Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Das unschuldige Glück, chancenlos: Thekla und Max Piccolomini, Maria Wördemann und Lukas Schrenk. Foto: Karl und Monika Forster
+
Das unschuldige Glück, chancenlos: Thekla und Max Piccolomini, Maria Wördemann und Lukas Schrenk.

Schiller

„Wallenstein“ am Staatstheater Wiesbaden: Vorwärts oder lieber doch nicht

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
    schließen

Das Staatstheater Wiesbaden nimmt sich Zeit für Schillers „Wallenstein“. Das lohnt sich.

Vieles, das meiste, was zum modernen menschlichen Miteinander in halböffentlichen, das heißt zumeist beruflichen und politischen Zusammenhängen gehört, wurde in Friedrich Schillers „Wallenstein“-Stücken vor 230 Jahren sehr genau beschrieben und erklärt. Wie Offenherzigkeit, Begeisterung und Motivation in Enttäuschung, Wut und Resignation umschlagen können. Um nicht altmodisch von Treue und Verrat zu sprechen, denn Schiller ist nicht altmodisch, auch wenn er solche Begriffe verwendet. Wie mit dem Druck auch sofort die nackte Angst kommt und die größten Heißsporne vom grenzenlosesten Anpassungswillen an die neue Situation erfasst werden. Wie andere aber auch einfach Nein sagen. Wie sich kluge Menschen selbst belügen. Wie mutige Menschen etwas wollen und es vielleicht doch nicht wollen und daraufhin nichts tun. Wie die Überredungskünste, wie sprachliche Fähigkeiten alles in das Gegenteil dessen verwandeln können, was es vorher zu sein schien.

Bei Schiller sind es die Überredungskünste einer Frau – ein Kommentar, wie er über solche Künste denkt, nobel sind sie nicht –, in Wiesbaden ist es Sybille Weiser, die als Gräfin Terzky bravourös vormacht, wie es geht. Das hängt damit zusammen, dass Sybille Weiser ruhig und schön redet und redet, unbeirrt, unablenkbar. Wallensteins Vertraute, Christian Klischat als Terzky, Matze Vogel als Illo, wollen dazwischen, fürchten Schlimmes. Sybille Weisers Gräfin – vom Multitasking keineswegs überfordert – redet und redet weiter. Die Männer mit den langen Leitungen haben es dann auch irgendwann verstanden. Und Wallenstein glaubt der Gräfin, weil er ihr glauben will.

Ein Außerirdischer würde anhand von „Wallenstein“ begreifen, wie der Mensch funktioniert. Man muss sich fragen, wie es dem Menschen selbst, vom „Wallenstein“ ja ganz begeistert, möglich war, daraus so wenig für die eigene Praxis abzuleiten.

In Wiesbaden kommt es gewissermaßen zu einer „Wallenstein“-Entfaltung. Viereinhalb Stunden inklusive der Pause, das ist lang. Aber Regisseur Nicolas Brieger und Dramaturgin Anika Bárdos haben trotzdem recht, weil die allmähliche Verfertigung des Gedankens beim Sprechen von Schiller genial vorgeführt wird und weil dazwischen Platz sein sollte für Keilereien und Musik. In einer Eskalation binnen Sekunden fallen die Wallensteinschen Generäle übereinander her. In einer Seitenloge steckt der Bänkelsänger Bernhard Moshammer und erinnert mit heiteren Liedchen daran, worum es hier eigentlich geht: den Krieg, den unvorstellbare 30 Jahre anhaltenden.

Wie für einen Shakespeare

Raimund Bauer hat die Bühne eher wie für ein Shakespeare-Stück eingerichtet. Eine Spielfläche, nach der Pause mit verbrannter Erde bedeckt, wurde in den Zuschauerraum des Großen Hauses gebaut. Das Publikum sitzt rundherum, auch auf der Bühne – hier mit Blick in den prächtigen Saal –, das Ensemble spielt zu allen Richtungen. Eine wuchtige Metallstange über die Bühnen-Tribüne erweist sich als Rohrpost. Jedes Mal ein Rasseln und Scheppern, das die Abwesenheit von Waffen ganz vergessen lässt. Auch die Kommunikation im Krieg ist ein grobes Geschäft.

Außer Wallensteins Thronsesselchen gibt es einfache rote Sitzkisten, Andrea Schmidt-Futterers Kostüme dazu in dezentem Grau, aber militärisch für die hier wahrlich dominante Männerwelt von einst. Heute sind auch der Zuschauerin das Herumgezacker und der Bierkonsum der Militärs nicht mehr fremd, eher schon die stille Hingabe von Thekla, wobei Maria Wördemann unverhohlen eine ernste Frau von heute zeigt. Wie sollte Max Piccolomini, Lukas Schrenk, ihr widerstehen, dem einzigen anderen jungen Menschen weit und breit in einer ausgelaugten Erwachsenenwelt? Brieger zeigt zwei Königskinder und hat auch sonst Zeit, die Figuren sich ausbreiten zu lassen.

Die Ruhepole: Jürg Wisbach als wie eine Auster verschlossener Ottavio Piccolomini und der Titelheld, Tom Gerber. Mit Wallensteinbart, aber nicht alt. Kein Großschauspieler, ein Mensch, für den man sich jäh interessiert.

Zwischendurch immer wieder einmal ein Spezialeinfall, ein starkes Schlussbild (Wallensteins Grab), aber vor allem überzeugt das Theater hier in seiner Reinform. Menschen spielen, sie wären andere Menschen. Wir schauen zu, allein mit unseren Gedanken.

Staatstheater Wiesbaden: 8., 10., 15. Oktober, 5., 10., 14., 27. November. www.staatshteater-wiesbaden.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare