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Wesen von einem anderen Stern

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Von: Sylvia Staude

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Typische Körperballung in Sharon Eyals "Autodance".
Typische Körperballung in Sharon Eyals "Autodance". © Göteborgs Operans Danskompani

Choreografien von der fabelhaften Sharon Eyal und von Sang Jijia, getanzt von Göteborgern bei den Maifestspielen.

Was ist das Geheimnis der Choreografien von Sharon Eyal? Nutzt sie nicht ein recht beschränktes Vokabular? Arbeitet mit fast endlosen Wiederholungen? Steckt Tänzerinnen und Tänzer in immer ähnliche, hautfarbene Bodies, die die Akteure manchmal wie bleiche Würmchen wirken lassen? Warum faszinieren diese Reihungen und Repetitionen so?

Am Mainzer Staatstheater war in dieser Saison „Soul Chain“ der israelischen Choreografin ein immenser Erfolg, ein herbes Stück mit massiver Musik von Ori Lichtik. Von nicht grundlegend anderer Natur, aber doch ein wenig sanfter erschien nun bei den Maifestspielen „Autodance“, im März erst von der Göteborgs Operans Danskompani uraufgeführt, nun mit nach Wiesbaden gebracht. Ori Lichtik lässt es nicht ganz so sehr wummern, gibt aber mit seiner Musik erneut offensiv den Takt vor. Und das bleiche, 14-köpfige Ensemble bewegt sich dabei – wie in „Soul Chain“ – in den insgesamt knapp 40 Minuten viel auf Zehenspitzen, schreitet armeschlenkernd, lässig, geschmeidig, den Kopf kokett geneigt und hin- und-her-wendend. So umkreisen sie die Bühne, formieren sich, ballen sich, staksen wieder auseinander, um eine neue exakte Formation zu bilden.

Vielleicht ist es Sharon Eyals Geheimnis, dass sie die Kunst der Choreografie auf ihre Grundlagen zurückführt: Bewegung im Raum, die bestimmten, nachvollziehbaren Strukturen folgt. Sie lässt die Tänzer nicht sprechen, nicht mit Objekten hantieren, sie erzählt schon gar keine Geschichte. Gleichzeitig wählt sie eine Körpersprache von hoher Künstlichkeit, Stilisiertheit. Etwas Seltsames, vielleicht ein fremdartiges Ritual, scheint in ihren Stücken vor sich zu gehen. Oder sind das Wesen von einem anderen Stern?

Die Göteborger haben neben Eyals „Autodance“ eine rund einstündige Choreografie Sang Jijias mitgebracht, man wird sich hier vielleicht noch an ihn als Tänzer bei William Forsythe erinnern. Sein „As It Were“ lässt Seidenpapier herunterschweben wie große schwarze Blütenblätter (Bühne: Leo Chung), arbeitet zudem mit vermutlich symbolisch gemeinten Riesenrahmen und einem Tisch, der in alle Richtungen gekippt und aufgestellt wird. Gegen Ende sind es zwei Tänzerinnen, die sich um Tisch und Rahmen wickeln, beugen, daran herabgleiten ...

„As It Were“ ist ein düsteres, raunendes Stück, die Musik von Dickson Dee kreiselt flächig und ominös. Sang Jijia hält alles im Fluss, es ist ein Kommen und Gehen, mal zwei, mal drei, mal vier Tänzer finden zusammen, erst später entstehen Ensembles. Die Bewegungssprache erinnert an die intrikaten Verschlingungen und -windungen Forsythes.

Aber es bleibt bei einer Farbe. Die Dramaturgie sieht keine Tempowechsel vor, bloß schwebt mal das Seidenpapier hernieder, dann eine Weile nicht. Einmal ziehen die Tänzer ihre Jacken aus und wirbeln das Papier auf. Mal legen sie Kollegen einzelne Blätter aufs Gesicht, die diese umgehend hochpusten. Anders als bei Sharon Eyal und obwohl die Bewegungen vielfältiger sind, stellt sich hier das Gefühl von Eintönigkeit ein.

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