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Es geht um absolut alles: Eröffnungssitzung der "Generalversammlung" in der Berliner Schaubühne.

"Generalversammlung"

Wo die Weltgesellschaft steht

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Milo Raus großartige "Generalversammlung" in der Berliner Schaubühne löst nicht ein einziges Problem, bringt uns aber auf den fast aussichtslosen Stand der Dinge.

Freitagabend zwei Stunden, Samstag zehn Stunden, Sonntag neun Stunden, abzüglich jeweils zweimal einer halben Stunde Pause. Vorträge – fünf bis zehn Minuten – und noch einmal jeweils ein paar Minuten für Nachfragen. Das war das Programm. „Generalversammlung“ hieß die Veranstaltung. Es sprachen Wissenschaftler über die Notwendigkeit einer globalen, demokratischen Institution, eines Weltparlaments. Es wurde gestritten darüber, ob es besser sei, den bestehenden Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu reformieren oder durch einen völlig neuen zu ersetzen.

Es gab aber auch Berichte aus den Produktionsstätten der Welt, die uns zum Beispiel mit Kleidung oder Phosphat versorgen. Berichte aus den Minen Südafrikas, es sprachen Katalanen und Kurden, Griechen und Brasilianer. Alle Betroffenen, die sonst kein Mitspracherecht haben, sollten in dieser „Generalversammlung“ Gehör bekommen. Auch Tiere und Pflanzen, die Weltmeere, die Atmosphäre sowie die Hervorbringungen unserer Technik. Auch die Cyborgs hatten ihren Fürsprecher. Der Traum einiger der Veranstalter war wohl, ins Weltparlament das Parlament der Dinge zu integrieren.

Ort der Handlung war die Berliner Schaubühne. Milo Rau hatte das Weltparlament hierher eingeladen. Eine gigantische logistische Leistung, eine einmalige Performance, in der ergreifende Schilderungen von erlittener Gewalt, von jahrelanger Beharrlichkeit einander ablösten. Der Zynismus der Mächtigen wurde sichtbar, die Verzweiflung derer, denen man ihr Land geraubt, die Männer erschossen und die Frauen vergewaltigt hatte.

Gestern Griechenland, heute Flüchtlinge, morgen Korea

Dazwischen ein Katalane, der fand, dass Heil und Weh seiner wohlgenährten, gänzlich unbedrohten Existenz daran hing, Katalane und nicht etwa Spanier zu sein. Der Kurde, der von der Niederwalzung ganzer Dörfer durch die türkischen Behörden, von Massenerschießungen seiner Mitbürger berichtete, saß neben einem Mann, der fand, dass Erdogan die Kurden befreit und der Türkei erstmals Demokratie gebracht habe. In den Gefängnissen der Türkei säßen Menschen, die im Verdacht stünden, an der Vorbereitung terroristischer Taten beteiligt gewesen zu sein.

Es gehörte zum Programm der Veranstaltung, alles auf einmal zur Sprache zu bringen. Wir sagen gerne, jeden Tag würde eine andere Sau durch die Nachrichten gejagt. Also gestern Griechenland und der Euro, heute die Flüchtlinge und morgen Korea. Hier waren wir mit allem im 10 Minuten-Takt konfrontiert.

Nein, es war nicht alles. China etwa war nicht vertreten. Russland nur mit einer Person. Wenn ich niemanden übersehen habe. Die Generalversammlung schloss weit mehr als ein Drittel der Menschheit aus und vertrat flächenmäßig nur einen Bruchteil der von Menschen bewohnten Erde.

Es war eine Performance. Also nicht einfach eine Aneinanderreihung von Vorträgen, obwohl sie genau das war. Die Geschwindigkeit, mit der die Vorträge einander ablösten, produzierte Gleichzeitigkeit. Es entstand ein Bild unserer Lage. Ihrer Verzwicktheit, ja der Eindruck ihrer Ausweglosigkeit. Die südafrikanische Minenarbeiterin erklärte, dass ihrer Familie, ihren Kollegen das Abwerfen der Herrschaft der Weißen nichts gebracht habe. Sie habe ein Joch gegen ein anderes getauscht.

Wer sie allerdings sah und ihr zuhörte, der bekam eine Ahnung davon, was neben Ausbeutung und Unterdrückung, neben Folter und Gewalt noch unsere Epoche charakterisiert. Thumaka Magwangqana begann leise zu berichten vom Bergarbeiterstreik in Südafrika 2012. Ihre Stimme wuchs. Am Ende füllte sie die Schaubühne und erreichte wohl jeden einzelnen der 500 Menschen im Saal. Schon indem sie davon erzählte, wie sie zu einem Objekt erniedrigt wurde, wurde sie zu einem Subjekt. Aus einem Opfer zu einem Souverän ihrer Geschichte. Dazu ist eine Bühne, dazu ist Theater da.

Eine Hetzjagd, denn überall spitzt sich alles zu

Während ich diesen Artikel schreibe, während Sie ihn lesen, das war in der Schaubühne zu lernen, sterben nicht nur Menschen, damit wir billige Smartphones, Schuhe, Socken haben, sondern es erheben auch immer mehr Menschen ihre Stimmen, wehren sich. Hören auf, nichts als Opfer zu sein.

Die Potentaten sind nicht mehr allein. Sie müssen sich die Souveränität teilen. Nicht mehr nur mit Großmächten, Wirtschaftsführern, Kirchen und Mafiosi. Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Tierschützer und Sprecher der Maulwürfe stellen sich ihnen in den Weg. Überall auf der Welt. Auch einzelne können viel bewirken. Manal al-Sharif ist die Frau, die sich in Saudi Arabien beim Autofahren filmen ließ. Der Film kam ins Netz. Er war der Virus, der dem Fahrverbot den Garaus machte.

Milo Raus großartige Veranstaltung zeigte: Wir brauchen keine Weltregierung, kein Weltparlament, sondern die Vervielfachung der Souveräne und deren Bereitschaft, Fähigkeit und Macht, sich miteinander auseinanderzusetzen. In immer neuen Konstellationen. Eine der wichtigen Auseinandersetzungen in der Schaubühne war die zwischen jenen, die eine Intervention fremder Mächte zum Schutz der Bevölkerung forderten, und denen, die davon ausgingen, dass solche Interventionen stets mehr Schaden als Nutzen bereiten. Das waren keine Debatten von Politikern und Politologen – das waren sie auch –, sondern von Menschen aus Syrien und dem Kongo. Dessen Vertreter sprach auch davon, dass sein Land nicht an seiner Armut, sondern an seinem Reichtum zugrunde gegangen sei. Die Probleme sind nicht nur vielfältig, sondern widersprüchlich. Sie sind durch Kompromisse nicht lösbar. Jedenfalls nicht durch Kompromisse in einem Weltparlament.

Die Performance in der Schaubühne gab sich als eine Generalversammlung, die über Anträge abstimmte. In einem undemokratischen Tempo. Keine Zeit für Debatten, für den Austausch von Argumenten, geschweige denn für die Abwägung, wie Antrag 3.1 mit Antrag 2.3 zusammenzubringen wäre. Die Zuschauer bekamen die Parodie eines Parlamentes vorgeführt, eine Hetzjagd durch Hunderte von Fragen und Probleme. Von der Klimakatastrophe bis zur über alle Kontinente führenden Nahrungskette. Die Hetzjagd war nötig, denn wir haben keine Zeit. Überall spitzt sich alles zu. Dabei war von Atombomben, chemischen und biologischen Waffen und deren Verbreitungsmöglichkeiten noch gar keine Rede. Nirgends ist ein Ausweg in Sicht. In immer mehr Staaten wird der Ruf nach dem einzelnen starken Mann laut. Immer mehr einzelne starke Männer werden immer besser bewaffnet einander gegenüberstehen und einander – zum Beispiel – die Krim stehlen.

Milo Rau weiß das. Darum hat er eine Generalversammlung einberufen. Sie ist nicht die Lösung. Sie zeigt uns, dass es keine Lösung gibt, sondern nur Schritte in richtige oder doch wenigstens hoffnungsvolle Richtungen. Sehr unterschiedliche, sehr gefährliche Schritte auch. Es wird so bald kein Europa der Regionen geben, also auch kein unabhängiges Katalonien. Aber wie lange wird es noch Europa geben? Sicher noch die nächsten zehn Jahre. Aber wie wird es da aussehen? Niemand weiß das. Wir haben keine Ahnung, wie die Institutionen der Zukunft aussehen werden. Es sei denn, wir helfen mit dabei, sie aufzubauen. Das ist die wichtigste Lektion dieses Theaterabends.

Eine andere ist: Theater kann besonders schön sein, wenn es keines ist. Und besonders schön, wenn es nicht einmal das ist.

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