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Siebzig Jahre „Warten auf Godot“: Samuel Beckett und sein Kampf gegen die Bourgeoisie

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Von: Arno Widmann

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Auch Sir Ian McKellen (l) hat schon auf Godot gewartet. Hier mit Roger Rees.
Auch Sir Ian McKellen (l) hat schon auf Godot gewartet. Hier mit Roger Rees. © afp

Vor siebzig Jahren fand in Paris die Welturaufführung von „Warten auf Godot“ statt. Auch heute entfaltet der Widerstreit zwischen Tragik und Komik noch seine ungebremste Wirkung.

Frankfurt - Niemand ahnte, was mit diesem Stück passieren würde. Eine Reihe Pariser Bühnen hatten eine Aufführung abgelehnt. Welches Publikum würde sich schon dafür interessieren, zwei Landstreichern beim Nichtstun zuzusehen? So kam es zur Uraufführung eines der erfolgreichsten Theaterstücke des 20. Jahrhunderts im Théâtre de Babylone in Frankreich.

Es stellte sich heraus, dass das „Warten auf Godot“ etwas, von dem man nicht wusste, was es war, ob es überhaupt war, einen Nerv der Zeit traf. Auf den Ersten Weltkrieg folgten die Revolutionen. Nach dem Zweiten zerbrechen zwar die Kolonialreiche, aber in den Zentren des Kolonialismus war Ruhe. Trügerisch und unheimlich.

Das Theaterstück „Warten auf Godot“ feiert Jubiläum

Aber auch komisch und erheiternd, die Geschichte schien nach Millionen Toten Sendepause zu haben. Ein glücklicher Augenblick, könnte man denken, wenn zu ihm nicht auch das Hinwegsehen über das gerade erst Getane und Erlittene gehörte.

Die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir sind displaced persons, Überlebende einer Katastrophe, sie überlegen zwar immer wieder, sich aufzumachen, aber jedes Mal entscheiden sie sich doch dafür, lieber zu warten – auf was oder auf wen auch immer. Nichts liegt ihnen ferner als die Idee, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Unterhaltung folgt auf Völkermord: Theaterstück „Warten auf Godot“ traf den Nerv der Zeit

Der reiche Pozzo unterbricht die postapokalyptische Idylle, führt große Reden und peitscht seinen Knecht Lucky über die Bühne. Ein Ereignis, das einbricht in die Eintönigkeit des Wartens. Damit die Erinnerung an Ausbeutung und Gewalt sie nicht überwältigt, aber auch um das Warten weniger langweilig zu machen, erfinden die beiden Landstreicher Spiele.

Auch darin wird eine Welt sich wiedererkannt haben, die nach den erlittenen und verübten Völkermorden endlich wieder unterhalten werden wollte. Adorno, ein großer Bewunderer Becketts, betrachtete damals – auch aufgrund seiner amerikanischen Erfahrungen – die Kulturindustrie als wesentlichen Teil des von ihm beschriebenen Verblendungszusammenhangs.

Theater und Haute Couture: Was Christian Dior mit Becketts „Warten auf Godot“ zu tun hat

Im Jahr 1967 veröffentlichte der Situationist Guy Debord „La Société du spectacle“. Darin beschrieb er eine Gesellschaft, die die Menschwerdung des Menschen hintertrieb, indem sie ihn mit Brot und Spielen bombardierte. Debords Buc wurde zu einem der Stichwortgeber nicht nur der Pariser Studentenproteste.

Als Beckett 1948 sein Stück zu schreiben begann, feierte Christian Dior Triumphe mit seinem „New Look“. Mit neu hatte das wenig zu tun. Es war die Wiederentdeckung der Haute Couture, ein Hoffnungszeichen, dass nach Massenmord und Massenarmut wieder ein Reichtum entstehen könnte, der wieder Zeit, Geld und ein gutes Gewissen hätte für die Pflege des Luxus und der Moden. Die Theater, die „Warten auf Godot“ abgelehnt hatten, werden das nicht alle aus klassenkämpferischen Erwägungen gegen den „Defätismus“ des Stücks getan haben. Sie werden auch auf ihr Publikum gesehen haben, das die Premieren wieder nutzte, um die neueste Mode auszuführen.

„Warten auf Godot“: Ein Theaterstück gegen die neue Bourgeoisie

„Warten auf Godot“ ist das Kontrastmittel, das Samuel Beckett dieser neuen Bourgeoisie, für die Dior seinen New Look entworfen hatte, entgegen schleuderte. Das Stück hat nicht nur mit der Erfahrung des Untergangs zu tun, sondern auch mit dem Wissen darum, wie Menschen damit umgehen.

Huizingas „Homo ludens – Der Ursprung der Kultur im Spiel“ war 1938 erschienen. In „Warten auf Godot“ fördern Spiele nicht die Freiheit, sondern sie befestigen die Gefangenschaft der Landstreicher in ihrer Situation. Gleichzeitig aber geben sie ihnen die Möglichkeit, sich abzulenken von ihr.

Theaterstück „Warten auf Godot“ im Spannungsfeld zwischen Tragik und Komik

Man kann die Hilflosigkeit, mit denen an den Gittern gerüttelt wird, ohne einen Versuch zu unternehmen, sie einzureißen, als tragisch oder als Ausdruck einer grundsätzlichen Verlorenheit betrachten. Man kann sie aber auch komisch, chaplinesk erheiternd finden. Die frühe Rezeption des Stückes schlug sich gerne auf die eine oder die andere Seite. Wie so oft sollten wir auch hier das „oder“ durch ein „und“ ersetzen.

Der Streit darum, ob man in „Warten auf Godot“ lachen darf oder nicht, ist längst entschieden. Die Qualität einer Inszenierung steht und fällt damit, wie weit es ihr gelingt, die Ausweglosigkeit und die Komik, die ja gerade in ihr liegt, gleichermaßen deutlich zu machen. Verstärkt das eine das andere, dann ist mein „Warten auf Godot“ geglückt. Ob das so auch Beckett vorschwebte, weiß ich nicht. Aber zu den schönsten Seiten des Erfolgs eines Werkes gehört doch auch, dass es dem Autor entgleitet. Wir machen uns selber unsere Reime darauf.

Samuel Beckett bringt in „Warten auf Godot“ das Unglück der Realität ins Theater

Zum Beispiel als Estragon und Wladimir erklären: „An dieser Stelle und in diesem Augenblick sind wir die Menschheit, ob es uns passt oder nicht“, kann man sie das in einem heiligen Ernst sagen lassen, als Einsicht in die Lage der Menschheit. Man kann es sie aber auch zum Publikum hin sagen lassen, zu den teuren Abendgarderoben, und schon ist klar, die beiden sind nicht die ganze Menschheit und wenn sie sich das einbilden, hat das etwas Lächerliches, die Realität total Verfehlendes.

Oder aber erinnern sie daran, dass der Ort Theater dazu geschaffen wurde, uns fern zu halten von der Realität, die ganz wesentlich aus solchen Unglücksfiguren wie Estragon und Wladimir besteht? Im Kasperletheater freuen sich die Kinder, wenn Kasperle mit seiner Klatsche auf das Krokodil einschlägt. Jedes Scheitern von Laurel und Hardy ließ die Zuschauer bersten vor Lachen. Je mehr seine Charaktere scheitern, desto größer der Erfolg des Komikers. Becketts Diktum „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern“ muss man sich als einen Clownsauftritt in einer Manege vorstellen und nicht als Ausdruck der Verzweiflung. (Arno Widmann)

Auch in Frankfurt war „Warten auf Godot“ schon zu sehen.

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