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Verschlingungswunsch, exerziert von Sesede Terziyan, Margarita Breitkreuz, Kenda Hmeidan.

Gorki

Wegen Umbauarbeiten außer Kontrolle

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Zwei Theaterabende über die Tragik des Erwachsenwerdenmüssens: "Drei Milliarden Schwestern" in der Berliner Volksbühne und "Außer sich" im Gorki-Theater.

Am Wochenende hatten zwei Theaterpremieren mit Menschen zu tun, die erwachsen werden müssen. Die sich losreißen und verlieren, auf eine Reise gehen und nicht ankommen. Die sich mit ihrer geschenkten Zufallsexistenz in dieser Welt nicht abfinden und mit großer Tapferkeit in den Kampf ziehen. Die Thematik ist im Gorki mit „Außer sich“ als einsamkeitsstürzendes Problemtheater auf die Bühne gekommen und in der Volksbühne mit „Drei Milliarden Schwestern“ als euphorisierende Kollektivoper.

Obwohl. Auch in der Volksbühne stehen Probleme an und ist jemand sehr allein: Mit 200 000 Kilometern pro Stunde stürzt ein Komet durch das Nichts, ein vom Zufall geworfener galaktischer Stein, der blind und ohne Gefühle auf die Erde zurast und sie vernichten wird. Keine Gefühle? Der Komet hängt, in Gestalt der 13-jährigen, schwarzzopfigen Lucia Itxaso Kühlmorgen Unzalu, im weiten Volksbühnenrund und besingt mit klarer Mädchenstimme sein Schicksal. Selten sprechen Ankündigungstexte die Wahrheit, aber dieser Komet singt tatsächlich mit der versprochenen „unverschämten Traurigkeit“. Das Sinfonieorchester des Händel-Gymnasiums drängelt sich im Orchestergraben und begleitet den Kometen wie ein Feuerschweif voller Anmut und Pathos. 

Bonn Park (Text und Regie) und Ben Roessler (Komposition) haben mit P 14, dem Jugendensemble der Volksbühne, diese Oper für die große problembeladene Bühne entwickelt. Es ist die erste Eigenproduktion unter der kommissarischen Leitung von Klaus Dörr. Das absolut furchtlose, anspruchsvolle, verspielte Großkunstprojekt – mit Ouvertüre, fünf Akten und Zwischenspielen –, geht auf Tschechows „Drei Schwestern“ zurück. Es spielen neun Mädchen mit, die gerade zu Frauen werden. Eingeweihte wissen, dass das mit einer aufwendigen neuronalen Neuverschaltung einhergeht, und in der Tat tragen diese Mädchen schwer an sperrigen Gehirnen. Hier und da steigt Qualm aus den Hirnfurchen auf, Spannungen lösen sich in Konfettiexplosionen. Bei aller vorgeschützten Abgeklärtheit machen die rumpelnden Großschädel ihre Trägerinnen in den Körperproportionen wieder zu staunenden, wackelkopfigen Kleinkindern. 

Gut, dass sie sich nicht so viel vorgenommen haben, außer erst einmal in Ruhe Tee zu trinken. Und zu überlegen, ob man leben will. Und falls man sich dazu durchringt, wie dann die Welt vor dem Kometen zu retten wäre. Bei alledem beklagen sie ihr fortgeschrittenes Alter (bis zu 19 Jahren!), ihre Vergesslichkeit, die Sinnlosigkeit der Gegenwart – ganz im Geiste Tschechows, allerdings singend. Und wie prächtig und gar nicht nur schön! 

Es gibt einen ganzen Belcanto-Akt – auf Italienisch, wie es sich gehört – in dem die Mädchen zur Tat schreiten. Also einander singend ausmalen, wie sie zur Tat schreiten würden, wenn es so weit käme: Erst ausschlafen, dann um den See joggen, ein ausgewogenes Frühstück zu sich nehmen, spätestens um zehn in schicken verglasten Büros mit vielen Monitoren Weltrettungspläne konzipieren, aber bloß nicht zu lange bleiben, wegen der Work-Life-Balance. 

Dazu kommen herrlich kranke Depressionsballaden, jubilierender Zwölfton-Weltschmerz mit Paukenwirbel und Beckenschlag, todessehnsüchtige und dabei gutgelaunte Pop-Nummern. Schauen Sie sich sofort die Elektroversion von „Three Billion Summers“ im Internet an und schämen Sie sich Ihrer Tränen nicht! 

Ein Selbstmord-Channel wird mit großer Rücksicht betrieben: Der junge Zuschauer solle, bevor er sich selbst umbringt, unbedingt die Eltern töten, um sie zu schonen. Zarte Rufe verhallen im Nebel, Wutschreie dringen aus Grabkammern – und ein seltsamer, ratloser, nie ganz verzweifelter Humor beschenkt Erwachsene mit einer Unsicherheit, die sie in die eigene Umbauphase zurückversetzt. Ängste, Größenwahn und Sinnsuche – alles, mit dem man sich arrangiert zu haben glaubte, ist noch da. Man ist nicht allein, sondern hat drei Milliarden Schwestern! Der Komet kann kommen, man möchte ihm entgegenfliegen und ihn in die Arme schließen. 

Ali, die Erzählerin und Hauptfigur in Sasha Marianna Salzmanns Roman „Außer sich“, will sich mit ihren Ängsten und ihrem Größenwahn nicht arrangieren. Sie sucht ihren verschwundenen Zwillingsbruder in Istanbul, stößt dabei auf ihre jüdische Familiengeschichte, die sie wie ein Fluch aus alten Mythen verfolgt. Sie versucht auszubrechen, sucht die Entgrenzung, rennt gegen Selbstzweifel und Übermächte an, verliebt sich mit gieriger Hast und Unbedingtheit, ändert ihr Geschlecht und arbeitet sich tief in ihre Probleme hinein. 

Das Erzählen ist schwierig, wenn das Subjekt an der eigenen Identität herumbaut und ungreifbar bleibt. Wie soll man jemanden an sich heranlassen, der sich einerseits in seiner Autonomie verbarrikadiert und sich andererseits bis zur Selbstauflösung geliebt wissen will. Gibt es diesen Zwilling? Oder ist er ihr narzisstisches Spiegelbild, dem Ali nachjagt, dem sie sich in allerdings sehr konkreten Inzestszenen hingibt? Ein kluges, leidenschaftliches Romandebüt, in dem Salzmann bis in die Grammatik hinein diese Auflösungssehnsüchte und Ich-Findungsschwierigkeiten durcharbeitet. Es ist ihr Lebensthema. 

Salzmann ist Hausautorin im Gorki-Theater, das nun eine Adaption von Sebastian Nübling auf die Bühne brachte. Es liegt nicht nur an seinem abstrahierenden, zugleich körperbetonten, zunehmend horrorclownesken Inszenierungsstil, dass man glaubt, die Szenen schon gesehen zu haben – es ist auch nicht das erste Mal, dass Salzmanns autobiografische Inspirationen zum Gegenstand dieser Bühne werden. 

Der von Magda Willi entworfene Raum ist mit Kunststoffplatten gerahmt, wie man sie von Busbahnhöfen oder anderen Nicht-Orten kennt, und bis auf eine Spiegelwand leer. Es wird viel getanzt und gezappelt vor und hinter diesem Spiegel, die Figuren können dank der Beleuchtung nicht nur die gespiegelten Welten, also zwischen Schein und Sein wechseln, sondern tauchen auch als klischeehafte Zombie-Ahnen unverhofft aus der Vergangenheit auf. Alles ist flüchtig und fragmentiert. 

Ali/Anton tritt in der Doppelverkörperung der Spielerinnen Sesede Terziyan und Kenda Hmeidan auf. Mit diesem auf sich selbst bezogenen Zweifachwesen haben es nicht nur die Eltern (Anastasia Gubareva,   Falilou Seck) schwer. Auch die mit brutal romantischem Furor gesuchte Liebe (etwa zu dem/der drogenverzappelten Katho von Margarita Breitkreiz) gerät zum Gewirr aus Verschlingungswunsch und Bestätigungssucht, die eigentlich nur in der Auflösung oder Einvernahme des Gegenübers erfüllt werden können. Das ist die ohnehin schon schwer auszuhaltende Tragik des Romans. In der beliebigen Verwirrungsroutine der Inszenierung führt sie zur Ermattung. Die Identifikationslust sinkt, die Figuren werden immer fremder – das macht die Sache auch für den Zuschauer sehr einsam.

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