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Nitsch-Szenario als Kulisse für „Die Walküre“.
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Hermann-Nitsch-Szenario als Kulisse für „Die Walküre“ in Bayreuth.

„Ring 20.21“

„Die Walküre“ und „Immer noch Loge“ in Bayreuth: Farbenrausch, Fischwesen

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Ein „Walküre“-Experiment mit Hermann Nitsch und eine kecke Was-danach-geschah-Oper beim komprimierten „Ring 20.21“ in Bayreuth.

Der vom vergangenen aufs nächste Jahr verschobene Bayreuther „Ring“ ist in dieser Saison trotzdem als Chimäre auf dem Festspielhügel präsent. „Ring 20.21“ heißt das Projekt, vierteilig wie die Tetralogie.

Der zentrale Bestandteil ist eine konzertant aufgeführte „Walküre“, zu der der 82-jährige Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch im Hintergrund und im großen Stil Farbe auf Leinwände bringen lässt. Das erstaunlichste Stück ist die Uraufführung von Gordon Kampes lose ans „Rheingold“ geknüpfter Oper „Immer noch Loge“ am und im Weiher vor dem Festspielhaus.

Eine konzertante „Walküre“ mit einer Nitsch-Parallelaktion. Die Beteiligten tun auf erfrischend ehrliche Weise zu keinem Zeitpunkt so, als gäbe es einen Zusammenhang. Zwei selbsterklärte Gesamtkunstwerker, Nitsch und Richard Wagner, schaffen sich Platz in unterschiedlichen Dimensionen. Vorne – selbstverständlich vorne – steht das „Walküre“-Ensemble in schwarzen Kutten und mit Holzstühlchen, dahinter sind Nitschs Mal-Assistentinnen und -Assistenten damit befasst, einerseits von einer oberen Galerie aus Farben an einer bühnenbreiten Leinwand herunterlaufen zu lassen, andererseits unten Farben literweise über eine Leinwand zu kippen. Nicht umsonst heißt der dpa-Text dazu „Platsch“, denn während einer Aufführung ist mancherlei zu hören, aber diesmal eben, egal, was die Musik gerade treibt: immer wieder ein Platsch.

Eine Einmaligkeit (Dreimaligkeit): „Die Walküre“ in Bayreuth

Das Publikum wird die zwischenzeitlich dominierenden Farbtöne Dunkelgrau oder Leuchtendrot – die Bitternis, der Tod, die Liebe, das Feuer – unschwer auf Vorgänge in der Oper beziehen können. Nachher erinnern aber eine Frau am Kreuz oder ein Jesus mit Monstranz daran, dass Nitsch naturgemäß nicht daran denkt, sich von Wagner vorschreiben zu lassen, was er auf der Bühne zeigen soll. Die Einmaligkeit (Dreimaligkeit) des Vorgangs macht sie aber zum Erlebnis, das im ersten Aufzug insgesamt noch am dürftigsten wirkt, im zweiten dann mehr Schwung hat.

Das liegt aber an der Musik als eigentlichem Motor des Abends, an dem nur Wagner obsiegen kann. Und dem Anfang fehlt es deutlich an Spannkraft, obwohl Lise Davidsen und Klaus Florian Vogt singen. Sie eine sensationelle Sieglinde, eine Sieglinde im Größenformat einer innigen, lyrischen Brünnhilde. Er mit Kraft und Höhe und zugleich mit dieser immer wieder erstaunlichen Vogt-Naivität, ein Siegmund wie ein Parsifal, der überhaupt nicht zu wissen scheint, was hier los ist, und er weiß es ja auch nicht. Dass der Akt dennoch nicht zündete: Man ist geneigt, die Ursache bei dem ein wenig lahmen Dirigat des Finnen Pietari Inkinen zu suchen, nicht bei den dahinfließenden Nitsch-Farben.

Im Mittelakt nimmt die „Walküre“ Fahrt auf

Im eigentlich unattraktiveren Ehe-Hin-und-Her des Mittelakts nimmt auch das Orchester mehr Fahrt auf. Christa Mayer ist eine außergewöhnlich kraftvolle Fricka, Tomasz Konieczny (als Ersatz für den spät abgesprungenen Günther Groissböck) ein großer, noch nicht ganz durchkultivierter Wotan, der aber dann auch Kondition und Schönheit für den Schluss mitbringt. Iréne Theorin singt Brünnhilde problemlos. Je mehr alle ins Spielen kommen desto besser. Die stille Gleichmut der kleinen Mal-Truppe (die nachher schauen muss, dass sie nicht ausrutscht auf dem Farbgeglitsche) steht lieber in einem reizvollen Kontrast zu den Gefühlsaufwallungen, als sie zu unterstützen.

Nitsch wurde bei der Premiere trotzdem ausgebuht. Buhs gab es auch für das Dirigat, was mehr Bedeutung hatte unter dem Aspekt, dass der 41-jährige Inkinen im nächsten Jahr den neuen „Ring“ dirigieren wird und tatsächlich Luft nach oben war. Mit der Akustik kam er gut zurecht.

Vor der „Walküre“: „Immer noch Loge“ am Teich auf dem Festspielhügel von Bayreuth

Schon am Vormittag aber, wenn auch nicht im Festspielhaus, der Coup von „Ring 20.21“. Gordon Kampes „Immer noch Loge“ ist eine Auftragsarbeit, auf einen Text des Schriftstellers Paulus Hochgatterer erarbeitete der 1976 geborene Komponist wagemutig und intelligent ein Stück darüber, wie es nach dem Weltenbrand, dem Zurückstellen der Lage auf „Rheingold“-Ursprungsniveau weitergehen könnte. Wagners Musik spielt dann offenbar keine große Rolle mehr, Kampe zitiert (fast) nicht, er schafft vor allem ein ganz eigenes, mit Richard-Strauss-Kantilenen und Paul-Dessau-Drive lockendes Werk.

Habjan-Puppen für „Immer noch Loge“ am und im Teich des Festspielhauses in Bayreuth.

Umgesetzt wird es zur Uraufführung von Puppenspieler Nikolaus Habjan, dessen Erda vom Rollstuhl aus mit großer Klappe singt, vor sich am Fuß einer Rampe Richtung Teich der Käfig, in dem der verkohlte, aber untote Loge als Weltanzünder vom Dienst auf sein Urteil durch die Frauen wartet. Die Rheintöchter, eine scheint verstorben, schwippern im Teich. Stephanie Houtzeel, Daniela Köhler (am Abend Waltraute und Helmwige) und Günter Haumer singen zunächst vom Ufer aus, nachher werfen sie sich mit Elan und Effekt ins Geschehen. Habjan interpretiert den bereits vielschichtigen Hochgatterer-Text noch einmal eigenwillig als neuerlichen Albtraum. Fesselnd.

Waren das jetzt nicht nur zwei Teile? Der für alle sichtbarste Bestandteil ist die Park-Installation der in Berlin lebenden Japanerin Chiharu Shiota, die die Nornenfäden aus der „Götterdämmerung“ unter dem Titel „The Thread of Fate“ in Szene setzt. Blutrote, ineinander verkeilte Riesenringe, in und um die ein blutrotes Fadennetzwerk gezogen wurde.

Bayreuth und die Zukunft

Der zukunftsweisende Teil ist der VR-Brillen-Drachenkampf, den der US-Amerikaner Jay Scheib unter dem Titel „Sei Siegfried“ während der Pausen und nach den „Walküren“ anbietet – umso interessanter, als Scheib, wie Katharina Wagner soeben ankündigte, den „Parsifal“ für 2023 inzenieren soll.

Das Ausmaß, in dem die Festspielchefin nach vorne schaut, selbst wenn sie mit Nitsch auch nach hinten schaut (aber doch etwas zeigt, was noch nie zu sehen war), das Ausmaß, in dem sie also liefert, was sich für die Richard-Wagner-Festspiele gehört, wird zunehmend offenbar. Zumal wenn man die aktuellen Inszenierungen der „Meistersinger“ und des „Tannhäuser“ dazunimmt, hinter deren Lebendigkeit und innovativer Leistung zurückzufallen immer ein kleines Problem für Nachfolgeproduktionen sein wird. Die Bayreuther „Ringe“ schleppen dieses Problem seit 1976 mit sich. Wie wird sich der dann endlich mögliche „Ring“ von Valentin Schwarz 2022 behaupten?

Bayreuther Festspiele: „Immer noch Loge“ und „Walküre“ am 3., 19. August. www.bayreuther-festspiele.de

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