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Inmitten von inneren und äußeren Verwüstungen: George und Martha. Seweryn Zelazny
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Inmitten von inneren und äußeren Verwüstungen: George und Martha. Seweryn Zelazny

Theater Willy Praml

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“: Wie man einen Frosch kocht

  • VonMarcus Hladek
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„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, in der Regie Michael Webers beim Theater Willy Praml.

Schon komisch, was von Theater hängenbleibt und was nicht. Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ zum Beispiel (1962). Wer hätte nicht den Titelsong im Ohr, so wie ihn Richard Burton in der Filmfassung 1966 gröhlt. Niemand denkt dabei ans Original, dieses Disney-Liedchen „Who’s Afraid of the Big Bad Wolf?“ von 1933, das bei Albee im Titel auftaucht, weil es von George und Martha, den Campus-Intellektuellen im Ehejoch, verballhornt wird. Auf den Bühnen hört man aber nie die lustig-dissonante Kadenz von Disney-Komponist Henry Hall, der sich über die Häuser aus Stroh, Holz und Stein der „Three Little Pigs“ Fifer, Fiddler und Practical Pig lustig machte.

Es spricht Bände über die Andersheit des Frankfurter Theaters Willy Praml und Michael Webers Regie, dass er genau das nachholt. Und es hängt viel daran. Wer Disney assoziiert, bekommt von 1962 her Amerikas depressive Stunde 1929-1933 vor Augen und den Humor, mit dem es unter Roosevelt den Wiederaufbau seiner Geschichte in Stein anging.

Präzeptor Willy Pramls Theologen-Geist weht über allem, denn Weber blickt auf Albees New Carthago als eine, wie man heute sagt, resiliente Stadt, die wie Karthago nicht leicht totzukriegen ist. Weber hat die Bühne erdacht (Kostüme: Paula Kern), die im Kern kernlos ist: In der Naxoshalle ein Gittermuster aus grob 5000 Kaffeebechern (außen rot, innen weiß), die Marthas Alkoholkonsum andeuten mögen.

Bis sie zusammengefegt sind oder George sie durchpflügt, zwingen sie zum Eiertanz und gleichen einer toten Metallwelt im Elektronenmikroskop. Die Kirchen- oder Freiheitsglocke auf Video (Thea van Woland) läutet darüber Sturm oder bimmelt als Türglocke.

Die Grenze vom gestuften Zuschauerraum zur tiefen Industriehalle inszeniert Weber als schwarzen Vorhang mit Licht-Spot, der Figuren vereinzelt wie Jazz-Soli. Das Sofa kommt erst am Ende fürs Familienalbum hinzu. Was Weber vorspielen lässt, ist eine Hölle, die in gut theologischem Geiste nicht gottgemacht ist, da Gott nichts Böses schafft; selbst Teufel stürzen nur aus Hochmut. Fast wie bei Sartre („Geschlossene Gesellschaft“) sind die Hölle vielleicht nicht die anderen, zumindest aber schafft der Sünder sie sich selbst. Und leuchtet sie bei ihm, in feurig-roten Diagonalen, auch noch aus. Dass der Sohn, an dessen Nichtexistenz bei Albee alles hängt, bei Weber auftreten darf wie manchmal Godot (Muawia Harb ein kräftig gebauter Sportler im Trikot als freudianischer Schweiger mit Football, boxend, auf dem Schaukelpferd), ist logisch.

Geschichtsprofessor George (Jakob Gail) und Martha (Birgit Heuser) basteln sich ihre Hölle der Seelenzerfleischung aus Spielen für die Cocktail-Afterparty mit Sportler-Genetiker Nick (Florian Appelius). Und sein Mäuschen (Hannah Bröder) umtanzt die Unfruchtbarkeit und steigert die Qual so, wie man einen Frosch kocht, ohne dass er aus dem Kessel springt: ganz langsam vom Histörchen über die Mär von Putzis Scheinschwangerschaft zu George und Marthas ausgedachtem Sohn.

Das dunkle Ritual zum Tode mit den wiederholten Three-Piggies-Anläufen steht Beckett und Genet näher als Sartre. Jakob Gail, in Mickymaus-Leggins und Sportlerpulli umterm Jackett (dann im Reisigrock), wirkt gereift und hat nichts Kindliches mehr, da er wie Herkules mit Wolfsgeheul und Kriegsbemalung die Campuswelt auf den Schultern trägt: im A und O mit Martha. Heuser, rosshaarig im roten Bodysuit unterm silbrigmetallenen Kostüm, sieht richtig gut aus und spielt überzeugend. Appelius als Nick im Spiegellettern-Pulli mit Brille ist gegen den Strich klein und schmächtig, Hannah Bröder als gestiefelte Putzi im weißen Rolli und Kleidchen gefällt und fügt sich dem tragikomischen Rollen-Persönchen mit Pigtail-Zöpfen zum Trotz eigengewichtig ein. Weber aber bewährt sich, wie er es nie wollte: als Regisseur.

Theater Willy Praml , Naxoshalle Frankfurt: 17.-19., 24.-26. September. www.theaterwillypraml.de

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