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„Warten auf heute“ in der Oper Frankfurt: Hie wird kein zweites Mal gelebt

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Von: Judith von Sternburg

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Sie sind jung und zanken rum: Die Frau und der Mann, Elizabeth Sutphen und Sebastian Geyer, in „Von heute auf morgen“.
Sie sind jung und zanken rum: Die Frau und der Mann, Elizabeth Sutphen und Sebastian Geyer, in „Von heute auf morgen“. © Barbara Aumüller

Kein Trost, aber großes, kluges, wirkungsvolles Musiktheater: Die Oper Frankfurt zeigt den Schönberg- und Frank-Martin-Abend „Warten auf heute“.

Arnold Schönbergs Musik konnte sich inzwischen weitgehend aus der Schreck-lass-nach-Sphäre einer Überforderung lösen und ins Segment respektierter E-Musik wechseln. Die Ironie, dass sie damit eine prächtige Position in der Gegenwart verpasst hat und von der Zukunftsmusik direkt zum Klassiker wurde, mag mit einer Bequemlichkeit des Publikums und des Betriebs zusammenhängen. Ein mephistophelisches „Von Zeit zu Zeit hör’ ich den Alten gern“ befriedet jedenfalls die Lage.

Ein Echo hat diese Ironie wohl bloß zufällig in dem schönen Titel, den die Oper Frankfurt für ihr neues Schönberg-Projekt wählte. „Warten auf heute“ dürfte sich eher auf die anstrengende Verbindung eines Sich-noch-Sehnens und Schon-wieder-unzufrieden-Seins beziehen, die zeitlich auf engstem Raum zusammentreffen und das Leben vieler ansonsten nicht strapazierter Menschen in der Moderne prägen. Und während er darauf wartet, dass die Dinge in Übereinstimmung kommen – in einem „echten“ Heute –, ist das Leben schon wieder vorbei.

Verbunden werden in Frankfurt nicht Schönbergs drei Einakter, die alternativ zum „Moses und Aron“-Fragment die Möglichkeit zu einem abendfüllenden Schönberg-Musiktheater bieten (nicht dass das häufig gemacht würde, aber es gab den Versuch). Stattdessen wurde unter Auslassung von „Die glückliche Hand“ etwas Neues probiert: Dem 1930 in Frankfurt uraufgeführten Einakter „Von heute auf morgen“ folgt das Instrumentalstück „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ (ebenfalls 1930). Nach der Pause grätscht Frank Martins Liederzyklus „Sechs Monologe aus ,Jedermann‘“ (in der orchestrierten Fassung von 1949) mit sakral harmonischer Wucht dazwischen. Schönbergs einaktiges Monodram „Erwartung“ (1909 entstanden, 1924 uraufgeführt) stellt dem einsamen Jedermann-Bariton einen einsamen Sopran gegenüber.

Der Sopran kreiselt traumatisiert um die verzweifelte Suche nach dem Geliebten und um etwas Unaussprechliches (der Geliebte ist tot, hat sie ihn womöglich selbst umgebracht?). So wirkungsvoll ist das in Musik gefasst, dass das älteste Stück zugleich das bis heute krasseste ist. Das jüngste, die Monologe des Schweizers Martin, bieten immerhin die Abfederung durch Frömmigkeit. Davon kann in „Erwartung“ keine Rede sein.

Im zweiten Teil des Abends also ein Mann und eine Frau, die am Ende sind, und die das Publikum am Anfang in „Von heute auf morgen“ als jüngeres Paar kennengelernt hat. Im Orchesterstück hat es sich entfremdet. Jetzt sind sie alt geworden. Das ist der geschickte und unforcierte Dreh, den Regisseur David Hermann (direkt kurz vor der Premiere erkrankt und darum beim Applaus nicht auf der Bühne) und Dirigent Alexander Soddy sich mit ihrem Team überlegt haben.

Zusammengehalten wird das durch Jo Schramms Bühnenbild, ein einfaches helles Holzhaus, ein leeres Riesenpuppenhaus. Auf drei Drehscheiben kann es still und geschmeidig in surreale Hausfragmente zerlegt werden. Einerseits spiegelt sich darin die Demontage von Lebensentwürfen und Sicherheiten, eine langsame Explosion scheinbar stabiler Zustände. Andererseits ist es auch einfach sehr gut zu bespielen, ein ungewöhnlich dimensioniertes Puzzle, bei dem die Teile, die Scheiben auch jederzeit wieder in ein Häuschen zurückverwandelt werden können.

Das Bespielen des gesamten Gespensterbaus findet vor allem im ersten Teil statt, „Von heute auf morgen“. Elizabeth Sutphen und Sebastian Geyer sind das jüngere Paar, junge und bewegliche Körper und Stimmen. Letztere zugleich mit raumfüllendem Volumen, Sutphens Sopran strahlend und bei Bedarf zickig und zackig, Geyers Bariton sonor und charaktervoll. Denn es geht rund. Nach einer Abendgesellschaft kehren die beiden leicht angetrunken, überdreht, erschöpft zu Haus und Kind zurück und streiten nach Pärchenart. Er ist entzückt von einer anderen Frau, die eigene scheint ihm nun hausmütterlich und uninteressant. Sie lehrt ihn Mores, indem sie sich kurzfristig in eine so aufreizende wie wurschtige Femme fatale verwandelt. Sibylle Wallum hat sich einen originellen Kostümzauber dafür überlegt, die bizarre Zerlegung des braven Negligés entspricht dem Zerlegen des Hauses.

Zudem zeigt sich, dass die Frau ihrerseits von einem Sänger angeflirtet worden ist. In jeder Hinsicht gewinnt sie die Oberhand im Ehezank, auch wenn es sich um eine Art Fricka-Sieg handelt, indem die Männerfantasien nicht entkräftet, aber doch als alltagsinkompatibel entlarvt werden. Und eine Frau anscheinend nur entweder Familienmutter oder Luder sein kann. Hermann aber ironisiert das aufs Witzigste. Der Auftritt von Freundin und Sänger, die sich das Pärchen doch noch angeln wollen, ist der Auftritt zweier Zombies, Brian Michael Moore und Juanita Lascarro als grandiose Schauergestalten, gegen die sich das Paar zur Wehr setzen muss. Ein Höhepunkt: die eingeklemmte Hand des Zombies fällt ab, aus dem Stumpf raucht es schaurig. Alle Reste von bürgerlicher Moral (man muss sich eben bescheiden) sind in reinen Irrwitz transferiert. Und das verschreckte Paar findet noch einmal zueinander.

Für die „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ projiziert Schramm raffiniert Farbe und Realismus auf Haus, Busch und Baum. Man sieht das Paar nun beschleunigt durch die Jahre (und Moden) traben, morgens nimmt der Mann das Kind mit, abends kehrt die Frau vom Einkauf mit ihm zurück. Dann der Streit, den wir durchs Fenster beobachten. Die Frau zieht aus. Der Mann bleibt mit dem Sohn zurück. Das Haus verlottert, am Ende tritt nicht mehr Geyer, sondern Johannes Martin Kränzle vor die Tür.

Ist es schrecklich, älter zu werden? Schönbergs Musik droht und wetterleuchtet, Soddy lässt sie auch so spielen, spannend, intensiv. Der Kontrast zur alltäglichen Handlung besteht wie schon in „Von heute auf morgen“, wo die Leichtigkeit musikalisch ebenfalls Behauptung ist. Auch im ersten Teil des Abends geht es um den Schrecken, und die Zombies sind nicht der schlimmste.

Schlimm ist die unerbittliche Vergänglichkeit, die Schwierigkeit zusammenzusein, das Drama der Trennung und Einsamkeit. Wie konnten sie so achtlos sein? „Hie wird kein zweites Mal gelebt“, singt Jedermann nachher Hugo von Hofmannsthals Text.

Denn nach der Pause geht es um den Tod und um zwei große reife Stimmen, einen großen Darsteller, eine große Darstellerin. Kränzle ist immer noch in dem Haus. Der Mann wird hier irgendwie versorgt (die Plastikbehälter fürs Essen: ein trostloser Berg), aber mit seinen Monologen ist er unfassbar allein, ein Alleinsein, das Kränzle mit seinem zurückhaltenden Spiel beglaubigt. Er zeigt das Gesicht eines Menschen, der weiß, dass ihn niemand mehr sieht. Dass die Musik schön ist, groß ist, groß gesungen, groß musiziert, hilft nichts. Jedermann bricht zusammen, die Sanitäter können nichts mehr für ihn tun. Niemand wird ihn vermissen.

Nun kommt aber, „Erwartung“, auch die Frau wieder am Haus an, allein in ihrer Nacht, und ist jetzt Camilla Nylund, in wallendem Schwarz, die Stimme licht, auffahrend, hochexpressiv. Zwischen den Schatten am Haus wird man den (vorgesehenen) Wald nicht vermissen, und auch hier stößt die Frau entsetzt auf die Leiche des Mannes. Vielleicht ist es ihr Mann, den sie gesucht hat, ein halbes Leben lang. Trost darf man an diesem Abend nicht erwarten.

Oper Frankfurt: 20., 28., 30. Januar, 2., 5., Februar. www.oper-frankfurt.de

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