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Cristina Pasaroiu als Rigolettos Tochter.

Staatstheater Wiesbaden

Die Welt der Unbehausten

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Uwe Eric Laufenberg inszeniert „Rigoletto“ in Wiesbaden ganz ohne Blut- und Meuchelorgien.

Keine Vorlage für Schaurigkeiten samt regielichem basso sexissimo bietet in der Neuinszenierung der Staatsoper Wiesbaden Giuseppe Verdis „Rigoletto“. Der Hofnarr, Profiteur und Agent Provocateur im Dienste einer wölfischen Lebewelt, der meint, sein Heiligstes in Gestalt der Unschuld seiner Tochter bewahren zu können; das kurzzeitige Auflodern einer tiefergehenden Liebe des Herzogs; der Auftragsmörder, der auch eine Ehre hat; die Geschändete, die sich für den Täter opfert. Das hat Intendant Uwe Eric Laufenberg nicht als platte Schwarz-Weiß-Zeichnung verwirklicht.

Palazzo im Stil des Vittorio-Emanuele-Empire, bescheidene Hinterhausfensterfront und Wohnwagen im Abbruchgelände (Bühne: Gisbert Jäkel) sind die Schauplätze einer glamourösen, häuslich zurückgezogenen und zerfallenden, unbehausten Welt. Zuletzt ist der Ort eine Mülltonne, in der die erstochene Gilda landet. Ein zwingendes Bild für die aus dem Weg zu räumenden Abfälle, an denen Täter wie Opfer ihren Anteil haben.

So war es mit allen szenischen Abläufen des Wiesbadener Abends: keine Blut- und Meuchelorgien, sondern zunächst ausgelassene, ein bisschen zynische jeunesse dorée, smart und fesch. Der Herzog und seine Entourage kaum sozial markiert: adrette Casual-Garderobe, beim Ball mit dem weiblichen Hostessen-Schwarm mal etwas exzentrischer, ansonsten immer unauffälliges up-to-date. Allein die Clowns-Figurine, mit der Rigoletto im Salon agiert und dann, wie als Gag, die jungen Hofmänner nach der Entführung seiner Tochter als Society-Clowns-Zentauren, haben symbolischen Wert (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer).

Eindrücklich der zweite Akt in der Wohnung Rigolettos und Gildas, wo der Zuschauer durch die Fenster der Hausfassade beobachtender Teilnehmer ist. Zuletzt, beim Gewitter auf der Abraumhalde wie expressives Informel über ein dunkles Wolkenbild Blitz-Repetitionen zu den gellenden Holzbläser-Intonationen.

Der Abend ist maßgeblich auch einer des Dirigenten. Will Humburg, aus seiner Zeit in Darmstadt noch in bester Erinnerung, hat am Premierenabend eine packende, wie im Feuer gehärtete und zugleich glühende Interpretation vorgelegt. So wie Verdi mit der Figurenanlage im „Rigoletto“ das Feld dialektischer Artikulation betritt, so ist auch seine musikalische Sprache erweitert. Man muss nur, wie Humburg das tut, Spannung in den musikalischen Zugriffen halten, dann wird Profil und Reichtum der dabei doch immer griffig bleibenden Klangbildungen evident. Gut war es, den Orchesterleiter mit seiner weit ausladenden Gestik am unteren Bühnenrand immer im Auge zu haben: verkörperter Verdi-Klang akustisch wie optisch.

Ein Glücksfall, auch für die Differenziertheit der Regie, war die Stimme Vladislav Sulimskys in der Rolle der Titelfigur. Ein schwerer, gebrochener, zwischen Dumpfheit und Aufbäumen sich bewegender Mann. Mit einem exponierten, das Herbe streifenden Bariton, der alles an Ausdruck ermöglichte. Sehr schön und auch zur Belcanto-Figuration befähigt, der Sopran von Cristina Pasaroiu als Rigolettos vergewaltigte Tochter. Der Herzog Ioan Hoteas, wunderbar geschmeidig und durchaus ein Sympathieträger, bot einen klaren und strahlenden Tenor, der im Fortissimo noch etwas überzogen und in der Intonation dann übersteuert war. Brillant der von Albert Horne perfekt einstudierte Herrenchor in ebenso schlagkräftiger wie artistisch ausgetüftelter Schönheit.

Staatstheater Wiesbaden: 23., 26. Januar, 1., 6., 9., 17. Februar.
www.staatstheater-wiesbaden.de

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