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Inga Busch als Malina.
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Inga Busch als Malina.

Theater

Wiedereröffnung Schauspiel Frankfurt mit „Malina“: Ich bin doch vernichtet worden

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Das Frankfurter Schauspiel beginnt den Spielbetrieb mit einer flirrenden Version von Ingeborg Bachmanns „Malina“.

Zuletzt, nach zwei Stunden, im Fast-Dunkel, hört man Ingeborg Bachmann selbst. Sie liest das Gedicht „An die Sonne“, in dem das Schöne besungen wird mit einer Vehemenz, als wäre es der letzte Strohhalm. In den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels hört man, was man, abgelenkt, vielleicht überhört, wenn man die Dichterin in einer bei Youtube aufzufindenden Filmaufnahme einer Lesung beständig zwinkern und mit den Augen umherirren sieht, als frage sie sich, wo sie da eigentlich ist: Scharfe Kanten ziehen sich durch diesen Vortrag, manchmal meint man sogar Wut herauszuhören aus Bachmanns Stimme, der österreichische Zungenschlag rundet und mildert nichts.

„Nachtwald voller Fragen“ war 1971, bei Erscheinen von Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“, eine Kritik von Schriftstellerin Gabriele Wohmann im „Spiegel“ überschrieben. Der letzte Absatz der Rezension beginnt: „Ich habe keineswegs alles verstanden, ich habe immer dort nicht verstanden, wo es konkret sein sollte.“

Nun, das Verstehen macht jetzt eine atmosphärisch flirrende, mit der Bachmann durch ungewisse Zeit und Raum irrende Bühnenfassung gleichsam unerheblich. Nach monatelanger Schließung öffnete das Schauspiel Frankfurt an diesem Wochenende wieder (für Geimpfte, Genesene, Getestete) mit einer zweistündigen, pausenlosen „Malina“. Die Textfassung nach dem Roman erstellte Regisseurin Lilja Rupprecht, die zum ersten Mal in Frankfurt arbeitet, zusammen mit Dramaturgin Katrin Spira. Und einen Nachtwald voller Fragen hat Bühnenbildnerin Anne Ehrlich in die Kammerspiele gebaut.

Die Szene beherrschend zwei skulpturale Füße und halbe Unterschenkel. Neben dem einen Fuß zwei Zigarettenkippen, überlebensgroß. Rund ein Dutzend grau-fahle Kugel-Gesichter eines Mannes (der Mann im Mond?), oft sind seine Augen geschlossen, Lippen verzogen. Inga Busch wird einmal von dem einen Fußrücken aus über die knubbeligen Zehen in eine Gruppe Kugelköpfe rutschen. Über die bleichen Unterschenkel flimmern immer wieder Videos (Moritz Grewenig), manchmal erscheinen dort groß die Gesichter von Inga Busch, Manja Kuhl, Fridolin Sandmeyer, manchmal nur huschende Pflanzenumrisse.

Nichts ist verankert. Aber auch im Roman ist ja nicht gerade viel verankert außer dem Ort: die Ungargasse in Wien, wo die Ich-Erzählerin mit dem Historiker Malina wohnt, wo auch in einem anderen Haus Ivan lebt, der Ungar ist und ein „Glücksmann“. Jedenfalls anfangs. Die Erzählerin telefoniert mit ihm, es sind kleine Dialog-Preziosen des Sich-Umkreisens und Ausweichens, man kennt das von eigenen Beziehungs-Gesprächen, vor allem dann, wenn sich diese Beziehungen langsam auflösen. Wer hat Zeit, wer hat keine Zeit, wer steht unter Zeitdruck – ein „ach, du bis also, du hast also...“ endet im Nirgendwo und Irgendwann.

Ihre nervöse Intensität, ihre glänzenden Augen (eher von Tränen als Freude) bringt Inga Busch mit in die Rolle der Ich-Erzählerin. Wobei an herkömmliche Rollen nicht zu denken ist, der Roman lässt es nicht zu. So tritt zum Beispiel Manja Kuhl erstmals auf im Morgenmantel und als Malina, ist bald eine zweite Inge. Und wird Fridolin Sandmeyer mit Perücke und Maske gegen Ende zum Mädchen, das vor dem gewalttätigen Vater zu fliehen versucht vom „Friedhof der ermordeten Töchter“. Oder tritt mit einer Handpuppe auf, einem hässlichen und bleichen alten Mann.

Die Figuren fließen ineinander, die Erinnerungen wabern – oder sind es Alpträume und Räusche? Ivan macht einen winzigen Versuch, den Tablettenkonsum Inges zu kontrollieren. Es verläuft wie seine Geduld im Sand.

Der Musiker Philipp Rohmer, im langen Glitzerkleid (Kostüme: Annelies Vanlaere) und mit Klavier, E-Gitarre und anderem Zubehör zentral platziert, lässt die Musik scheinbar endlos kreiseln. Die äußerst sparsamen Klänge drängen sich nicht auf, flutschen immer wieder aus der bewussten Wahrnehmung, transportieren trotzdem Atmosphäre. Die Musik wird lauter nur, wenn ein Song ansteht. Inga Busch singt „Ich denke an Ivan“. Florian Sandmeyer singt „Open Book“ von der Band Cake: „She’s writing, she’s writing /She’s writing a novel“. Zu viert singen sie „10k Types of Torture“ von Mule & Man mit der Bachmann-kompatiblen Zeile: „Ten thousand types of torture keep me away from you“.

Gewiss lässt auch diese Inszenierung manches erkennen, etwa den Einsatz von Songs und Video, was derzeit Mode ist auf Theaterbühnen. Aber die Passionen und Obsessionen der Ingeborg Bachmann, wie sie vielleicht am heftigsten in diesem Roman ihren Ausdruck finden, bekommt Regisseurin Rupprecht in dieser lockeren, mäandernden, hypnotischen Form zu fassen. Ohne sich in Interpretationen versteigen zu müssen – wie vor allem das Verhältnis des Mädchens Inge zu seinem strengen Vater war, wird lange schon gerätselt –, entsteht ein Gefühl für dieses Leben („meine sanfte Irre“, sagt Ivan) und für den Text.

Im Nachtwald voller Fragen bleiben fast alle offen (und das ist gut so), auch wenn manche Sätze wie ein Fazit klingen. „Ich bin doch vernichtet worden“, sagt Inga/Inge, die Schauspielerin/die Ich-Erzählerin wirft es einem hin wie eine Aufforderung, genau hinzuhören, genau hinzusehen; vielleicht auch in der Folge dieses Abends genau zu lesen.

Schauspiel Frankfurt , Kammerspiele: 26., 27. Juni, 12. Juli. www.schauspielfrankfurt.de

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