Wenn nur noch der Boden bleibt

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In Ben J. Riepes Tanzstück „Hundstage“ gibt es jede Menge Begehren – und kein Ziel dafür

An den Hundstagen – unterm Stern des Sirius – soll es besonders heiß sein. Vielleicht sorgt der Folkwang-Absolvent Ben J. Riepe im neuen Stück „Hundstage“ deswegen für eine Abkühlung seiner Darsteller: Bereits in den ersten Minuten wird einem von ihnen Wasser über den Kopf gegossen. Immer wieder greift einer zur Flasche – aber nicht, um zu trinken. Später sickert ganz leise von hinten Wasser auf die Bühne, umhüllt Sessel- und Tischbeine, tränkt grauschwarze Hosen und Röcke (Kostüme: Anna Kleihues), sobald die Tänzer sich hinlegen.

Im Künstlerhaus Mousonturm hatte das einstündige „Hundstage“ jetzt Frankfurt-Premiere. Es ist ein stilleres, gleichsam privateres Stück als Riepes zuletzt hier gezeigtes, hochmartialisches „Liebe, Tod, Teufel“ – aber es geht bisweilen durchaus heiß her, wenn auch etwas einseitig: Während ein Darsteller oder eine Darstellerin regelrecht entbrannt ist, rühren die Objekte der Begierde keinen Finger. So masturbiert einer lieber, indem er seinen Unterkörper auf dem Boden hin und her reibt.

Emotionale Sternschnuppen

Die kühle, fast ausnahmslos in Grautöne gehüllte Ästhetik, die jäh durchschossen wird von Schmerz, Begehren, schnell verglühenden emotionalen Sternschnuppen, das erinnert an VA Wölfls Stücke. In Wölfls Gruppe Neuer Tanz ist Riepe aufgetreten, als Gasttänzer auch bei Pina Bausch, aber von deren Weichheit – in den Bewegungen, später auch im Sujet – hat er sich nicht anstecken lassen.

Konsequent lässt Riepe die immerhin sieben Darsteller nur sehr selten einmal aufeinander reagieren. Manchmal stellen sie sich auf – und blicken still und stumm und vielleicht ein bisschen herausfordernd ins Publikum. Benjamin Kahn greift irgendwann zum Mikro, missbraucht den Mund einer Kollegin rüde als Mikrohalter, versichert, er habe dieses neue Stück erarbeitet, weil er uns so liebe. Fast brüllt er es und scheint doch nur zu sagen: Ich will, dass ihr mich liebt.

Das minimalistische Gitarrengeplinker, das Alex Alves Tolkmitt für „Hundstage“ komponiert hat, dazu die Ausbrüche ins Opulente – wie die berühmte Arie der Königin der Nacht – scheinen ausgesucht, den rauen, kantigen, ins Leere gerichteten Geschehnissen auf der Bühne zu widersprechen. Denn mit den dunklen, aber gezielten Leidenschaften von Mozarts Königin haben Riepes Menschen nichts mehr zu schaffen. Sie taumeln von Lust zu Lust – und doch kommen doch kein bisschen von der Stelle.

www.benjriepe.com

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