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Maxim Gorki Theater Berlin.

Falk Richter zur Europawahl und den Rechten

„Wie die radikale Rechte auf Kultur heute reagiert, ähnelt den Nationalsozialisten“

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Europawahl: Der Theatermann Falk Richter spricht mit der FR über rechte Propagandisten und deren Kulturoffensiven.

Herr Richter, Sie wurden wegen Ihrer politischen Inszenierungen von der AfD-Politikerin Beatrix von Storch verklagt. Weshalb?
Die AfD vertritt ein totalitäres Weltbild und versucht massiv, Journalisten, Künstler, kritische Stimmen einzuschüchtern und mundtot zu machen. Ihre Anhänger bedrohen bei ihren Aufmärschen unliebsame Journalisten, und Frau von Storch versucht es mit absurden Gerichtsverhandlungen. Sie hat übrigens in allen Punkten verloren.

Was wollte sie Ihrer Meinung nach erreichen?
Ihr Ziel war es, meine Inszenierung „Fear“ verbieten zu lassen. Ich setze mich dort mit ihrer homophoben, rassistischen und menschenverachtenden Politik auseinander, zeige auf, wie rechtsextreme und CDU nahe rechtskonservative Aktivistinnen wie beispielsweise die radikale Christin Hedwig von Beverfoerde gemeinsam mit von Storch und der AfD zusammenarbeiten. In der Inszenierung sind Fotos der Protagonisten der neuen Rechten zu sehen, werden zitiert und ihre Sprache und ihr Menschenbild analysiert. Daraufhin hat sie eine großangelegte Social Media-Hetzkampagne gegen mich gestartet. Das Ergebnis waren Hassmails, Verleumdungen und Morddrohungen. Das ist so die Art, wie die AfD und ihre Anhänger den gesellschaftlichen Diskurs führen.

Die Rechte behauptet stets, die Kulturszene sei links dominiert. Stimmt das?
Die europäische Kulturszene ist enorm vielfältig und sehr breit aufgestellt. Die radikale Rechte mag aber die facettenreiche europäische Kulturlandschaft tatsächlich so ähnlich wahrnehmen, wie die Nationalsozialisten die Kulturlandschaft Anfang der dreißiger Jahre wahrgenommen haben: Alles links-grün-versifft und zersetzend, nicht heldisch genug, irgendwie bedrohlich. Die Art, wie sie auf Kunst, Theater und Kultur heute reagieren, ähnelt der der Nationalsozialisten wenige Monate vor der Bücherverbrennung: unsachlich, paranoid, ideologisch verblendet und auf gefährliche Weise hysterisiert.

Die rechte Bewegung ist wie eine Religion

Rechte Kultur – ist diese nicht automatisch völkisch und ausgrenzend?
Die rechten Propagandisten sind völkisch und ausgrenzend. Es gibt in deren gesamtem Umfeld keinen einzigen guten Künstler oder Schriftsteller. Das ist bislang ihr großes Problem. Ich inszeniere gerade den neuen Roman von Michel Houellebecq für das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. Da sieht es schon komplexer aus: Houellebecq ist politisch ambivalent, er greift die Ängste der abgehängten französischen Landbevölkerung auf, lässt wütende weiße Männer zu Wort kommen, die sich rassistisch und sexistisch äußern, spielt mit dem neurechten Hass auf die erfolgreiche umweltbewusst lebende, liberal-städtische Elite. Sein Roman „Serotonin“ zeigt, wie ein vom Leben und von der Politik frustrierter Monsanto-Angestellter dieser Ideologie anheimfällt.

Was fasziniert ihn daran?
Die Bewegung ist wie eine Religion: Sie ist irrational und hysterisiert Menschen. Das ist eine gefährliche Form von Quasireligiösität – ihre Prediger aktivieren Emotionen wie Wut und Hass und mobilisieren ihre Anhänger zu Gewalt. Die Übergriffe von rechts nehmen spürbar zu. Die Menschengruppen, gegen die AfD-Politiker im Bundestag hetzen, bekommen dies am eigenen Leib zu spüren. Im Parlament wird der Boden bereitet für das, was sich auf der Straße fortsetzt. Wir bräuchten eine Polizei und einen Verfassungsschutz, die sich schützend vor diese Menschen stellen. Die wehrhaft die Demokratie verteidigen. Wir bräuchten eine Union, die sich klar gegen rechtspopulistische und völkische Politik abgrenzt.

„I am Europe“ heißt Ihr neues Stück...
Ja, da geht es vor allem um die sehr persönlichen Geschichten von acht jungen europäischen Schauspielern und Schauspielerinnen und um die Frage, wie sehr sich Europa und eine „europäische Identität“ in ihre Biografien eingeschrieben haben. Viele haben mehrere Pässe, sind in mehreren Ländern aufgewachsen, haben Eltern aus unterschiedlichen Nationen, die Migranten und Migrantinnen innerhalb Europas waren oder aus Algerien oder Marokko nach Frankreich und Holland emigriert sind. Europa war immer ein Kontinent mit vielen unterschiedlichen Migrationsgeschichten, und die gelebte Realität widerspricht dem völkischen Phantasma der ethnisch gesäuberten Gesellschaften: Viele Europäer haben mehrere Heimaten und nicht nur eine Nation, der sie sich zugehörig fühlen.

Falk Richter sorgte mit seiner Inszenierung von „Fear“ an der Berliner Schaubühne (2015) für Aufsehen.


Was passiert, wenn die Rechten sich weiter ausbreiten? Wie tief könnte die Spaltung Europas gehen?
Die Rechten wollen die demokratischen Institutionen außer Kraft setzen, und in Großbritannien ist ihnen das faktisch gelungen. Das britische Parlament ist auf schmerzhaft lächerliche Weise handlungsunfähig geworden. Theresa May ist zur tragischen Witzfigur verkommen, der Politclown Nigel Farage, der mit einer Lügenkampagne ein knappes Brexitvotum errungen hat, lacht sich kaputt. So könnte es auch bald im EU-Parlament zugehen, wenn mehr autokratische Rechte an die Macht drängen. Es wird sehr viel diplomatisches Geschick brauchen, um die Allmachtsphantasien von Männern wie Orban und Salvini einigermaßen im Zaum zu halten. Ich denke aber, dass die Klimakatastrophe die Menschheit sehr bald vor sehr viel dringlichere Probleme stellen wird. In spätestens zehn Jahren wird es ganz andere Kämpfe geben.

Soziale Ungerechtigkeit als Ergebnis einer neoliberalen Politik

Haben wir nicht auch ein Verteilungs- bzw. ein Kapitalismusproblem?
Ja, darum sollte es eigentlich gehen: Darum, dass die soziale Ungerechtigkeit als Ergebnis einer neoliberalen Politik von CDU, SPD und FDP zu hohen Spannungen in der Bevölkerung führt, die die neue Rechte in völkische Phantasmen und rassistischen Hass umlenken kann. Das ist sozusagen der Deal von Trump und der AfD. Die Reichen werden nicht angetastet, aber die Abgehängten dürfen ihre Wut über die soziale Ungerechtigkeit rassistisch, homophob und sexistisch ausagieren und werden dafür strafrechtlich nicht belangt, Polizei und Justiz schauen weg.

Geht es etwas konkreter?
Am Fall Bahlsen sehen wir, wie sehr das Kapital an totalitären Regimen profitiert. Frau Bahlsen kann nur Party machen auf ihrer Yacht, weil ihre Großväter mit Zwangsarbeitern, die ihnen die NSDAP zugeführt hat, ein gigantisches Unternehmen aufgebaut haben, das auch heute noch von niedrigen Steuern der deutschen Regierung profitiert. Die AfD ist eine Partei, die vor allem den Großkonzernen nützen wird. Klimaschutz halten sie für überflüssig, daher würde es auch keine Auflagen an Unternehmen geben, um sie zum klimaneutralen und nachhaltigen Produzieren zu zwingen. Rechte Regierungen sind anfällig, weil sie außer Korruption und Nationalismus keine Konzepte liefern, mit denen eine Gesellschaft in der Zukunft überlebensfähig wäre.

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Was ist Ihre Utopie von Europa?
Europa ist ein in sich widersprüchlicher Kontinent mit seiner kolonialen Vergangenheit und dem auf Ausbeutung gründenden Reichtum, und einer Freiheit, die vor allem finanziell Bessergestellte genießen. Der Traum von Freiheit, Gerechtigkeit, von Wohlstand und Demokratie ist ein auf die Zukunft gerichtetes Projekt, das wir verwirklichen müssen. Ich wünsche mir eine europäische Republik der Regionen und ein Ende der Nationalstaaten. Die europäische Charta der Grundrechte lohnt sich, endlich verwirklicht zu werden. Weiter sollte Europa ein Vorreiter sein im Klimaschutz, Ideenlieferant für neue nachhaltige Wirtschaftskonzepte, ein Ort gelebter Gleichberechtigung, sozialer Gerechtigkeit – und natürlich ein Ort für eine freie, weder vom Markt noch von autokratischen Regierungen zensierte Kunst.

Sie sind Professor an der Danish National School for Performing Arts und leiten ab August 2019 eine internationale Masterclass. Was wollen Sie Ihren Studierenden mitgeben?
Mich interessiert immer ein sehr persönlicher und politischer Blick auf die Gegenwart, auf die wesentlichen, gesellschaftlichen Prozesse und die Frage, wie kann das Theater darauf mit neuen Erzählungen und mit künstlerisch radikalen Formen antworten. Und wie kann ich als Künstler meine eigene Position auf die Welt offenlegen und thematisieren. Neben der Analyse des Status quo steht das gemeinsame Suchen nach neuen Erzählungen für komplexe, diverse Gesellschaften im Vordergrund. Dafür Arbeitsprozesse zu entwickeln, die strukturell und thematisch die großen Fragen unserer Zeit zum Gegenstand von Theater machen, eine eigene ästhetische Form zu schaffen, die gängige Zuschreibungsmuster unterwandert und Theater zu einem utopischen Ort jenseits der gesellschaftlichen Gegenwart zu machen, dessen Wirkkraft aber stets in die Gegenwart zurückwirkt, das wären so die hehren Ziele meiner Professur. Nicht nur die Frage, wie Theater Wirklichkeit beschreiben kann, sondern wie Theater Wirklichkeit gestalten kann, darum geht es mir. Vor allem will ich den Studierenden dabei helfen, ihre eigene Sprache zu finden und ihre künstlerischen Ideen Realität werden zu lassen.

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Was ist daran europäisch?
Die Studierenden kommen aus allen Teilen Europas, dem reichen Norden und den finanziell schlechter gestellten Ländern des Südens und des Ostens und bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen und Ideen für ihre künstlerischen Projekte mit. Zehn Studenten und Studentinnen aus acht europäischen Ländern und den USA mit insgesamt neun Sprachen und Theatertraditionen. Diese Vielfalt verbunden mit der Bereitschaft, trotz aller Unterschiede und Sprachbarrieren sich miteinander auseinanderzusetzen, voneinander zu lernen und gemeinsam etwas zu schaffen, in diesem Fall Kunst und Theater: Das ist für mich Europa.

Interview: Katja Thorwarth

Zur Person

Falk Richter, Jg. 1969, ist Regisseur und Autor. Mit seiner Inszenierung von „Fear“ an der Berliner Schaubühne (2015) erregte er Aufsehen. 2018 war er „Regisseur des Jahres“. Seine Inszenierung von Elfriede Jelineks Theaterstück „Am Königsweg“ (Deutsches Schauspielhaus Hamburg) wurde „Inszenierung des Jahres 2018“. Auch dem Frankfurter Theaterpublikum ist er als Autor und Regisseur bekannt.

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