1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

Wenn alle Dämme brechen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Schauspieler Jens Harzer (l) als Hauke Haien und Barbara Nüsse als Trin Jans bei einer Fotoprobe zu dem Stück „Der Schimmelreiter“ auf der Bühne des Thalia Theaters.
Die Schauspieler Jens Harzer (l) als Hauke Haien und Barbara Nüsse als Trin Jans bei einer Fotoprobe zu dem Stück „Der Schimmelreiter“ auf der Bühne des Thalia Theaters. © dpa

Am Hamburger Thalia Theater inszeniert Johan Simons den „Schimmelreiter“ und Jan Bosse den „Spieler“.

Von Frauke Hartmann

Wie ist das, wenn man den Halt im Leben verliert? Gibt man ihn auf und verabschiedet sich vom Leben? Oder macht man weiter, wohlwissend, dass da nichts ist, und hoffend wie ein Kind, doch noch einen Sinn darin zu finden?

Zwei Abende am Hamburger Thalia Theater versuchen Antwort darauf zu geben. Johan Simons, designierter Chef des Schauspielhauses in Bochum und Leiter der Ruhrtriennale, hat sich den „Schimmelreiter“ von Theodor Storm vorgenommen, Jan Bosse den „Spieler“ von Fjodr Michailowitsch Dostojewski. Sowohl der Roman des russischen Dichters als auch die Novelle des holsteinischen Juristen und Romantikers Storm zeugen von einer Zeitenwende, vom Beginn des psychologischen Zeitalters im Vorfeld von Freud und Co. sowie vom – vermeintlichen – Abschied vom Mystizismus. Dennoch halten beide Stoffe an einem fest: der Suche nach Liebe.

Für Johan Simons ist die Frage nach Gott ein beherrschendes Thema. Und außerdem schon immer: Die Welt als Dorf. Wie schon in Simons „Deutschstunde“ am Thalia Theater gibt es hier ein scharfkantiges Bühnenbild von Bettina Pommer, eine schiefe Ebene mit zwei Treppen, von matten Lichtreflexen beschienen. Ein großer Pferdekadaver liegt da oben, darüber baumelt eine Glocke, Symbol für Dorf und Deich, auf dessen Krone von hinten geisterhaft die Figuren im hochgeschlossenen pietistischen Schwarz auftauchen. Sehr bewegend ist es zu sehen, wie sechs, meist zu einem Tableau angeordnete Schauspieler es schaffen, das Tosen eines Orkans zu entfachen, der im Innern wie im Äußeren tobt. Ohne Videos, manchmal mit Windheulen untermalt, im Vertrauen auf Theater pur.

Allen voran Jens Harzer als Hauke Haien. Harzer bringt das Kunststück fertig, diesen mathematisch begabten Visionär als jemanden zu zeigen, der zart und scheu in einer feindlichen Umgebung lieben kann und dennoch seinen inneren Auftrag, einen besseren Deich zu bauen, gegen die Liebe zur Frau (Birte Schnöink) und zum behinderten Kind (Kristof Van Boven) durchsetzt.

Sein Widersacher Ole Peters (Sebastian Rudolph) verkörpert mit fast belustigtem Beharren die alte Welt mit ihren Zeichen, die Simons in Gestalt von toten Tieren auftauchen lässt, mit Schauergeschichten von Tod und Geistern, von etwas „Lebigen“, das im Deichbau geopfert werden muss. Gleich im ersten Bild stehen alle aufgebaut neben Barbara Nüsse als sterbender Trien Jans, die neben dem Unglücksboten Carsten (Rafael Stachowiak) das Unheil des Deichbruchs voraussieht.

Diese Szene wird sieben Mal mit jeweils veränderter Aufstellung gespielt. Sie ist ein ketzerischer Gedanke: Gibt es wirklich einen Fortschritt? Ein dramaturgischer Kunstgriff, der dieser Inszenierung allerdings etwas Lehrstückhaftes gibt, eine pädagogische Schwere, die in Storms Novelle ohnehin strapaziert wird. Simons erzählt klug vom Scheitern und vom Selbstopfer Hauke Haiens, vom Aufbruch in die moderne Naturwissenschaft, der nicht aufzuhalten ist, und der zugleich die alten Fragen offen lässt. Musik von Jimi Hendrix ertönt in der letzten Szene. Gotteslästerung?

Leichtfüßiger geht Jan Bosse in seiner Adaption von „Der Spieler“ mit der Liebessuche um. Auf der kleineren Bühne in der Gaußstraße sei, so Bosse, mehr Platz für Raumexperimente, folglich sitzen wir Zuschauer auf gepolsterten weißen Barhockern mitten in Stéphane Laimés Bühnenbild. Umgeben von bodenlangen, silbern schimmernden Vorhängen mit üppigen Volants, aus denen die Schauspieler von allen Seiten kommen, sind wir Teil des Spielsalons mit Music-Box, Flügel und Roulette auf dem Deckel. Jonas Landerschier ist gleichzeitig Croupier, was manchen Slapstick erlaubt. Offene Sektflaschen und jede Menge Theatergeld tun das übrige. Das Geräusch der rollenden Kugel läuft durch die Lautsprecher, aber ansonsten erlebt man auch hier Schauspiel pur.

Wunderbar, wie sich Sebastian Zimmler als Hauslehrer Alexej in eine Mischung aus großspuriger Verachtung der anderen Protagonisten und verletzlicher Liebe zu Polina (Alicia Aumüller) stürzt. Zimmler beherrscht mühelos das Schwanken in Extremen. Zweifel an der Integrität kommen schnell allen Besuchern dieses Spielsalons, dem General (Stephan Bissmeier) in Rot, dem Marquis des Grieux und dem Engländer Mr Astley (Steffen Siegmund) in schillernden Anzügen, weißen Lackschuhen und dezentem grauen Nagellack (Kostüme: Kathrin Plath).

Hier ist sozusagen die lustige Gegenwelt des Schimmelreiters versammelt. Man beschimpft sich, erzählt Witze über Engländer, Russen und Franzosen – auch das Publikum wird mal beleidigt. Aber vor allem reden Alexej und Polina aneinander vorbei, dass es weh tut. Höhepunkt des ersten Teils ist der unerwartete Auftritt von Karin Neuhäuser als reicher Tante mit grauer Turmfrisur und russischem Akzent, deren Ableben sehnsüchtig vom General erwartet wird. Die Tante gewinnt Unsummen mit dem Setzen auf „Zero“ und jagt schließlich zum Verdruss der Erben „10 000 Rubel in Kamin“.

Die Schmierenkomödie löst sich jedoch auf, wenn das Publikum nach der Pause wieder aus der üblichen Ferne auf das Geschehen blickt. Alexej hat plötzlich Glück, stopft sich aus mit Geld und bekommt eine Liebeserklärung von Polina, doch verspielt er seine Liebe wie einen Geldschein. Auch Bosse lässt seinen Helden untergehen, aber der schreit immer noch, dass es diesmal nicht mit nichts enden solle.

Thalia Theater, Hamburg: Schimmelreiter: 2., 10., 18., 26. Dezember.

Thalia Gaußstraße: Der Spieler: 2., 3., 23., 27., 28. Dezember.

www.thalia-theater.de

Auch interessant

Kommentare