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Lotte und Werther, hier guter Dinge.

Staatstheater Mainz

„Werther“ in Mainz: Vollgepinselt, weggewischt

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Das Staatstheater Mainz macht sich einen Spaß mit Goethes „Leiden des jungen Werther“.

Die Aufregung um Goethes Bestseller „Die Leiden des jungen Werther“ nachvollziehen, wird mit der Zeit nicht einfacher: mit der Zeit, die das jeweilige Lesepublikum sich weiter vom Erscheinungsjahr 1774 und seiner eigenen Jugend entfernt. Dass es ein Buch für überempfindliche Herzen sein könnte, spielt jedenfalls schon einmal keine Rolle in der aufgedrehten Popvariante, mit der jetzt Lisa Eder, Julian von Hansemann und Sebastian Brandes in einer Inszenierung von Brit Bartkowiak und schauspielerisch unangreifbar motiviert über die Bühne des Großen Hauses im Mainzer Staatstheater toben. „Die Leiden des jungen Werther“, eine Komödie.

Die qualifizierte Lotte

Das Bühnenbild sei noch nicht fertig, erklärt der Spund im unmöglichen Pulli, Brandes, der auch behauptet, noch kein Kostüm zu tragen und lieber gar nicht auf der Bühne stehen zu wollen, so ohne den Schutz einer Rolle. Nachher wird er zu Albert, während Eder sich als Lotte qualifiziert – die anderen beiden versuchen es auch, aber sie können es wirklich gar nicht, sind ja auch dumme Männer, oder wie ist das gemeint? – und Hansemann als Werther im Grunde schon feststeht: langes Zauselhaar, offenes Lachen. Nicht nur wird mit einigem Aufwand die eh naheliegendste Rollenverteilung vorgenommen, so wie man sie nämlich kaum anders auf der Freiluftbühne in Dingsbums erwarten würde. Hansemann-Werthers Ankündigung, sich das Leben zu nehmen, ist auch versehentlich, „versehentlich“ schon zu früh per Video eingespielt worden.

Staatstheater Mainz:  29. Februar, 3., 13., 25. März. www.staatstheater-mainz.com

Ein bisschen Mühe muss man sich geben, um „Die Leiden des jungen Werther“ zur Komödie, zur comedy zu machen, und Bartkowiak, Bühnenbildnerin Hella Prokoph und Kostümbildnerin Carolin Schogs präsentieren ihre Mühe noch dazu im großen Stil. Auf der Baustellenbühne wird manches in Bewegung geraten, es gibt Videoeinspielungen (Kai Wido Meyer) und ironischen Theaternebel, dann aber auch pathetische Lichtverhältnisse. Es gibt Popsongs und einen kurzen Monolog von Lotte, in dem diese skizziert, dass sie während der Goethe-Handlung wirklich über ganz andere Dinge nachdenkt: ein diskurstheoretisch aufgepeppter Einschub (ein bisschen wie Molly Bloom am Ende von „Ulysses“, aber gebildeter). Nachher beschmiert sich Werther mit Dreck, weil das einfach dazugehört, hängt am imaginären Kreuz und singt „Dream Scream“ von Daniel Johnston.

Die Ironie ist vielleicht das Traurigste daran. Sie signalisiert ohne Unterlass, dass man das alles heute irgendwie albern findet, und da ist ja auch etwas dran: die ikonischen Szenen (Lottes blassrosa Schleifen sind hier ein dickes knallrotes Plastikteil, auch das Schaumstoffkissen-Brot war sozusagen zufällig zur Hand), dazu das Gezerre, das präpotente Gejammer. Und schließlich das Leiden aus dem Titel, das nicht vergehen will und nicht bloß ein Liebesschmacht ist. Letzteres findet auch die Inszenierung nicht mehr so richtig komisch, kommt ihm aber nicht auf die Spur. Das Ende, der Tod, der schlimm ist, wird nüchtern referiert. Die Szene beruhigt sich, Bartkowiak nimmt das jetzt ernst, könnte man sagen, aber auch: Da ist ihnen halt nichts mehr Lustiges eingefallen und sonst auch nichts mehr. Werther, vollgepinselt, weggewischt.

Klassen gibt der 105-minütige pausenlose Abend aber sicher viel Gesprächsstoff, auch bietet es sich an, die Fremdtexte („Hamlet“) zu erkennen und Briefromantexte zuzuordnen. In der Zwölften in den Achtzigern haben wir uns über solche Inszenierungen die Köpfe heißgeredet, das stimmt.

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