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„Walküre“: Der Walhall-Clan

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Von: Judith von Sternburg

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Brünnhilde und Wotan tollen herum.
Brünnhilde und Wotan tollen herum. © Thomas Jauk, Stage Picture

Peter Konwitschny startet an der Oper Dortmund mit der „Walküre“ einen deutlich entmythologisierten Ring.

Der Feuerzauber am Ende der „Walküre“ ist im Bild so oft unter- oder überbelichtet, dass Peter Konwitschnys Variante in ihrer Einfachheit und Kraft verblüfft. Während Brünnhilde auf einem Steg über dem Orchestergraben schläft und Wotan nach Loge ruft, ihn heranpfeift, erscheinen links und rechts auf der Bühne wie von ungefähr je drei Harfen hinter den weggezogenen schwarzen Tüchern, sechs Harfenistinnen greifen also sichtbar in die Saiten, der rote Vorhang schließt sich und noch ein zweiter, ein roter Samtwall, flankiert von den goldleuchtenden prächtigen Instrumenten. Für seine hoffnungsvolle, Siegfried noch einmal für jede taube Nuss überdeutlich ankündigende Schlussdrohung tritt Wotan (im Abendanzug) erneut kurz vor den Vorhang in einen Lichtkegel, der mit ihm sogleich wieder verschwindet.

Ein totaler Sieg des (bürgerlichen) Theaters und seiner Mittel und seines Geschmacks, und Wotan führt Regie und ist (ein letztes Mal) der Star. Dazu kommt ein unerwarteter, packender Wiedererkennungseffekt. Konwitschny ließ in seiner „Götterdämmerung“ vor neun Jahren, seinem Beitrag zum gemischten Stuttgarter Ring, schon den noch heikleren Teil, die Götterdämmerung selbst, den Weltenbrand zum Schluss der Tetralogie, bei geschlossenem Vorhang spielen. Der Text mit Richard Wagners praktisch nicht einzulösenden Regieanweisungen lief dort herunter, auch dies ein spröder, aber kräftiger Effekt. Sicher wird er das 2025 wieder aufgreifen, gute Einfälle altern auch gut.

Aber mit einem eher kuriosen Retro fängt es an. Länger keine Hunding-Hütte mehr mit einer so bescheidenen Mietswohnungsküche gesehen. Da winkt die Regietheaterausstattung von vor dreißig (?) Jahren, Konwitschny und Frank Philipp Schlößmann (Bühne und Kostüme) steigern das aber immerhin in sinnfälliger Ironie. Herd, Kühlschrank, Sofaecke als Statussymbole: eine größere, schickere Wohnküche mit insgesamt aber gleicher Raumaufteilung hat das Apartment im zweiten Akt, in dem Wotan wohl sonst seinem Lotterleben nachgeht. Die Megaküche zu Beginn des dritten Aktes dürfte zu Walhall gehören.

An der Oper Dortmund inszeniert Konwitschny nun seinen ersten vollständigen Ring, mit 77 Jahren. Die Neuproduktion steht im Mittelpunkt eines überaus originell ausgestalteten Großprojekts, das Intendant Heribert Germeshausen „Kosmos Wagner“ nennt und in dem sechsmal jeweils im Mai um Richard Wagners Geburtstag herum Opernpremieren und wissenschaftliche Begleitung seine musikalische und denkerische Welt ausleuchten sollen. Das Projekt, nun ja, begann ausgerechnet 2020, so dass Corona die ersten beiden Runden praktisch pulverisierte. Auch jetzt werden die Sitzplätze im Dortmunder Opernhaus noch kärglich vergeben, aber immerhin konnte alles über die Bühne gehen. Die eigenwillige Reihenfolge ist offenbar gewählt, „Siegfried“ 2023, „Rheingold“ 2024, „Götterdämmerung“ und kompletter Zyklus 2025.

Musikalisch lässt Gabriel Feltz es mit den Dortmunder Philharmonikern verhalten angehen, Langsamkeit hindert vor allem im ersten Akt das Aufblühen im Lenz. Astrid Kessler ist eine sehr engagierte Sieglinde, ihre Verzweiflung und Leidenschaft scheint gelegentlich geradezu aus einer anderen Sphäre zu stammen, ihr Siegmund, Daniel Frank, ist jedenfalls eher der lakonische Typ. Beide überzeugen mit jungen, schönen Stimmen, wie auch Stéphanie Müther als Brünnhilde, die sich kultiviert und diszipliniert durch die Partie arbeitet. Noel Bouley als leicht angerauter, sympathisch ziviler Wotan haushaltet klug und mit Erfolg. Kein Sängerfest, keine Raserei der Gefühle, es passt zur Gemütslage des szenischen Teils.

„Die Walküre“, einmal wieder eine Entmythologisierung. Im ersten Akt hängt Notung, das Schwert, zwar unerreichbar hoch, aber im entscheidenden Moment bringt Wotan eine Leiter herbei. Nicht der ungeduldige Siegmund, sondern die hellwache Sieglinde wird es sich schnappen können. Im zweiten Akt bringt Wotans Verachtung Hunding nicht um, er verlässt mit seiner Schlägerbande lediglich das Apartment, um zu Fricka rüberzugehen.

Wagner-Personal als Menschen zu zeigen, die so oder so zueinander stehen, ist nicht neu, eindrucksvoll aber doch wieder die Schnörkellosigkeit, mit der Konwitschny es durchführt, selten mit neckischen Einfällen, vor allem mit Reduktion und Bodenhaftung. Lustig spielen Wotan und Brünnhilde mit Pappspeeren und zünden Konfettibomben. Eine erschreckt nachher Fricka, Kai Rüütel mit hier ansonsten coolem Ehefrauenlamento, und ihre Leibwächter. Die Walküren sind Mädchen in Matrosenkleidern, die mit schwarzen, lappigen Schattenpuppen spielen und deren Rösser als wiehernde Steckenpferde aus der Unterbühne hochschauen. Eine Vorkriegssituation, höchstens.

Wotan und Brünnhilde mögen sich zutiefst und ungebrochen. Dass er sie demütigt und als Karikatur einer frustrierten, aufgetakelten Hausfrau ausstaffiert, wird er bereuen, den Popanz verwerfen, ihr das oben beschriebene große Theater gönnen. Respekt soll Siegfried haben und wird er. Seine Eltern Siegmund (von Wotan beweint) und Sieglinde haben so etwas Schönes nie gesehen.

Oper Dortmund: 29. Mai, 12., 16. Juni. theaterdo.de

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