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Die Scheibe dreht sich unablässig, das schreitende Schleichen ist meistens auch ein Nicht-vom-Fleck-Kommen.

Salzburger Festspiele

Die Welt sind zwei Scheiben

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Ulrich Rasche lässt Aischylos? "Perser" in Salzburg schonungslos im Kreis gehen.

Dies ist ein vierstündiger Zustand der Fassungslosigkeit und des Entsetzens, und noch bevor die Nachricht kommt, die diesen Zustand hervorruft, ist schon alles geschehen und unabänderlich. Vorher wäre es änderlich gewesen, auch das gehört zum gähnenden Abgrund, der sich in Aischylos’ Tragödie „Die Perser“ auftut. Das Debakel ist gottgewollt, aber menschgemacht. Sicherheitshalber und genussvoll wird darauf hingewiesen: Der Perserkönig Xerxes, jung und unerfahren, hat sich von den Griechen übers Ohr hauen lassen. Die Griechen waren schlau, aber der Perser war dumm. 

Genussvoll? Süßer ist der Sieg, wenn man sich die Niederlage des Gegners ausführlich vor Augen hält, jeder noch so dämliche Fußballfan kennt und praktiziert das. Der Grieche Aischylos stellte seinem Publikum in diesem Fall eine Schlacht vor Augen, die wenige Jahre zuvor, 480 v. Chr., stattgefunden hatte, die Schlacht bei Salamis, später zum großen Sieg des Abendlandes über Asien stilisiert, damals ein auch tagespolitisch wichtiger Befreiungsschlag gegen die benachbarte Großmacht. 

So imposant es ist, wie Aischylos sich in die Lage der Besiegten hineinversetzt – hat er nicht sogar Mitleid mit ihnen?, aber hat nicht auch Mitleid eine anrüchige Seite, die der Demütigung? –, so offenkundig ist die Wehklage der anderen der Zuckerguss auf dem eigenen Erfolg. Den man nicht eigens aussprechen muss, kein Grieche tritt auf, kein Griechenname wird genannt, aber keine Frage bleibt offen, wenn man dem besiegten Feind zuhört. Herrlich, wie dieser die eigene zahlenmäßige Überlegenheit hervorhebt, wie er staunt, wie die Griechen das hinbekommen haben. Herrlich, wenn man ein Grieche ist. 

Alles ist schon passiert. Xerxes’ Mutter hat schlecht geträumt, gerne lässt sie sich nun trösten, aber sie selbst, Patrycia Ziolkowska, und der Ältestenrat, Valery Tscheplanowa und Katja Bürkle, die das alles erklären können, wissen es im Grunde bereits besser. Auch ihre Körper wissen es im Grunde bereits besser. Auf einer großen Drehscheibe schleichen sie mehr, als dass sie zeremoniell schreiten, auch wenn es zunächst fast noch so aussieht. Die Scheibe dreht sich unablässig, das schreitende Schleichen ist meistens auch ein Nicht-vom-Fleck-Kommen. Aber wohin sollte es auch gehen? 

Die drei tragen Schwarz, keine andere Farbe kommt für die Kostüme von Sara Schwartz infrage. Die Hände der drei sind leer und haben nichts zu tun. Sie haben auch insgesamt nichts zu tun. Sie warten. Sie schleichen im Kreis. Aber die Schlacht ist vorüber, gleich kommt der Bote, und Ulrich Rasche hat seine unerbittliche Bühnenmaschinerie eben erst anlaufen lassen. 

„Die Perser“ ist, nichts anderes erwartet man von dem Regisseur und Bühnenbauer, eine spektakuläre Inszenierung, die als Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt auch im hiesigen riesigen Schauspielhaus Wirkung erzielen wird. Bei den Salzburger Festspielen im Landestheater ist das Hereinragen der Bühne in den Zuschauerraum dafür womöglich noch bedrängender, geradezu apokalyptisch angesichts des netten Interieurs. Die Scheibe, auf der Ziolkowska, Bürkle und Tscheplanowa den gesamten Abend über Präsenz zeigen müssen und dies auch mit einem irren Halten der Spannung tun, hängt fast vollständig in den Saal. Dahinter auf der Bühne, auch das erwartet man und ist doch wieder begeistert, schimmert früh noch etwas anderes hervor, wird erst schemenhaft sichtbar, dann in seinen Ausmaßen: Eine zweite Drehscheibe, auf der die jungen Soldaten der Perser festsitzen, die zahllosen Toten und Todgeweihten und der jammervolle Rest. Hierhin wechselt nachher auch Valery Tscheplanowa mit einem Schritt, wenn sie nach der entsprechenden Beschwörung als Geist des Dareios auftritt. Eine fabelhaft gestaltete Szene, tatsächlich könnte der Geist von Xerxes’ Vater in den Landsmann gefahren sein, Tscheplanowa nun mit freiem, in weiße Farbe getauchtem Oberkörper und wie an ein Luftkreuz genagelt. 

Rasche schafft im Riesenspektakel immer Platz für große Einzelauftritte, auch Patrycia Ziolkowska bekommt Raum als trauernde Atossa und für das schillernde Umschaltspiel, wenn sie wider alle Gram glücklich ist, dass ihr Sohn lebt. Alle sind ja tot – Namen über Namen gefallener Helden werden genannt, gelistet –, aber das Jüngelchen Xerxes nicht. Das macht es noch schlimmer, aber nicht für die Mutter. Die Mutter will, dass ihr Kind lebt, in Ziolkowskas Gesicht lesen wir es nach. 

Wie sieht es in Xerxes aus? Das ist nicht leicht zu beurteilen. Xerxes hat noch nicht begriffen, was passiert ist und dass es wegen ihm passiert ist. Rasche, eisig, kommentiert das nicht, lässt Xerxes durch eine Dreierbesetzung (Max Bretschneider, Torsten Flassig und Johannes Nussbaum) im unindividuellen Bereich reiner Textwiedergabe allein.

Ebenfalls wie erwartet stehen im Zentrum jedoch Massenszenen, für die Rasche keine Massen benötigt, sondern einen gewieften Beleuchter (Johan Dealere), schlagwerkbetonte Hollywoodmusik (von Ari Benjamin Meyers), eine auf die Seiten verteilte, ohne Unterlass beschäftigte Combo (musikalische Leitung: Nico van Wersch), zwei Sänger (Guillaume François und Arturas Miknaitis) und 15 junge, ansehnliche, an die Scheibe geseilte Schauspieler. Auf der hinteren, dramatisch sich in Schräglagen begebenden Scheibe marschieren und sprechen sie hingebungsvoll im Chor. In auf Sprechbühnen selten geprobten Crescendi – ein effektvoller Umgang mit der Tatsache, dass sich in „Die Perser“ nichts entwickelt, da ja bereits alles passiert ist – geht es hin zur Schlachtbeschreibung, nachher hin zur Wehklage, die ganz am Ende nur zum Schweigen zu bringen ist, indem das Licht ausgeschaltet wird. 

Der Verlauf der Schlacht, der ein viel zu leicht gelungener Betrug von griechischer Seite vorausgeht, ist durch diesen umso grausiger. Die Perser, „befehlsgewohnt“, rudern diszipliniert in ihr Unglück und meinen noch, morgen gehöre ihnen Griechenland. Denn in Salzburg wird die moderne, klug aktualisierende „Wiedergabe“ von Durs Grünbein verwendet, das heißt deklamiert. Ungeheure Wirkung erzielt das sonst manchmal naturgemäß fade werdende Deklamieren, wenn die jungen Soldaten im Kreis Richtung Tod laufen, nicht überengagiert, aber als wären sie unaufhaltsam, und was den Tod betrifft, sind sie das auch. Für die Schlacht teilt sich der Chor, Schlagworte beider Seiten werden donnernd skandiert (die Ohrstöpselausgabe scheint trotzdem übertrieben, man muss heute wohl mit allem rechnen). Dann der Zusammenstoß, das Taumeln und Stürzen, kurze Zeit wird nicht geredet, sondern gefallen. Gesichter junger Männer sind in raffiniert dezenten Großaufnahmen (Video: Philip Bußmann) zu sehen. 

So, und das ist jetzt nicht so angenehm: Rasche zeigt hier trotz allem schöne, wilde, faszinierende Szenen, und die Trommel schlägt den Takt dazu, obwohl doch allgemein bekannt ist, dass der Krieg erbärmlich ist, und ein Morden ohne Rhythmus. Rasche bleibt ganz bei Aischylos. Aischylos ist kein Pazifist. Es geht in „Die Perser“ nicht darum, keinen Krieg zu führen, sondern darum, Krieg zu führen, den man dann gewinnt. Den Griechen ruft er zu, sich künftig nicht gleichfalls zu übernehmen. Das Publikum heute trifft auf Schritt und Tritt auf die Mechanismen von Propaganda und Irrleitungen, von den Folgen verblödeter Politik und kollektivem Größenwahn, aber es darf seine Schlüsse selbst ziehen. Zu dem Eindruck, einen reifen Abend zu sehen, trägt das bei. Ein paar Zuschauern war es in der Pause genug, am Ende gab es großen Jubel. 

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