Milo Rau

Zu wahr, um gezeigt zu werden?

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Frankreichs Konservative wollen eine Inszenierung von Milo Raus "Five Easy Pieces" über den Kindermörder Marc Dutroux verhindern.

Es ist Wahlkampf in Frankreich. Das mag erklären, dass der Präsident der Christdemokratischen Partei des Landes, Jean-Frédéric Poisson, in einem offenen Brief an den Justizminister gefordert hat, das „ungehörige“ und „traumatisierende“ Stück „Five Easy Pieces“ von Milo Rau zu verbieten.

„Stoppen wir dieses Stück“, wird von gut 10 000 Unterzeichnern gefordert. Das ist der durchsichtige Versuch, einen Theaterabend zu skandalisieren, der einen Skandal zum Stoff hat. Sieben Kinder zwischen 9 und 13 Jahren spielen die Geschichte des belgischen Kindermörders Marc Dutroux. Bis Mitte der Neunziger Jahre hatte er mehrere minderjährige Mädchen entführt und missbraucht; danach kam es zu haarsträubenden Ermittlungsfehlern, im August 1996 wurde er gefasst. Dutroux ist (nicht nur in Belgien) Synonym für das Böse und das Behördenversagen gleichermaßen. Die Kinder zeigen diesen Kindermörder in unverblümten, erbarmungslosen Szenen.

Wirklichkeit als Provokation

Natürlich stellt sich die Frage, ob das sein muss. Sicher, die Kunst darf alles, rein formal betrachtet. Aber warum soll sie es dürfen? Die Antwort darauf ist dieser große Abend selbst: Die Kunst darf alles, um von der Wirklichkeit zu erzählen, ohne vor ihr in die Knie zu sinken. Wenn es gut geht, zeigt sie damit Wirklichkeiten, die sonst verdeckt bleiben, poröse Wahrheiten, die sich auf keinen Begriff bringen lassen. Das tut „Five Easy Pieces“, und die Kinder werden dabei nie ausgestellt oder benutzt, sie wurden auch während der Proben und zwischen den mittlerweile in zehn Ländern gezeigten Vorstellungen intensiv betreut.

Der Vorwurf von Poisson, dass ihnen die Tragweite ihres Tuns auf der Bühne nicht bewusst sei und dieses sie „in eine ungehörige und traumatisierende Situation“ verwickle, läuft deshalb ins Leere. Ihm fehle jeder Anlass, so Milo Rau in einem Statement, denn ungehörig sei nicht „Five Easy Pieces“, sondern die Respektlosigkeit gegenüber den jugendlichen Darstellern. Ungehörig ist vor allem das Vorhaben, Theater auf bloße Äußerlichkeiten zu reduzieren, ohne es gesehen zu haben, also am verhandelten Stoff, dem Alter, Aussehen oder sonstigen Merkmalen der Darsteller auf das Dargestellte zu schließen.

Denn Milo Rau zeigt an diesem Abend gerade weder bloß die Pannen der Polizei, noch bedient er die Vorstellungen von einem angeblich unbeschreiblichen Bösen. Es ist beschreibbar, man kann es zeigen: Das ist die eigentliche Provokation dieser Inszenierung. Und dafür muss man ihn sehen.

In Berlin kann man es im Mai: Die Inszenierung ist dankenswerterweise zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen. In Frankfurt war es hingegen nicht möglich. Eine Aufführung auf Einladung des Mousonturms im November des vergangenen Jahres wurde vom Regierungspräsidium Darmstadt nicht erlaubt. Der Grund: Die beteiligten Kinder sind unter 14 Jahre alt, die Behörde sah das Jugendarbeitsschutz-Gesetz verletzt.

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