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Wen Hui beim Tanzfestival Rhein-Main – Die Haltung bewahren

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Von: Sylvia Staude

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Die doppelte Wen Hui, im Video und auf der Bühne. Foto: Lin Yinjun
Die doppelte Wen Hui, im Video und auf der Bühne. Foto: Lin Yinjun © Lin Yinjun

„I am 60“, ein zartes, aber auch feministisches Stück der chinesischen Choreografin Wen Hui beim Tanzfestival Rhein-Main.

Als die chinesische Choreografin, Tänzerin, Dokumentarfilmerin Wen Hui sechzig wurde, beschloss sie, ein Stück für ihre Mutter (und für sich) zu machen – und nannte es schlicht „I am 60“. Im Laufe des gut einstündigen Solo-Abends ist zu sehen, wie Wen Hui (in einem Video) mit ihrer offensichtlich fitten und gut gelaunten Mutter tanzt. Die ältere Frau führt, denn das konnte sie schon immer richtig gut, sagt sie, ihr Mann dagegen nicht. Er ist auf einem Familienbild zu sehen, das zur Hochzeit entstand, aber Männer spielen in „I am 60“, das stark mit Projektionen, auch mit Ausschnitten aus alten chinesischen Filmen arbeitet, keine Rolle – außer, dass Frauen ihre Gewalt zu ertragen haben.

Im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main gastierte Wen Hui mit „I am 60“ jetzt im Mousonturm. Beeindruckend ist ihre konzentrierte Präsenz als Tänzerin, dies auch im Halbdunkel oder vor Konkurrenz machenden Filmbildern. Wen Hui arbeitet überwiegend mit langsamen, kleinen Bewegungen, einer peniblen Führung der Hände etwa, als bedenke die Ausführende gleichzeitig ihr Tun. Sie setzt Fuß vor Fuß und biegt sich behutsam. Ihre Arme sind erhoben, ihre Finger krabbeln ihr gleichsam voran. Sie nimmt einen Mikroständer mit fahlgelber Glühbirne und biegt sich erneut, das Licht liegt auf ihrer Brust. Später tanzt über ihr eine große Stoffbahn im Licht wie von einem Sturm erfasst.

Das Erstaunliche an „I am 60“ ist, dass es ein zwar recht stilles, aber durch und durch feministisches und dabei deutliche Worte sprechendes Stück ist. Bald begreift man, dass die Ausschnitte aus Schwarz-weiß-Filmen so gewählt sind, dass die Gesichter der Darstellerinnen zum Leuchten kommen. Bald begreift man, dass das kurze Gespräch einer alten Frau mit einem Mann, in dem kein Name fällt, aber von einer Sie die Rede ist, die keine Kinder wollte, hinführt zu einer Interview-Sequenz, in der Wen Hui von ihrer Abtreibung erzählt, die ohne Betäubung vorgenommen wurde. Und nach der sie zum Ballettunterricht radelte.

Statistische Angaben zu China werden eingeblendet. Sie beziehen sich auf das Lohngefälle (das sich von dem in Deutschland gar nicht sehr unterscheidet), auf die Gewalt gegen Frauen (alle sieben Sekunden etwa wird eine Frau misshandelt), darauf, dass Frauen weniger verdienen, aber Tag für Tag mehr Arbeit leisten. Das wirkt nicht wie eine Agitation; spürbar aber ist die Entschlossenheit Wen Huis, in diesem autobiografischen Stück ihr Leben einerseits als Beispiel zu nehmen (auch ihren untreuen Mann), andererseits den Fokus auf ihre benachteiligten Landsfrauen zu richten. In „I am 60“ sind sie schön und aufrecht, Haltung bewahrend.

Tanzfestival Rhein-Main: bis 13. November. www.tanzfestivalrheinmain.de

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