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„What We Are Made Of“ in Darmstadt: Aus Wasser, aus Metall

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Von: Sylvia Staude

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In Bögen, in Kreisen: Szene aus Xie Xins „Timeless“ mit dem Hessischen Staatsballett. Foto: Bettina Stöß
In Bögen, in Kreisen: Szene aus Xie Xins „Timeless“ mit dem Hessischen Staatsballett. © Bettina Stoess

„What We Are Made Of“: Das Hessische Staatsballett tanzt in Darmstadt Choreografien von Xie Xin und Sharon Eyal.

Kaum unterschiedlicher könnten die beiden Bewegungshandschriften sein, die das Hessische Staatsballett mit seinem jüngsten Abend „What We Are Made Of“ zusammenbringt: Sharon Eyals skurril-scharfkantige und Xie Xins elegisch fließende. Die Stücke der Israelin sind so energetisch insistierend wie unverkennbar in ihrem präzisen Tanzfuror. Das 40-minütige „Untitled Black“, das den Doppelabend im Darmstädter Staatstheater eröffnet, ist eine Wiederaufnahme von 2020. Die Chinesin Xie Xin nennt ihre 45-minütige, jetzt uraufgeführte Choreografie fürs Staatsballett „Timeless“, es ist flächig, erscheint tatsächlich fast zeitlos.

Das liegt auch an der zart wabernden und plingenden, zu keinem Zeitpunkt auftrumpfenden Musik Sylvian Wangs, live gespielt von einem Kammerensemble auf einem Podium hinter den Tänzerinnen und Tänzern. Das Wort „zart“ kommt einem im Fall von Sharon Eyals langjährigem Komponisten Ori Lichtik eher nicht in den Sinn: seine elektronischen Klänge bringen die Bewegungen auf den Punkt und Takt.

Sie gleiten, sie biegen sich

Vielleicht hätte man die Stücke tauschen sollen, denn nach dem ruhelosen, dennoch präzise konturierten „Untitled Black“ erschien „Timeless“ allzu schön, allzu spannungslos. Kreiselnd, nie stockend, stets gerundet ist Xie Xins Bewegungssprache, besonders die Arme scheinen keinerlei Ecken und Gelenke zu haben. So greifen auch die Gruppenformationen ineinander, indem der Kollege, die Kollegin luftig und symbolisch umarmt wird, indem mehrere Körper wogen und weben, sich endlos biegen, als besäßen diese Wesen kaum Knochen. So ruhig und leicht entrückt wirken sie auch, als befänden sie sich irgendwo, wo sie nichts Böses erreichen kann. So kommen sie zunächst von rechts auf die Bühne, in Paaren zumeist, verschwinden links, gleiten rechts wieder herein.

Hu Yanjun schmückt die Bühne zwischendurch mit Lichterketten, die Assoziation liegt zwischen Sternen und Lampions. Li Kun zieht Tänzerinnen und Tänzern beigefarbene Anzüge an in Art chinesischer Arbeiterkleidung oder Judoanzügen, allerdings viel lockerer und weiter noch. Das nimmt den Körperkonturen zusätzlich jede Festigkeit, bringt gleichsam einen weiteren Weichzeichner ins Spiel.

Vielleicht ist es eine allzu westliche Erwartung, dass Kunst Widerhaken haben müsse. Dass stille Schönheit nicht genügt. Doch kommt bei Xie Xin dazu, dass eine zweifellose, vom Staatsballett-Ensemble scheinbar mühelos gezeigte Eleganz nicht mit Originalität des Vokabulars einher geht. Wo Sharon Eyals Minimalismus eine starke Binnenspannung aufweist, muss man Xie Xins Zeitlosigkeit eher meditativ aufnehmen. Denn es scheint hier, dass man in diesem Universum doch mehrmals in denselben Fluss steigen kann.

Staatstheater Darmstadt, Großes Haus: 30. April, 5., 13., 20., 27. Mai. www.staatstheater-darmstadt.de

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