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Jakob Walser und Edgar Selge, hier bei einem Fototermin 2012.

Schauspiel Frankfurt

Was wichtiger als der Parkplatz ist

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Sitten, Gebräuche und Religion: Edgar Selge und Jakob Walser lesen im Schauspielhaus aus Björn Bickers "Was glaubt ihr denn".

Alles ist darauf angelegt, den Text wirken zu lassen. Zwei schwarz umkleidete Tischchen vor dem schwarzen Bühnenvorhang des Frankfurter Schauspiels. Zwei schwarze Buchablagen auf den Tischen, die auch recht weit auseinander stehen in kleinen Lichtinseln. In der Mitte noch ein Notenpult. Ab und zu wird einer der beiden Lesenden aufstehen, hinterm Tischchen hervorkommen und die Textkladde aufs Notenpult legen. Dann sind sie entweder der „Architekt“, der die Hinwendung seiner Schwester Leila an den Islam verfolgt, oder der „DHL-Bote“, der von einem Kollegen erzählt, den er anlernen soll. Der Neue ist Sikh, der Bote nennt ihn „Lothar“, weil er den richtigen Namen des Inders nicht versteht. „Lothar“ protestiert nicht.

Die Schauspieler Edgar Selge, bekannt vor allem als ehemaliger Münchner „Polizeiruf 110“-Kommissar, und Jakob Walser, Sohn Selges und Franziska Walsers, haben sich eine besondere Art von Lesung gleichsam auf den Leib geschrieben, haben sie im Stimmenwechsel fast schon durchrhythmisiert. Ihren Text haben sie aus Björn Bickers halbdokumentarischem, 2016 erschienenem Band „Was glaubt ihr denn“.

Der Dramaturg hat darin knappe, in Gesprächen entstandene Berichte aus dem Leben einer Religionslehrerin, eines DHL-Boten, eines Architekten eingefügt in stark literarisch durchgeformte, mit fast liedhaften Wiederholungen arbeitende Textflächen des „Chors der gläubigen Bürger“. Thema sind nicht so sehr die Spezifika verschiedener Religionen – Bicker traf unter anderen Hindus, Buddhisten, Juden, Adventisten, Bahai – sondern die Haltung der Gläubigen zu ihrem Heimat- oder Einwanderungsland, zu Sitten, Gebräuchen, zu Diskriminierung und auch zur Demokratie.

Selge und Walser, deren kunstvolle „Was glaubt ihr denn“-Lesung im vergangenen Jahr bei den Ruhrfestspielen Premiere hatte, spielen am Pult nicht den Architekten, den Paketboten. Vielmehr entsteht bei ihrem Auftritt ein anderthalbstündiges, vibrierendes Textgewebe. Mal wechseln sich die beiden Sprecher schnell, Satz für Satz ab, mal erzählt einer für eine ganze Weile.

Im ersten Fall machen sie die Vielfalt der Haltungen kenntlich, im zweiten werden ganz normale Mitmenschen plastisch. Eine Muslima aus einer Familie zum Beispiel, die mit Religion nicht mehr viel am Hut hat. Plötzlich trägt die Tochter Kopftuch und geht in die Moschee. Ein freundlicher Sikh, der nicht sagen kann, ob seine Freundlichkeit aus seinem Glauben entsteht oder der Tatsache, dass er Psychologie studiert.

Immer wieder wird an diesem Abend im Schauspielhaus auch gelacht. Denn allemal ist es lustig, wie sich Deutsche zum Beispiel mit Parkplatzfragen vor Gotteshäusern beschäftigen. Oder mit Steuerfragen. Dass sie anderes für wichtig halten, machen Selge und Walser durch ihre konzentrierte Lesung klar.

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