrieben. Und mit Emilia, Camilla Marcati, bildet er das zweite auf Augenhöhe agierende Paar.

Überhaupt ist die weiche Linie, das Anschmiegsame nicht Sutherlands Sache, jedenfalls nicht im „Othello“. Das Ensemble tanzt ebenso nachdrücklich-kraftvoll auf wie die Hauptfiguren. Anklänge an Bewegungen aus dem Kampfsport sind erkennbar, der Gestus ist athletisch. Das ist keine Gesellschaft, die sich der Tändelei hingibt. So dass auch die Handlung von Anfang an auf ihr tragisches Ende unerbittlich zuzustreben scheint.

Es ist ein Abend, der klar getaktet, strukturiert und trotz allem Bewegungsfuror relativ nüchtern ist, der Motive und Bewegungssequenzen wiederaufnimmt, der so kompromisslos dunkel ist, dass ein weißes besticktes Taschentuch ein Fremdkörper wäre – so dass ein dünnes schwarzes Wickeloberteil in dieser Rolle einspringen muss. Es gefällt, dass Sutherland seine eigenen Schwerpunkte setzt und Deutungen vornimmt.

Noch mehr als Arena des Kampfes erscheint die Bühne, da das Orchester des Pfalztheaters, geleitet von Anton Legkii, hinten erhöht sitzt. Manchmal spricht der Narr von dort oben, manchmal schaut einer der anderen Akteure still hinunter aufs Treiben.

Die Musikauswahl ist breit gestreut, fügt sich aber plausibel zu Szenen und Stimmungen. Schwebend, aber auch dräuend Brian Enos „Lizard Point“, melancholisch, düster, auch ein wenig gespenstisch Henryk Góreckis „Kleines Requiem für eine Polka“. Barockkomponist Albicastro bewegt die Oberschichtsgesellschaft.

Und wer sich etwa wappnet für ein grausam langes Erwürgen Desdemonas, der wird gegen Ende nochmals überrascht: Othello klatscht sie an die Wand – und da hängt sie dann, wie Christus am Kreuz. Ein so ungewöhnliches wie starkes Bild.

Pfalztheater Kaiserslautern: 7., 13., 26., 31. März, 17. April. www.pfalztheater.de

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