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Erst am Ende auf Rosen gebettet: Rachael Wilson und Arturo Chacón-Cruz. 	Philip Frowein
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Erst am Ende auf Rosen gebettet: Rachael Wilson und Arturo Chacón-Cruz.

Oper

„Werther“ an der Oper Stuttgart: Für ihn soll‘s rote Rosenblätter regnen

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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„Werther“ in Stuttgart mit einem musikalischen Traumpaar und gedrosselter Regie.

Charlotte und Werther können nicht zueinander, die Konvention, die Vernunft und sogar ein tiefer verstandener Anstand - sie ist einem anderen versprochen, keinem Schuft - stehen zwischen ihnen, und in der Oper Stuttgart auch die schneeweiße Scheibe von Katharina Pia Schütz. Hier kann man am Rand entlang stundenlang kreisen, ohne sich anzunähern. Erst gegen Ende entschließen sie sich und eilen für einen einzigen Kuss doch aufeinander zu. Da ist schon alles entschieden, Charlotte hat sich längst entschieden, und Werther nun auch. Ganz am Ende liegen sie hier Kopf an Kopf. Da ist Werther bereits tot.

„Bereits tot“ ist ein Euphemismus. Aus Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ geht hervor, dass es ein quälend langes Sterben ist, und der Tenor singt mindestens so lang wie Gilda im Sack, wenn man es einmal so ausdrücken darf.

Jules Massenets „Werther“ lebt an der Oper Stuttgart von diesem Paar, einem zärtlichen und hochkompetenten Sängerpaar, und von der exorbitanten Leistung des Orchesters, das Marc Piollet leitet und zu feinsinnig durchgearbeiteten Klängen führt. Auch werden wohl die meisten Menschen einen solch prächtigen und kultivierten Blechbläsersatz seit vielen Monaten (sieben bis 16) nicht mehr gehört haben. Dass er dermaßen zum Zuge kommt, liegt an der derzeit recht beliebten und hier klanglich überzeugenden Variante, das Orchester hinter die Bühne zu stellen, wo mehr Platz für die Einhaltung der Abstandsregelung ist.

Hier ist zudem kein Vorhang dazwischen, Piollets agiles, aber nicht zappeliges Dirigat belebt die Szene gleich mit. Aus den leeren ersten Zuschauerreihen hilft der Souffleur mit einigen Einsätzen aus. Die schneeweiße Scheibe lappt über den zugebauten Graben dem Publikum entgegen, auch hier entsteht eine ungewohnte, intensitätssteigernde Nähe zu Akteurinnen und Akteuren.

Charlotte wird von Ensemblemitglied Rachael Wilson gesungen, die über eine glühende Stimme verfügt, mit angenehmem Metallanteil und immenser Intensität ohne Schärfe, ohne spürbaren Druck. Auch im großen Aufschrei bleibt sie die Lyrik selbst. Für ihren Werther, Arturo Chacón-Cruz, ist es noch anstrengender, aber er lässt seinen Tenor - etwas mehr heldisch als lyrisch - blühen. Die Höhen nimmt er mit geschmackvoller Lässigkeit und dabei absolut zuverlässig. Zwei dabei jung wirkende Stimmen, ein Traumpaar der individuellen Art. Alles ist auf sie zugeschnitten, zumal kleinere Rollen gestrichen wurden (und mit ihnen alles Bacchusmäßige und Genrehafte dieser Oper, was ihr etwas routinierten Schwung nehmen mag, aber um routinierten Schwung geht es hier irgendwie nicht).

Nur Albert ist noch da, der schön fundierte Bariton Pawel Konik, Charlottes Schwester Sophie, Aoife Gibney mit eigener, fülliger, gar nicht zwitschriger Hauptfigurenstimme, und der Vater und Amtmann, der sonore Shigeo Ishino. Für die familiären Zusammenhänge interessiert sich die Regie von Felix Rothenhäusler allerdings nicht besonders. Die Interessen der Inszenierung, sie sind nicht einfach auszumachen. Vielleicht hatte Rothenhäusler den Eindruck, den Aufwallungen der Gefühle am adäquatesten mit Kühle und aktuellem Abstand begegnen zu können. Darunter zu leiden haben vor allem die Nebenfiguren, die äußerst unsympathisch gezeichnet werden, Albert fast schon diabolisch, Sophie als Miststück im giftgrünen Business-Kostümchen.

Eine unklar bleibende Wahl der Kostümbildnerin Elke von Sivers, wie auch die erstaunlich unattraktiven, aber immerhin an eine armselige Kinderspiel-Brautkleidung erinnernden Kostüme für Werther und Charlotte. Kalt schließlich - aber warum? - der szenische Einsatz des kleinen fitten Kinderchores, dem handverlesene Statisterie in Publikums- und Garderobierenkluft folgt. Sie hören dem Tenor zu, könnte man meinen, magisch angezogene Groupies ohne Frohsinn. Ein Rätsel, dessen Lösung angesichts der hintergedimmten Gefühlslage nicht dauerhaft neugierig macht.

Was gelingt, sind die Blickachsen zwischen den Liebenden, die wie unsichtbare Laserstrahlen die Luft über der Scheibe zerteilen. Was ebenfalls gelingt ist die deprimierende Umsetzung der Knef-Zeile „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Werther, der den Abend über einen zunehmend gezausten Rosentrauß mit sich trägt, steht buchstäblich im Blütenblattgestöber. Nur im auch in Stuttgart unendlich traurigen Tod ist er auf Rosen gebettet.

Vor dem Gebäude lagert ein gigantisches Metallknäuel, eine aufwendige Skulptur mit Bauzaun gesichert. Tatsächlich ist es aber das Kupferdach der Oper, das in einem Sturm so geknautscht und gekringelt wurde. Wohin man schaut Anzeichen für die Hilflosigkeit des Menschen, der sich doch so viele schöne Dinge ausdenkt.

Staatstheater Stuttgart, Opernhaus: 15., 18. Juli. www.oper-stuttgart.de

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