Open Spaces/Sommer Tanz 2018 , Dance : Ginevra Panzetti
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Open Spaces/Sommer Tanz 2018 , Dance : Ginevra Panzetti

Tanzfestival

Während die Welt schmilzt

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Das fünfte Tanz-Festival Rhein-Main startet mit Richard Siegals Ballet of Difference - und endet gleich wieder.

Die Schließung der Theater an diesem Montag hat auch das Tanzfestival Rhein-Main zu seinem Mini-Jubiläum getroffen: Am Freitagabend startete das fünfte Festival im Großen Haus des Darmstädter Staatstheaters, einem der Kooperationspartner, mit Richard Siegals am Schauspiel Köln beheimatetem Ballet of Difference, das kurzfristig eingesprungen war für eine französische Company. Am Sonntagabend war bereits wieder Schluss. Von den Kuratoren, Anna Wagner vom Frankfurter Mousonturm, Bruno Heynderickx vom Hessischen Staatsballett, war vielfach umgeplant worden, es half am Ende nichts. Einiges hofft man zu einem späteren Zeitpunkt zeigen zu können, so war zum Beispiel Tony Rizzi mit einem neuen Stück am Start. Mousonturmchef Matthias Pees und Staatstheater-Intendant Karsten Wiegand dankten besonders dem Kulturfonds Rhein-Main, der in jedem Moment seine Unterstützung signalisiert habe.

Wie Tony Rizzi ist Richard Siegal Frankfurtern noch als Tänzer bei William Forsythe bekannt. Er ist danach einen eigenwilligen, originellen Weg gegangen, über kleine Produktionen im Mousonturm nach München, wo er an die Muffathalle andockte, aber auch fürs Bayerische Staatsballett choreografierte, dann mit eigener Company, dem Ballet of Difference, nach Köln. Man kann noch einen gewissen Forsythe-Einfluss entdecken, das ist normal, aber Siegal ist nicht auf einen Stil oder eine bestimmte Art Stück festzulegen.

Schmelzendes Eis tanzen: Szene aus „New Sea Ocean Cycle“.

„New Ocean Sea Cycle“, das in einer von 14 Versionen nun das Tanzfestival eröffnete (eine weitere war am Samstag zu sehen), ist streng und spröde, die Musik dazu von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto oft nur eine Ahnung von Klang. Das Programmblatt teilt dazu mit: „Jeder getanzte ,Sea Cycle‘ ist einem anderen, neu entstandenen Polarmeer gewidmet und geht streng mathematisch von dessen Daten aus“. Ähnlich arbeitet der Brite Wayne McGregor bei seinen Choreografien mit Algorithmen, doch hier wie da ist das beim Ansehen des Ergebnisses schwer bis gar nicht nachzuvollziehen. Es geht bei Siegal um den Klimawandel, aber die Art der zufälligen Reihung von Bewegungsfolgen erinnert vor allem an Merce Cunningham.

Licht-Designer Matthias Singer hat den Algorithmus mit entwickelt, eine kreisrunde (Tanz-)Fläche, einem Eislaufrund nicht unähnlich, zeigt darum auch schwarz-weiße Muster oder ein gespenstisches Einströmen von Schwarz wie Tinte mittels Lichtprojektion. Acht Tänzerinnen und Tänzer in hautengem, teils durchsichtigem Schwarz (Kostüme: Flora Miranda) vollführen kühl, abgezirkelt, als Einzelkämpfer Bewegungsfolgen, die durch ihre Fremdheit faszinieren. Es ist eine Fremdheit, die bei den Frauen den Spitzenschuh einsetzt, aber alle klassischen Posen sofort bricht. Zum Beispiel schließen sich Arme nicht zum Kreis, sondern sind gegeneinander verschoben, oft nach hinten abgespreizt wie gebrochene Flügel.

Mit Bedacht und Präzision ist jede Geste in den düsteren Raum geschrieben. Obwohl „New Ocean Sea Cycle“ bereits im September 2019 Uraufführung hatte, ging es schon auf Distanz, ähnelt die Choreografie bisweilen mönchischen Exerzitien. Anderthalb herbe Stunden zur Eröffnung.

In den Kammerspielen folgte am Samstag das Duo „Harleking“ von Ginevra Panzetti und Enrico Ticconi, die unter anderem eine Schule „für rhythmische Bewegung und Philosophie“ in der Stadt Cesena besuchten. In der Tat wirkt das 40-minütige „Harleking“ sehr durchdacht.

Die beiden haben sich das jahrhundertealte pantomimische Repertoire des Harlekin in der Commedia dell’Arte zu eigen gemacht, das stumme Lachen, Plärren, Gesichterschneiden, Bauch halten, das Kratzfuß und Bückling machen, die kleinen Luftsprünge. Sie haben diese traditionellen Bewegungen erweitert, mit späteren pantomimischen Standards wie den Fernglas-Fingern vor den Augen. Und sie verstehen die Stimmung kippen zu lassen, dies auch mit Hilfe des Sounddesigns von Demetrio Castellucci, das vom fröhlichen Glucksen reicht bis zu etwas, das wie das Röhren einer Menschenmenge klingt. Panzetti umarmt den sitzenden Ticconi von hinten, als wolle sie ihn trösten, liebkosen, plötzlich nimmt sie ihn in den Schwitzkasten, gleich ist er tot – und schon lachen sie sich wieder kaputt, dass es sie schüttelt.

„Harleking“ ist bestechend präzise gearbeitet, bis hin zum Runterziehen der Mundwinkel. Vielleicht sieht man die beiden Talente ja wieder, mit einem weiteren Stück, in einer besseren Zeit.

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