+
"Die Schauspieler verkörpern Ambivalenz", sagt ihr Regisseur Peter Staatsmann.

"Komödie des Populismus"

"Da weiß auch der AfDler nicht mehr, woran er ist"

  • schließen

Peter Staatsmann, Intendant in Rottweil, über eine "Komödie des Populismus" und was ein Theater vielleicht erreichen kann.

Herr Staatsmann, was ist komisch an Pegida, AfD und Identitären?
Eine ganze Menge. Für uns war ein Bezugspunkt Molière. Als er seine Komödien schrieb, war die politische Konstellation der heutigen nicht ganz unähnlich. Zu seiner Zeit waren es zwar noch die Adligen, die über die stabilste Identität verfügten. Das betraf Lebensstil, Kultur, Sachverstand in künstlerischen Fragen und vieles andere. Dem tragikomischen Typus des Bürgers aber ist es schon bei Molière mitgegeben, dass er nach all dem strebt, es aber nicht hat. Er kreist um diesen Identitätsmangel herum und gerät dabei in allerlei komische Verwicklungen.

Und heute?
An der Stelle des Adels steht heute etwas, das man als reife demokratische Kultur bezeichnen könnte, also das etablierte, vorherrschende Denken und Handeln. Es durchdringt uns jedoch keinesfalls alle und nicht vollständig, und so leidet die bürgerliche Identität Mangel und wird dann eben anfällig für Angebote bestimmter politischer Richtungen, Religionen oder auch politischer Religionen. Am anfälligsten sind natürlich diejenigen, die den Mangel am stärksten empfinden und ein bisschen hysterisch werden. Also diejenigen, die ängstlich nach etwas greifen, das den Identitätsmangel ausfüllt und sie zur Ruhe bringen könnte.

Bei Molière haben Sie zwei Klassen genannt, den Adel und das aufstrebende, aber verunsicherte Bürgertum. Lässt sich die heutige Situation ebenfalls anhand einer Klassenstruktur beschreiben?
Es zeigt sich eher, dass sich die Anfälligkeit für Vereinfachungen, Milchmädchen-Rechnungen und Brachiallösungen, wie sie zum Beispiel die AfD bietet, über die Klassen und Schichten hinweg ausbreitet. Wir leisten uns als Gesellschaft seit Jahren eine wachsende Klasse von „überflüssigen“ Menschen, die ich ebenso lange schon versuche im Theater zu ihrem Recht kommen zu lassen, und aus ihr kommen zweifellos viele „Verführte“.

In Ihrem Stück gibt es ganze Passagen, die aus ideologischen Versatzstücken der neuen Rechten bestehen, von Spekulationen über das Temperament dunkelhäutiger Menschen bis zur „Fortpflanzungsstrategie“ der Afrikaner. Dieses Denken wird sozusagen vorgespielt, wenn auch komödiantisch überspitzt…
…das wird allerdings sehr wohl gebrochen, und zwar schon durch die Tatsache, dass wir uns im Theater befinden. Wenn diese ideologischen Versatzstücke von lebenden Figuren wiedergegeben werden, wirken sie noch einmal ganz anders. Wir machen das nicht als Karikatur, nicht so überspitzt und auf Schenkelklopfer ausgerichtet, wie auch Molière in Deutschland leider oft gespielt wird. Da würde die Ambivalenz des wankenden Bürgers verloren gehen. Sondern die Schauspieler verkörpern genau diese Ambivalenz. Und als Zuschauer, der sich mit den Figuren auf der Bühne identifiziert, tauche ich in die Situation ein. So entsteht ein Moment von Öffentlichkeit, in dem die politischen Inhalte noch einmal ganz anders greifbar werden, als wenn ich sie zum Beispiel lese.

Was kann diese Form von Theater beim Publikum erreichen?
Wir sind daran interessiert, dass die Leute in diesen Sumpf mit hineingeraten, auch diejenigen, die sonst nichts damit zu tun haben. Es soll so sein, dass man am Ende nicht mehr weiß, was vorne und hinten ist. Unsere Figuren driften zum Teil in einen Totalitarismus ab, der sowohl fasziniert als auch irritiert. Dahinter steckt das Verlangen, wieder heroisch zu sein in einer postheroischen Gesellschaft, in der selbst ehemalige Linke auf ganz rechte Positionen wechseln, um wieder „heroische“ Haltungen finden zu können. Das geht auf der Bühne an die Grenze des Komischen, wenn sich zum Beispiel einer der Protagonisten in die mythischen Räume der großen Kämpfe um die Weltherrschaft hineinfantasiert. Aber auch er bleibt ein Mensch mit allen möglichen Widersprüchen.

Wen meinen Sie mit den Linken, die nach rechts gewechselt sind?
Da gibt es natürlich Figuren wie den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler oder auch Jürgen Elsässer, einen der publizistischen Köpfe der neuen Rechten. Aber manchmal ergreift ja auch uns aufgeklärte Linksliberale der Überdruss an der political correctness. Die Dinge, um die es da geht, zum Beispiel bei der Gleichstellung von Frauen, sind natürlich Fortschritte. Aber vielleicht sind wir noch nicht so weit. Wir verlieren alte Haltungen und Einstellungen und Rollenmuster und haben noch keinen adäquaten Ersatz.

Können Sie das genauer beschreiben?
Es gibt ja auch auf der Linken noch diesen Typen, der vielleicht um sich herum viel Aufklärung schafft, aber mit seinem Narzissmus noch lange nicht fertig ist. Ich habe genug linke Regisseure erlebt, die der Überzeugung waren, dass Frauen das nicht genauso gut könnten. Dieser Typus macht seinerseits eine eigene kleine totalitäre Szene auf, wenn auch in Abgrenzung zu den Rechten. Und er verliert den Kontakt zu denjenigen, die abzudriften drohen.

Lässt sich das auf die Politik übertragen?
Mir scheint, dass längst ein Kommunikationsbruch stattgefunden hat zwischen den „Hochqualifizierten“, Parlamentarier inklusive, und Leuten, die ihnen nicht mehr folgen können oder wollen. Sie lassen sich auf Vereinfachungen ein, weil die Belastungen, zumindest die subjektiv empfundenen, so vielfältig geworden sind. Das reicht dann bis zu der Fantasie, die Verfechter des Fortschritts und der political correctness hätten uns die Gaskammern untergeschoben. Da wird sichtbar, was in der Fluchtlinie der aktuellen Entwicklungen liegt. Dieser Geschichtsrevisionismus hat ja längst seine Institutionen und Publikationen, und das kann einen schon unruhig machen.

In Ihrem Stück gibt es eine Video-Einspielung mit dem Schauspieler Wolfram Koch, der als Coach der AfD-Spitze auftritt, aber hinter dieser Maske eigentlich eine Analyse rhetorischer Manipulationsmethoden vorträgt. Das sieht ein bisschen nach erhobenem Zeigefinger aus.
Wir wollten an einer Stelle zeigen: Hier befinden wir uns jetzt, und wir erkennen spätestens nach der Bundestagswahl alle, dass es sich wohl um ein dauerhaftes Phänomen handeln wird. Da erklärt einer, wie es geht, wenn man nach rechts abdriftet und vielleicht andere mitnimmt. In der Realität sind das ja alles keine Proleten, sondern eher Professoren, und was sie tun, ist letztlich eine durchkalkulierte Inszenierung, die auf einem genau berechneten Einsatz von Halbwahrheit und Lüge basiert.

Eine der Protagonistinnen sagt in Ihrem Stück: „Glaubt doch endlich mal an euch selbst“. Steckt darin dann doch ganz ernst gemeint eine Alternative zu den völkischen Ersatz-Identitäten?
Ja, aber es geht hier auch um das Theater selbst. Es ist ja im Neoliberalismus auch ein Stück weit geschleift worden. Die alten Strukturen mit verantwortlichen Leitern und fest angestellten Regisseuren und Schauspielern sind zu großen Teilen in eine Art Jahrmarktsbetrieb überführt worden. Regisseure sind oft nur als Gäste da und trauen sich dann nicht, zu experimentieren, weil es nur um den schnellen Erfolg geht.

Was hat das nun mit „Glaubt an euch selbst“ zu tun?
Man hätte ja das Theater und auch andere Institutionen benutzen können, um Demokratie lebendig zu machen. Jetzt sind wir schon eine ganze Weile dabei, solche Strukturen preiszugeben. Aber wir wollen auch die Gesellschaft als ganze fragen: Wo bleibt unser Selbstvertrauen als Demokraten? Warum nehmen wir die Dinge nicht wieder in die Hand? Wie werden wir zu einer Gesellschaft, die sich mit sich selbst verständigt und darin stark wird? Die auch zu den Institutionen steht, die es dafür braucht? Da versuchen wir schon, den Blick auf die Auslieferung von Politik und Gesellschaft an den Markt zu lenken. Das kennen wir natürlich alle, aber als Theater können wir es vielleicht spürbar machen.

Und Sie glauben, dass das funktioniert?
Ja, wenn man es nicht wiederum im Theater einkapselt oder zähmt oder entschärft. Oder auch zum Kult erklärt wie bei Dimiter Gotscheff oder Einar Schleef. Auch das kann Zähmung sein: Schleef hat man mit Preisen überschüttet, als man ihn nicht verhindern konnte. Dem müssen sich Künstler immer wieder entwinden, um Fragen und Verwundungen spürbar zu machen. Es scheint, als ginge es um die Stilllegung künstlerischer Potenziale, die sich gesellschaftlich wirksam zeigen könnten.

Sie zeigen Ihr Stück in Rottweil, einem idyllischen Städtchen mit 25.000 Einwohnern und mehr als 13 Prozent AfD-Wählern bei der Bundestagswahl. Ist es nicht frustrierend, dass Sie da nicht einmal auf heftigen Widerstand stoßen?
Nein. Wenn wir die Sache als eindimensionale Karikatur der Rechten angelegt hätten, wäre das vielleicht passiert. Aber es ist, wenn auch Komödie, ein Theater, das bei allem Lachen Zerreißungen und Spannungen zeigen und die Tragödie spürbar bleiben lassen will. Wir haben immer mal wieder ein paar Zuschauer, wo man merkt: Die wollen sich eigentlich distanzieren. Aber es fehlt ihnen die Handhabe, denn sie werden ja in die Verstrickungen und Widersprüche selbst hineingezogen. Da weiß auch der AfDler nicht mehr, woran er ist. Und wenn ich nicht genau weiß, woran ich bin, muss ich selber etwas tun – das ist ja der Sinn des Theaters.

Und was könnte es bestenfalls bewirken?
Vielleicht haben wir ja in ein paar Jahren ein paar tragische Figuren, die sich dann wieder für das Theater eignen. Zum Beispiel die Abgeordneten der AfD.

Das Interview führte Stephan Hebel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion