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Neben der Sitzkuhle: Katharina Matz.

„Alte Meister“

Ist da wer?

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Thom Luz bringt einen Roman von Thomas Bernhard im Deutschen Theater Berlin in Schwingung.

Dass man ihn nicht sieht, den Kunstkritiker Reger, Hauptfigur aus Thomas Bernhards Roman „Alte Meister“, heißt in der Kammerspiele-Inszenierung von Thom Luz nicht, dass er nicht da ist. Möglicherweise ist er einfach nur unsichtbar. Jedenfalls ist deutlich sein zweikuhliger Sitzabdruck auf der Bank im Bardone-Saal des Wiener Kunsthistorischen Museums zu erkennen. Selber sprechen wird Reger an diesem Abend zwar nicht, aber das ist auch nicht nötig, weil alle anderen wissen und referieren, was er sagen würde, egal, ob er nun anwesend ist.

Seine Frau dürfte hingegen eigentlich nicht da sein, wenn man der Tatsache Rechnung trägt, dass sie gestorben ist. In der schattenhaften Gestalt der 88-jährigen Schauspielerin Katharina Matz schwebt sie herein und setzt sich auf die Bank neben die Sitzkuhle, das Polster verdächtigerweise nicht verformend. Ihre Stimmung ist gut, wozu sicher auch der in einer Endlosschleife zirkulierende „Steiermärker“ von Anton Bruckner beiträgt, am Klavier variiert von Daniele Pintaudi, den das Programmheft als Atzbacher, Regers anteilnehmenden Beobachter, ausweist. Aufgeräumte und sangbare Klaviermusik im Dreivierteltakt samt ausgiebigem Einsatz der holden Terz, die bekanntlich das Thema kopiert, hier wie ein beschwingter Protokollant, der in seiner Euphorie über das Gesungene nur mit Mühe an sich halten kann.

So ähnlich ist es mit den Reger’schen Gedanken, die er – man erinnere sich – entweder mangels Anwesenheit oder zur Aufrechterhaltung seiner Tarnung nie selbst ausspricht, sondern die von dem Museumswärter Irrsigler nachgeplappert werden, wie uns wiederum Atzbacher erzählt. Für jedes „sagte Reger“ spielt Atzbacher einen Ton und für jedes „zu Irrsigler“ einen anderen. Zwischen ihnen liegt allerdings keine holde Terz, sondern ein Quarthüpfer wie bei einem Tusch. Ob Irrsigler anwesend ist? Annehmbar. Zumindest tritt er in dem weißen Raum gleich dreifach in Erscheinung (Christoph Franken, Camill Jammal, Wolfang Menardi), verschwindet aber zu Beginn recht eilig wieder im Nebel und punktet später mit der feinstofflichen Fähigkeit, durch die Tapete zu gehen.

All dies ist schon verwunderlich, betrachtens- und bedenkenswert, ohne inhaltlich werden zu müssen. Aber was hat er denn nun gesagt, der berühmte Grantler Reger? An diesem gut einstündigen Abend werden nur ein paar Sätze überliefert. Es geht um die mehr oder weniger auffälligen, aber immer gravierenden Fehler der Alten Meister, die Reger mit Sicherheit entdeckt, wenn er sie nur lange genug sucht. Diese Unvollkommenheit veranlasst Reger zwar zu seinen Schimpftiraden, aber sie beruhigt ihn zugleich und erhält ihn am Leben, wie er Irrsigler verraten hat, was uns Atzbacher erzählt. Man kann also die unerbittliche Fehlersucher des Kritikers nur als eine Form von innigster Zuwendung verstehen. Das aber ist tragisch! Reger, so teilt uns ausgerechnet seine tote Frau mit, habe vor der Durchdringung eines Buches, eines Gemäldes, eines Musikstücks, vor der „totalen“ Kunstrezeption, von der er selbst nicht lassen konnte, stets gewarnt. Sie vergrause einem alles. Die Liebe zu seiner Frau begann übrigens, als diese sich neben ihn auf die Bank setzte, sein Lieblingsgemälde, Tintorettos „Bärtiger Mann“, lange ansah und dann ihr Missfallen bekundete. „Nicht viel später haben wir geheiratet.“

Thom Luz’ Zuwendung ist bestimmt nicht weniger innig, aber sehr viel gnädiger und auch flüchtiger. Er tritt den Werken nicht als durchdringender Analytiker und verbindlicher Interpret entgegen, sondern er begnügt sich damit, den ausgesuchten Text zu arrangieren und sehr genau in ein Klang- und Musikarrangement zu fügen. Er stellt das Werk hin, öffnet es, bringt es in Schwingung und freut sich an ihm. Die Ausdeutung interessiert ihn nicht, weshalb man sich als Zuschauer manchmal verläuft und allein bleibt und warten muss, bis sich der Nebel ein bisschen verzieht, in der Hoffnung, dass dann noch etwas da ist. Mehr sollte man vom Theater lieber nicht verlangen.

Deutsches Theater Berlin,
Kammerspiele: 18., 22. September,
3., 19., 27. Oktober. www.deutschestheater.de

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